Neue Hoffnung für den Wasserstoffmarkt: Das Energieunternehmen und der Stromerzeuger treiben ein Elektrolyseur-Projekt voran – unter einer Bedingung.
Berlin. Der Aufbau des Wasserstoffmarkts stockt in Deutschland. Projekte werden abgesagt oder verzögern sich. Jetzt stellen sich die EWE AG aus Oldenburg und die österreichische Verbund AG gegen den Trend: Gemeinsam planen sie den Bau eines Elektrolyseurs zur Wasserstoff-Herstellung mit einer Leistung von bis zu 500 Megawatt (MW). Das bestätigten EWE-Chef Stefan Dohler und Verbund-Chef Michael Strugl im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Ab 2032 soll die Anlage grünen Wasserstoff für die Sektoren Industrie, Mobilität und Energie bereitstellen. Gebaut werden soll der Elektrolyseur in der Wesermarsch, also in der Region zwischen Oldenburg und Bremerhaven. Die Investitionsentscheidung ist aber noch offen – und hängt von der EU-Kommission ab.
In Elektrolyseuren wird Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff getrennt. Wenn der für die Elektrolyse eingesetzte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, ist der Wasserstoff klimaneutral. Er wird deshalb auch als „grüner Wasserstoff“ bezeichnet.
Mit der geplanten Leistung von bis zu 500 MW steht das Vorhaben von EWE und Verbund weit oben in der Rangliste der in Deutschland angekündigten Wasserstoffprojekte. Die Zahl der Projekte ist in den vergangenen Jahren allerdings kleiner geworden, weil die Zweifel an der Finanzierbarkeit und einer gesicherten Nachfrage zu groß waren.
Fachleute bestätigen die Stagnation. „Im vergangenen halben Jahr hat kein großes Projekt mit einer Kapazität von mehr als zehn MW eine finale Investitionsentscheidung getroffen oder ist in Betrieb gegangen“, sagte Ann-Kathrin Klaas, Wasserstoff-Expertin beim Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (EWI), dem Handelsblatt.
Das EWI führt seit 2022 eine Datenbank über aktuelle und geplante Wasserstofferzeugungsprojekte in Deutschland. Erfasst werden Standorte, installierte Leistung und Status der Projekte. Laut EWI-Zahlen von Anfang 2026 waren im Dezember 2025 Wasserstoff-Elektrolyseure mit einer Kapazität von 181 MW in Betrieb. 22 Projekte mit einer kumulierten Elektrolysekapazität von etwa 1300 MW waren laut EWI Ende 2025 im Bau oder hatten eine finale Investitionsentscheidung. Mit aktualisierten Werten ist in Kürze zu rechnen.
EU-Kriterien bremsen den AusbauVerbund-Chef Strugl sagte, es sei nicht von der Hand zu weisen, dass sich der Wasserstoff-Hochlauf verzögere. „Wir glauben aber nach wie vor daran, dass der Wasserstoff-Hochlauf mittelfristig gelingen wird“, sagte er. Der Bedarf entstehe in den Branchen, in denen keine Elektrifizierung möglich sei.

Michael Strugl: Setzt auf den Wasserstoffmarkt. Foto: Dietmar Gust
Die Politik hat schon vor Jahren ehrgeizige Ziele für den Wasserstoff-Hochlauf definiert. Sie will all jenen Branchen klimaneutralen Wasserstoff zugänglich machen, die ihre Prozesse nicht komplett elektrifizieren können. Das trifft etwa auf die Stahlerzeugung und Teile der Chemieindustrie zu. Auch Schiffs- und Flugverkehr brauchen Wasserstoff, um auf dem Weg zur Klimaneutralität voranzukommen.
EWE-Chef Dohler sagte, die Voraussetzungen in der Wesermarsch seien ideal. Es biete sich der Zugang zu einem leistungsfähigen Stromnetzanschluss und zum künftigen Wasserstoffkernnetz. Außerdem gebe es eine hohe Verfügbarkeit von Strom aus erneuerbaren Quellen und den Zugang zu ortsnahen Wasserstoff-Speicherinfrastrukturen.
Als Hauptgrund für den stockenden Hochlauf gilt die Regulierung der Europäischen Union (EU). Sie schreibt vor, dass der Strom, der für die Elektrolyse eingesetzt wird, nicht aus bestehenden Wind- oder Photovoltaikparks stammen darf, sondern in neu errichteten Anlagen produziert werden muss. Fachleute sprechen vom Kriterium der „Zusätzlichkeit“. Die EU will damit verhindern, dass dem Strommarkt für die Wasserstoff-Elektrolyse Grünstrom entzogen wird. Ab 2028 soll das Kriterium verpflichtend gelten.
Zudem muss die Wasserstoff-Elektrolyse zeitlich eng mit der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen zusammenhängen. Dieses Kriterium heißt „Gleichzeitigkeit“. Bis Ende 2029 gilt eine Kongruenz von einem Monat, ab 2030 soll eine Ein-Stunden-Regel gelten: Dann dürfte die Elektrolyse nur parallel zur Stromproduktion laufen.
Raffinerien als verlässliche KundenDie Folge der beiden Kriterien: Es müssen eigens neue Wind- oder Photovoltaikparks errichtet werden. Zugleich senkt die enge zeitliche Korrelation zwischen Elektrolyse und Stromerzeugung die Auslastung der Elektrolyseure. Beide Faktoren drücken auf die Rentabilität und verteuern den grünen Wasserstoff.
