Wenige Sekunden müssen reichen: Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt zeigt, was passiert, wenn politische Aufmerksamkeit wichtiger wird als politische Urteilskraft.
Sind TikTok und Co. der Vorhof des politischen Untergangs? Nun, Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel warnte vor rechten Informationsblasen. Viele Menschen, sagte er Anfang August dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, informierten sich kaum noch über die klassische Medienvielfalt, sondern vor allem über TikTok, rechte Online-Portale und Boulevardmedien.
Selbst Kinder, so Riedel, verbreiteten rechtsradikale Sprüche. Sind Soziale Medien also doch Vorhof des politischen Untergangs? Ganz so einfach ist es nicht. Im März verteidigte Riedel im Landtag ausgerechnet seine eigenen, teils humorvollen TikTok-Videos. In einem Clip ließ der CDU-Politiker sich auf einem Rollwagen durch einen Flur schieben, in einem anderen sprach er mit einem Stoffpapagei.
Unterhaltsamer Blödsinn?Ziel sei es, mit solchen Beiträgen Reichweite zu erzielen und darüber auch auf ernsthafte Themen aufmerksam zu machen. Das Ministerium erklärte, einmal pro Woche werde bewusst ein unterhaltsamer Clip veröffentlicht. Folgt dies einem kommunikativen Konzept oder ist es nur unterhaltsamer Blödsinn?
Man denkt darüber nach und ist sich wo möglich kein bisschen sicher. Nun, Riedel weiß also durchaus, wovon er spricht. Sein Ministerium will die Mechanik der Plattform nutzen und warnt zugleich vor ihren Folgen für die politische Wahrnehmung. Das ist kein Widerspruch, sondern eher eine hübsche Illustration dafür, wie sehr Politik inzwischen im Zwang der Aufmerksamkeit steckt.
Gleichwohl ist ein Punkt für aufmerksame Nutzer sozialer Medien seit Langem offensichtlich: Komplexe Themen werden von Akteuren aller politischen Lager auf eine leicht konsumierbare Erklärung reduziert. Die Lösungen sind oftmals nur Phrasen. Oder anders formuliert: Die „Wahrheit“ muss gefällig sein und möglichst in 50 Sekunden kommuniziert werden. Erkennen Sie sich wieder? – Wie oft triggern Sie und mich eine reißerische Schlagzeile? Wie oft endet unsere Konzentration oder unser Interesse nach fünf oder zehn Sätzen?
Wie intensiv sind wir an Argumenten und Gegenargumenten wirklich interessiert? Ist uns ein süßes Kätzchen in einem Spot bei TikTok bedeutsamer als eine politische These? Was interessiert uns bei Instagram wirklich: vielleicht eine herabstürzende Kokosnuss auf den Kopf eines weißen, männlichen Touristen am Strand von Irgendwo? Oder sind wir in unseren Gedanken bei der bürokratischen Last für Unternehmer oder der hohe Steuer- und Abgabenquote in Deutschland?
Auf Facebook, Instagram und TikTok informiert sich die Jugend über die Wahl.
© Yui Mok
Das Kätzchen und die Kokosnuss haben eines gemeinsam: Sie zaubern uns ein belangloses Lächeln ins Gesicht. Während zugleich Bürokratie und Steuern uns die Wurst – oder in vegetarischer Sprache: den Käse und das Salatblatt – vom Brot nehmen. Natürlich spielen soziale Medien eine Rolle. Kein Mensch sollte sie verbieten.
Die Frage ist nur, wie achtsam und qualifiziert Sie und ich mit den Informationen dort umgehen. Hinterfragen wir, was der CDU-Mann Jan Riedel, der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und andere uns in 50 Sekunden nahebringen? Sind wir auch dann noch als wahlberechtigte Bürger aufmerksam dabei, wenn Politiker ab der 51. Sekunde etwas Wichtiges zu sagen haben?
Ärger, Ekel und Abgrenzung bringen mehr InteraktionNein, eine Schelte der Politiker greift zu kurz. Denn es geht nicht nur um oberflächliche Inhalte und selektive Informationen. Wir Bürger sollten uns vielmehr an die eigene, sensationslüsterne Nase fassen. Eine wissenschaftliche Analyse von mehr als 25.000 TikTok-Videos aus dem Bundestagswahlkampf 2025 zeigte: Ärger, Ekel und Abgrenzung bringen mehr Interaktion als positivere Botschaften. Empörung hat, digital betrachtet, eine beneidenswerte Konjunktur. Und an dieser Logik wirken wir als Konsumenten kräftig mit.
Da inzwischen alle Parteien wissen, wie wir Bürger ticken, wird unsere Lust am intellektuellen Desaster zum Konzept für die Kommunikation der Parteien. Jetzt, wo Deutschland nach Sachsen-Anhalt schaut, sehen wir dort geradezu ein Labor für diese neue politische Ökonomie der Aufmerksamkeit. Das Land altert, verliert Einwohner, ringt mit Bildungsproblemen, medizinischer Versorgung, Infrastruktur, Verschuldung und wirtschaftlicher Perspektive.
Das sind keine Probleme, die sich mit „mehr“, „weniger“, „endlich“ oder „Schluss damit“ seriös bearbeiten lassen. Schon gar nicht in 50 Sekunden. Aber genau diese Wörter scheinen wunderbar algorithmusfähig. Der schwierige Teil beginnt deshalb beim Publikum: bei Ihnen und mir. Es ist verführerisch, sich die Welt so liefern zu lassen, dass nach 50 Sekunden Gegner, Schuldiger und Lösung feststehen. Das spart Zeit. Vor allem spart es Zweifel.
Nur war Zweifel einmal eine ziemlich nützliche Voraussetzung für Urteilskraft. Das heißt nicht, dass wir Bürger vor jeder Wahl 80 Seiten Programme studieren müssten. Demokratie darf Alltag sein. Aber sie funktioniert schlecht, wenn das Wahrgenommenwerden wichtiger wird als das Verstandenwerden. Wer nur noch die politische Botschaft akzeptiert, die in ein Hochkantvideo passt, darf sich nicht wundern, wenn Politik irgendwann genauso flach wird wie der Bildschirm, auf dem sie stattfindet.
Ist das Gesagte wirklich wahr?Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt nicht die Frage, welche Partei TikTok am besten beherrscht. Sondern ob eine Gesellschaft noch bereit ist, nach dem ersten Impuls die wichtigen Fragen zu stellen. Ist das Gesagte wirklich wahr? Was folgt daraus? Was spricht dagegen? Was wurde weggelassen? 50 Sekunden können Neugier wecken.
Sie können einen Gedanken anstoßen. Sie können sogar klug sein. Nur eine Demokratie, die ihre komplizierten Konflikte dauerhaft auf dieses Format zusammenschneidet, verwechselt Aufmerksamkeit mit Urteilskraft. Die Demokratie beginnt deshalb nicht mit dem nächsten Clip. Sie beginnt in Sekunde 51.
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