2,5 Milliarden Menschen leiden an "verstecktem Hunger". Ihre Nahrung hat zu wenig Mikronährstoffe und Vitamine. Eine Kombination alter und neuer Züchtungsmethoden soll das beheben und die Pflanzen klimaresistent machen.
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Forschung aus Halle
Nutzpflanzen mit mehr Mikronährstoffen, die dem Klimawandel trotzenStand: 28.07.2026 15:51 Uhr
Rund 2,5 Milliarden Menschen leiden weltweit an "verstecktem Hunger". Ihre Nahrung enthält zu wenige Mikronährstoffe und Vitamine. Eine Kombination konventioneller und moderner Züchtungsmethoden soll das beheben und die Pflanzen zugleich resistent gegen den Klimawandel machen. Das zumindest schlägt eine Überblicksstudie unter Beteiligung von Pflanzenbiochemikern aus Halle vor.
von MDR WISSEN
Der Vitamin- und Mikronährstoff-Gehalt von Nutzpflanzen und deren Resistenz gegen den Klimawandel lässt sich nur durch eine Kombination aus konventioneller Züchtung, Gentechnik und Neuen Genomischen Techniken erhöhen. Zu diesem Fazit kommt eine Überblicksstudie eines internationalen Forscherteams unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde.
"Versteckter Hunger" für 2,5 Milliarden MenschenDem Forscherteam zufolge leiden aktuell weltweit nicht nur 700 Millionen Menschen an Hunger, sondern auch 2,5 Milliarden Menschen an "verstecktem Hunger". Das bedeutet, dass sie nur unzureichend mit den Vitaminen B2, B9, C und E sowie den Mineralstoffen Kalzium, Eisen und Jod versorgt sind. Bis zum Jahr 2050 könnten zudem weitere 239 Millionen Menschen einen Mangel an Vitamin B9 (Folsäure) erleiden.
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Als wesentlichen Grund für "versteckten Hunger" wird das seit den 1960er-Jahren betriebene Züchten von Pflanzen zur Ertragssteigerung angeführt. Dies habe zu reichen Ernten mit sinkenden Nährwerten geführt. Als Beispiel führen die Autoren an, das gekochter Reis heutzutage im Vergleich zu Mais und Weizen die geringsten Mengen an Mikronährstoffen enthält.
Vitamine für Menschen und Pflanzen wichtigVitamine seien jedoch nicht nur für den Menschen essenziell, sondern auch für die Stressresistenz von Pflanzen. So erhöhe die Behandlung von Pflanzen mit Thiamin (Vitamin B1) deren Trockentoleranz. Zudem würden die Vitamine B, C und E Pflanzen gegen Trocken-, Salz- und Überflutungsstress schützen. Züchtungen zur Erhöhung des Mikronährstoffgehalts von Nutzpflanzen könnten nach Ansicht der Studienautoren nicht nur die Menschen gesünder, sondern auch die Pflanzen resilienter machen.
Neue Kulturpflanzen durch BiofortifizierungSeit den 1990er-Jahren sind der Überblicksstudie zufolge im Rahmen der sogenannten Biofortifizierung Kulturpflanzen-Sorten wie Weizen, Mais und Bohnen mit angereicherten Nährstoffen wie Zink, Provitamin A oder Eisen gezüchtet worden. Die Anreicherung von weiteren Vitaminen sei mit der klassischen Kreuzungszüchtung bisher aber nicht gelungen. Diese alte Methode stoße an ihre Grenzen, weil man nur mit bereits vorhandenen genetischen Eigenschaften arbeiten könne. Bis zur Einführung neuer Sorten dauere es acht bis 15 Jahre.
So lange braucht es den Studienautoren zufolge auch, bis neue nährstoffreichere Sorten im Rahmen der Mutationszüchtung zur Marktreife gelangen. Durch Bestrahlung und Chemikalieneinsatz seien bislang eisenreicher Reis und Weizen mit Provitamin A erzeugt worden.
Die größten Biofortifizierungserfolge konnten den Forschern zufolge bislang durch gentechnische Verfahren erzielt werden. Dazu gehöre der sogenannte Goldene Reis, dessen Körner aufgrund der Anreicherung mit dem Provitamin A gelb sind. Da gentechnisch veränderte Pflanzen strengen Zulassungsverfahren unterliegen, gelangen neue Sorten jedoch frühestens in zwölf bis 16 Jahren auf den Markt.
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Die sogenannten Neuen Genomischen Techniken (NGT), auch als Genom-Editierung bezeichnet, sind nach Ansicht der Autoren am präzisesten und hätten zudem großes Zukunftpotenzial. Dazu gehören molekularbiologische Methoden wie CRISPR/Cas, mit dem das Erbgut gezielt verändert werden kann. Mithilfe der jungen Technologie wurde unter anderem eine Reissorte mit erhöhtem Zink- und Eisengehalt hervorgebracht. Die Entwicklungszeit neuer Sorten dauert mit CRISPR/Cas etwa zwei bis sechs Jahre. Das EU-Parlament hat im Juni 2026 gelockerte Regeln für NGT-Verfahren erlassen.
Dem Fazit der Studienautoren zufolge kann keine der angeführten Züchtungsmethoden allein den Mikronährstoffmangel auf der Welt beheben. Dafür sei vielmehr eine Kombination aus klassischer Pflanzenzüchtung und modernen Züchtungsverfahren notwendig.
(dn)
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