Zu den wenigen Abnehmern, die derzeit bereit sind, die hohen Preise für grünen Wasserstoff zu zahlen, gehören Raffinerien. Der Grund dafür: Die europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) schreibt Raffinerien gesetzlich bindende Quoten für den Einsatz von grünem Wasserstoff im Produktionsprozess vor. Bei Nichterfüllung drohen hohe Strafzahlungen.
Wenn alles so bliebe wie jetzt, könnten wir keine finale Investitionsentscheidung treffen. Stefan DohlerEWE-Chef
Nach jahrelanger Kritik aus der Branche steht aktuell zur Diskussion, die Regelungen zur Zusätzlichkeit und Gleichzeitigkeit erst später gelten zu lassen oder sie abzuschwächen. Nach bisheriger Planung der EU-Kommission sollte erst 2028 eine Überprüfung der Kriterien stattfinden. Sie hatte allerdings im Frühjahr eingeräumt, dass sich schon früher etwas ändern sollte, und Erleichterungen in Aussicht gestellt, die bereits im Juni bekannt gegeben werden sollten. In Kommissionskreisen heißt es, man arbeite an dem Thema.
Genau das ist für EWE und Verbund essenziell. „Die Hürden, die wir noch zu nehmen haben, liegen auf der regulatorischen Ebene. Wir setzen darauf, dass die EU-Kommission bei der geplanten Revision der Produktionskriterien für erneuerbaren Wasserstoff Klarheit schafft“, sagte EWE-Chef Dohler. „Wenn alles so bliebe wie jetzt, könnten wir keine finale Investitionsentscheidung treffen.“

Stefan Dohler: Ideale Bedingungen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Wenn die EU-Kommission die Hürden beseitigt, könnte das die Kosten für die Produktion von grünem Wasserstoff erheblich drücken. „Wenn sich die Regulierung ändert, halten wir es für möglich, grünen Wasserstoff zu Kosten von unter fünf Euro je Kilogramm herzustellen“, sagte er. Das wäre ein deutlicher Kostenrückgang, denn unter den geltenden Bedingungen erscheinen eher Preise von acht bis zehn Euro realistisch.
Nicht nur EWE und Verbund sind wegen der Regulierung verunsichert. „Viele Projektierer warten aufgrund der weiterhin unsicheren Gesetzeslage ab“, sagt EWI-Expertin Klaas.
Transformation Welche Klimaschutzmaßnahmen sich lohnen – und welche nicht
Branchenvertreter betrachten politischen Stillstand zunehmend kritisch. „Der Elektrolyse-Hochlauf scheitert nicht an der Technologie, sondern an Regeln, die eine junge Branche behandeln, als müsse man ein etabliertes Monopol einhegen“, sagte Jorgo Chatzimarkakis, Chef des Branchenverbands Hydrogen Europe, dem Handelsblatt. Die Ankündigungen der EU-Kommission müssten „noch in diesem Jahr in flexiblere, investitionsfähige Kriterien münden“, forderte er.
Chatzimarkakis spricht sich dafür aus, dass die gesetzlich bindenden Quoten für den Einsatz von grünem Wasserstoff in Raffinerien aus der RED III auch für die künftige RED IV, an der die EU-Kommission aktuell arbeitet, gelten sollen. „Ohne verlässliche Nachfrage werden Elektrolyseure nicht gebaut und Projekte nicht finanziert“, sagte er.
Regulierung ist auch im Bund ein ThemaNicht nur auf europäischer, sondern auch auf Bundesebene treibt die Regulierung die Branche um. Andreas Kuhlmann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff-Verbands (DWV), beobachtet mit Sorge Überlegungen des Bundeswirtschaftsministeriums, mit Blick auf die RED IV.
Kuhlmann bezieht sich auf ein internes „Informationspapier zum Rahmenwerk für erneuerbare Energien bis 2040“ des Bundeswirtschaftsministeriums, das seit einigen Wochen kursiert. In dem Papier werden die spezifischen Ziele der RED III für den Einsatz von Wasserstoff im Verkehrssektor, speziell in Raffinerien, als „zu ehrgeizig“ bezeichnet. Sie müssten „erheblich vereinfacht werden“, es müsse sektorübergreifende Ziele geben.
Aus Kuhlmanns Sicht ist das der falsche Weg: „Die Überlegungen aus dem BMWE zur Zukunft der RED im Bereich Wasserstoff sind mehr als bedauerlich und für die Branche schon durch das bloße Bekanntwerden verheerend“, sagte er dem Handelsblatt.
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WasserstoffMit dem Projekt in der Wesermarsch könnte EWE bald führender Hersteller von grünem Wasserstoff in Deutschland werden. Das Unternehmen errichtet derzeit bereits einen 320-MW-Elektrolyseur im ostfriesischen Emden, der Ende 2027 fertiggestellt sein soll. Ankerkunde wird der Stahlhersteller Salzgitter.
Anfang Juni hatten EWE und Salzgitter bekannt gegeben, dass EWE Salzgitter ab 2030 mit grünem Wasserstoff beliefern wird. Der Stahlhersteller geht dabei davon aus, dass seine Kunden bereit sind, für klimaneutral hergestellten Stahl einen Aufpreis zu zahlen. Diesen Optimismus teilen nicht alle Stahlhersteller.
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