Laut einem UN-Bericht ist die weltweite Hungerrate leicht gesunken. Doch bewaffnete Konflikte und steigende Preise sorgen für mehr Risiken.
Die FAO kritisiert, dass Agrarsubventionen noch immer zu stark in die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Getreide gesteckt werden.
Foto: dpa/Jens Büttner
Kurz ertönt freudiger Applaus im Hauptsaal der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), als Generaldirektor Qu Dongyu einen seltenen Erfolg verkündet: Die Dominikanische Republik hat es im vergangenen Jahr offiziell von der sogenannten Hungerkarte geschafft. Die Rate der chronisch Hungernden fiel in dem Karibikstaat unter die kritische Schwelle von 2,5 Prozent. Das geht aus dem neuen Weltbericht zu Lebensmittelsicherheit und Ernährung (SOFI 2026) hervor, den Qu am Dienstag in Rom vorstellte.
Egal ob ein Land groß oder klein sei, man könne von diesem Erfolg lernen, betonte der chinesische Agrarwissenschaftler während der Präsentation des Berichts. »Es braucht ein starkes politisches Engagement vom Präsidenten über die Minister und Landwirte bis hin zur Zivilgesellschaft, um den Hunger gemeinsam und mit verlässlicher Politik zu bekämpfen.«
Auch insgesamt stimmen die Zahlen auf den ersten Blick leicht hoffnungsvoll, da die globale Hungerrate zum dritten Mal in Folge gesunken ist. Im vergangenen Jahr litten laut Bericht 645 Millionen Menschen an chronischem Hunger, was einem Rückgang von knapp 14 Millionen im Vergleich zum Vorjahr entspricht. »Der Bericht zeigt, dass Fortschritt möglich ist, aber wir müssen uns schneller bewegen«, forderte Qu.
Ziel, bis 2030 den Hunger zu beenden, bleibt unerreichbarDoch ein Blick hinter die Durchschnittswerte offenbart ein ungleich düstereres Bild. Noch immer können sich weltweit rund 2,69 Milliarden Menschen keine rundum gesunde Ernährung leisten, weil Lebensmittel wie Obst und Gemüse zu teuer sind. Das Ziel der UN, den Hunger bis zum Jahr 2030 komplett zu beenden, bleibt für viele Länder unerreichbar. Laut aktuellen Schätzungen werden im Zieljahr weltweit immer noch über eine halbe Milliarde Menschen hungern.
Während sich die Lage in Süd- und Südostasien sowie in Lateinamerika verbesserte, verzeichnet Afrika nun in absoluten Zahlen die meisten Hungernden. Auch wenn der katastrophale Trend dort gestoppt werden konnte und die Hungerrate leicht auf 20 Prozent sank, stieg die absolute Zahl der Betroffenen aufgrund des Bevölkerungswachstums weiter an: Mit rund 309 Millionen Menschen hat rund ein Fünftel der Bevölkerung dauerhaft nicht genug zu essen. Ursachen sind meist eskalierende bewaffnete Konflikte, bei denen Felder zerstört und wichtige Transportrouten blockiert werden, sodass auch Nahrungsmittelpreise rasant steigen.
»Wir müssen uns auf eine Welt vorbereiten, in der der Handel fragmentiert ist sowie die Kosten und Betriebsmittel für die Landwirtschaft weiter steigen.«
Máximo Torero FAO-Chefökonom
Für das Jahr 2025 bestätigte die FAO im Sudan und in Teilen des Gazastreifens eine Hungersnot. Auch im Südsudan, im Jemen und im Karibikstaat Haiti leidet mehr als die Hälfte der Menschen unter akuter Not. Mit Blick auf die absoluten Zahlen verzeichnen Nigeria, die Demokratische Republik Kongo und Afghanistan die meisten Hungernden.
In dieser ohnehin angespannten Lage, die sich durch Extremwetterereignisse in den kommenden Jahren weiter zuspitzen dürfte, brechen die internationalen Hilfsgelder weg – auch aus Deutschland. Zwischen 2022 und 2025 schrumpfte die humanitäre Unterstützung für den Lebensmittelsektor laut dem Bericht um dramatische 59 Prozent.
Gleichzeitig belastet der Krieg zwischen den USA und dem Iran die internationalen Märkte. Durch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus stiegen die Preise für Energie und Düngemittel weltweit rasant an. Das verteuert den Nahrungsmittelanbau massiv, was im kommenden Jahr stark durchschlagen dürfte.
Schrumpfende Hilfsgelder, steigende Preise»Wir haben eine enorme geopolitische Spaltung«, warnt FAO-Chefökonom Máximo Torero. »Wir müssen uns auf eine Welt vorbereiten, in der der Handel fragmentiert ist sowie die Kosten und Betriebsmittel für die Landwirtschaft weiter steigen.«
Fachleute fordern vor diesem Hintergrund dringend neue Lösungen. Agrarsysteme müssten widerstandsfähiger werden, um klimatischen und wirtschaftlichen Schocks besser standzuhalten. Ein entscheidender Hebel liegt für die UN-Expert*innen darin, wie Staaten ihre Agrarsubventionen verteilen. Bislang fließen finanzielle Hilfen oft in Grundnahrungsmittel wie Getreide. Künftig sollten verstärkt Landwirt*innen gefördert werden, die Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte anbauen.
Investitionen in Nahrung und InfrastrukturZivilgesellschaftliche Akteure wie die Menschenrechtsorganisation FIAN kritisieren zudem, dass sich Agrarsysteme immer weiter davon entfernen, Menschen zu ernähren, während die Anbauflächen für industrielle Agrarrohstoffe stetig wachsen. Die Politik müsse das Recht auf Nahrung in das Zentrum ihres Handelns stellen, betonte FIAN-Geschäftsführer Philipp Mimkes in einer Stellungnahme. Zudem fordert die Organisation eine Abkehr von energieintensiven Anbausystemen und – hier im Einklang mit dem UN-Bericht – von krisenanfälligen Lieferketten.
Regierungen müssten massiv in bessere Straßen sowie Kühlketten investieren, damit frische Produkte beim Transport nicht verderben und die Preise steigen, forderte FAO-Generaldirektor Qu. Es sei unverständlich, dass weltweit gewaltige Summen für digitale Lösungen und KI-Infrastruktur flössen, während das Geld für grundlegende Lebensmittelinfrastruktur fehle.
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