36 Jahre nach dem Atomausstieg setzt Italien wieder auf Kernenergie. Hohe Strompreise und der Widerstand auch gegen RWE-Windräder treiben den Kurswechsel.
Italien steht vor einer historischen Kehrtwende in der Energiepolitik. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Atomausstieg schafft die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Rückkehr zur Kernenergie.
Dabei setzt Rom vor allem auf kleine modulare Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR). Das Abgeordnetenhaus hat dem Rahmengesetz bereits am 4. Juni zugestimmt; nach Angaben der Financial Times (FT) wird auch im Senat in Kürze mit einer Mehrheit gerechnet.
Mit dem Gesetz will Rom erstmals seit dem Atomausstieg wieder einen Rechtsrahmen für die kommerzielle Erzeugung von Atomstrom schaffen. Nach dem Inkrafttreten soll die Regierung innerhalb von zwölf Monaten neue Regeln für Planung, Genehmigung und Aufsicht der Kernenergie ausarbeiten sowie Vorgaben für den Umgang mit radioaktivem Abfall schaffen. Erst danach könnten konkrete Genehmigungsverfahren für einzelne Projekte beginnen.
Hohe Strompreise treiben Italien zum UmdenkenAus Sicht der Regierung ist die Rückkehr zur Atomkraft vor allem eine wirtschafts- und energiepolitische Entscheidung. Italien gehört innerhalb Europas zu den Ländern mit vergleichsweise hohen Strompreisen und deckt einen erheblichen Teil seines Strombedarfs weiterhin mit Erdgas. Nach zwei Energiekrisen innerhalb weniger Jahre wächst deshalb der politische Druck, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern und langfristig günstigeren Strom bereitzustellen, berichtet die FT.
Meloni wirbt dabei insbesondere für kleine modulare Reaktoren. Diese gelten als flexibler als klassische Großkraftwerke, befinden sich allerdings vielerorts noch in der Entwicklung und sind bislang kaum kommerziell im Einsatz.
Italien: Anwohner in Umbrien wehren sich nun gegen RWE-WindräderDie Debatte dreht sich in Italien inzwischen nicht mehr nur um Atomkraft. Nach Darstellung der FT wächst zugleich in Teilen des Landes der Widerstand gegen neue Wind- und Solarparks. Zu den Gegnern gehören unter anderem lokale Anwohner, Landschaftsschützer sowie frühere Umweltaktivisten, die Eingriffe in historische Kulturlandschaften und Tourismusregionen befürchten.
So wehren sich Anwohner in Umbrien gegen ein Windparkprojekt des deutschen Energiekonzerns RWE mit sieben bis zu 200 Meter hohen Anlagen. Für einige frühere Umweltaktivisten ist gerade dieser Konflikt inzwischen ein Argument für die Rückkehr zur Kernenergie. Sie vertreten die Auffassung, dass sich mit Atomkraft große Strommengen auf vergleichsweise kleiner Fläche erzeugen lassen.
Ende Juli forderte Umbriens Regionalpräsidentin Stefania Proietti Ministerpräsidentin Giorgia Meloni laut der lokalen Zeitung Il Foglio auf, die Genehmigung für das RWE-Projekt wieder aufzuheben. In ihrem Appell berief sie sich unter anderem auf den Schutz des kulturellen Erbes Umbriens – „im Namen des heiligen Franziskus, des heiligen Benedikt und unserer etruskischen Vorfahren“, berichtete die italienische Zeitung Il Foglio.
Die italienische Regierung verweist ebenfalls auf die besonderen geografischen Bedingungen des Landes. Große Teile Italiens seien bergig, landwirtschaftlich genutzt oder touristisch besonders wertvoll, weshalb sich der massive Ausbau erneuerbarer Energien schwieriger gestalte als in anderen europäischen Staaten.
Atomstrom braucht zu lang: Italiens Industrie fordert schnelle Lösungen für günstigeren StromUnumstritten ist der italienische Atomkurs jedoch nicht. Umwelt- und Klimaschutzorganisationen verweisen darauf, dass viele SMR-Technologien bislang kommerziell nicht erprobt seien und erneuerbare Energien deutlich schneller ausgebaut werden könnten.
Gleichzeitig drängt der italienische Industrieverband Confindustria auf einen beschleunigten Ausbau von Wind- und Solarenergie. Unternehmen könnten nicht noch ein Jahrzehnt auf neue Kernkraftwerke warten, sondern benötigten kurzfristig günstigeren Strom, zitiert die FT den Verband. Wind- und Solarprojekte mit einer geplanten Leistung von rund 130 Gigawatt warten derzeit noch auf Genehmigungen.
Atomkraft: Italien vollzieht historischen KurswechselItalien gehörte in den 1960er- und 1970er-Jahren zu den europäischen Pionieren der zivilen Kernenergie. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl stimmten die Italiener 1987 jedoch in einem Referendum gegen die Atomkraft; sämtliche Reaktoren wurden bis 1990 stillgelegt. Ein zweiter Anlauf unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi scheiterte 2011 nach der Fukushima-Katastrophe erneut an einer Volksabstimmung.
Heute scheint sich die Stimmung zu verändern. Einer im Juni veröffentlichten YouTrend-Umfrage zufolge bewerten 57 Prozent der Italiener den geplanten Wiedereinstieg in die Kernenergie positiv, 31 Prozent lehnen ihn ab.
Ob Italien tatsächlich wieder Atomstrom produziert, dürfte sich allerdings erst in den kommenden Jahren entscheiden. Zunächst muss der gesetzliche Rahmen verabschiedet werden. Erst danach könnten Unternehmen Anträge für den Bau neuer Reaktoren stellen.
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