Erika Schirmer hätte nicht geglaubt, dass sie noch mal in Wir-müssen-den-Gürtel-enger-schnallen-Zeiten leben würde. 1949 hat sie das Lied »Kleine weiße Friedenstaube« geschrieben. Heute wird sie 100 Jahre alt.
Drei Jahre ist es nun her. In einem Seniorenheim bei Nordhausen treffe ich Erika Schirmer. Eine Stunde Gespräch über fast 100 Jahre – mit glücklichen Kindertagen in Schlesien, Krieg, die Flucht mit Mutter und Schwester, Nachkriegszeit und Neuanfang in Nordhausen. Eine lange, gute Zeit. Sie arbeitet als Kindergärtnerin, später in einer Tagesstätte für behinderte Kinder und schreibt das erste Lehrbuch der Sonderpädagogik in der DDR. Bekannt wird sie durch ein Lied – das DDR-Lied überhaupt: »Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land.« Im Frühjahr 1949 entstehen Text und Melodie. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag.
Rückblick. Anfang 1949 besucht der französische Dichter Louis Aragon seinen Freund, den Maler Pablo Picasso, um für das Plakat zum ersten Weltfriedenskongress im April in Paris ein Bild auszuwählen. Er entscheidet sich für eine Lithografie mit der realistischen Darstellung einer weißen Taube vor schwarzem Grund. Seitdem ein universelles Symbol des Engagements für Frieden.
Auf ihrem täglichen Weg zum Kindergarten wird die 22jährige noch lange durch eine zerstörte Stadt gehen. Vorbei an Trümmern und an neuen Häusern, an Geschäften mit knappen Angeboten. Nachkriegszeit eben und Aufbauzeit. Und endlich Frieden. Fast ein Zufall, dass Erika Schirmer das Plakat mit der Friedenstaube sieht. Es hängt in einem notdürftig hergerichteten, mit Brettern vernagelten Schaufenster. Ein Zeichen der Zeit. Ein Anfang für Nordhausen, die Hoffnung der Welt: Nie wieder Krieg. Fliege, kleine Friedenstaube. Sie singt es ihren Kindergartenkindern vor, den Kolleginnen gefällt es:
»Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land; Allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt. / Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.«
In der Zeitschrift Neue Erziehung wird es sofort veröffentlicht. »Seitdem fliegt sie.« Erika Schirmer lächelt. Auf dem Tisch liegen Mappen mit Briefen aus aller Welt, aktuelle Zeitungsausschnitte mit Interviews, eine CD mit Neuaufnahmen des Liedes, gesungen vom Ernst-Busch-Chor Berlin und dem Nordhäuser Kinderchor »Die Lohmarktspatzen«. »Nehmen Sie es mit. Und grüßen Sie die Kathrin in Oelsnitz.«
Kathrin Jakob, Buchhändlerin, bereitete damals wie auch in diesem Jahr den Weltfriedenstag vor mit einer Ausstellung über Erika Schirmer und über das Lied. Gegen das Vergessen, gegen gesellschaftliche Verwahrlosung. Kathrin Jakob zeigt mir das Liederbuch für die erste bis vierte Klasse, Verlag Volk und Wissen, Berlin 1964. Seite 27: »Kleine weiße Friedenstaube.« »Kennen Sie doch?« Natürlich, wer nicht? Ich glaube, jeder, der noch in der DDR zur Schule gegangen ist, kennt es. Ich wette drauf, dass die meisten es auch noch singen können. Wäre selbst auf dem Mond ein Erkennungszeichen. Vielleicht ist das Identität. »Und dann, denken Sie mal, nach der Wende wurde die Friedenstaube aus dem Liederbuch entfernt. Einfach raus! Gestrichen! Weg!« Ja klar. Kein Wunder, das passt in die Zeit und erst recht zur heute propagierten »Zeitenwende«. Die Buchhändlerin möchte die Taube wieder im Liederbuch haben. Das wird wohl nicht klappen – wo leben wir denn? Kriegsbereit – oder war es kriegstüchtig? – muss das Volk werden, trommelt Minister Pistorius, die politische Clique erwartet Verzichtsbereitschaft und nationale Leidensfähigkeit: Militarisierung kostet.
Dass sie noch mal in Wir-müssen-den-Gürtel-enger-schnallen-Zeiten leben würde, hätte Erika Schirmer nicht geglaubt. Nein. Mit ihrem Leben und künstlerischen Schaffen in Nordhausen ist sie zufrieden. Bis 1990 konnte sie auch sicher sein, dass das Land, in dem sie lebte, Frieden wollte. »Nie wieder Krieg«, war Staatsräson in der DDR. Armee ja, aber nie Krieg geführt. Mir fällt ein, was Kathrin Jakob vor drei Jahren sagte: »Wissen Sie, das ist uns immer eingetrichtert worden: Frieden. Immer ging es um Frieden.« Beim Pioniergruß für Frieden und Sozialismus, auf jedem Plakat stand es, in den Zeitungen sowieso, in der Kaufhalle wurde für den Frieden gekämpft, die Kirche hat darum gebetet. »Da haben wir auch gestöhnt … Heute sage ich Ihnen: Besser vom Frieden an jeder Ecke reden als jeden Tag von Waffen und Krieg, wie es jetzt ist.«
Kein bisschen zufrieden sind beide Frauen mit dem Zustand der Welt – die Buchhändlerin zitiert aus der Bibel die Stelle, wo der Prophet Jesaja zornig über das Treiben der Menschen sagt: »Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; / und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; / denn eure Hände sind voll Blut. / Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen. Lasst ab vom Bösen, / lernt Gutes tun!« (Jesaja 1,15–17) Die Worte fallen wie Steine in die heutige Welt. Jesaja klagt soziale Missstände an, das Streiten und Morden. Die Gier nach mehr. Machtgier. Krieg.
Es klingt nach Spartakus und Thomas Müntzer, nach Marx und Engels, nach Lenin, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, nach Thälmann, Che Guevara, Gladys Marín, nach einer verzweifelten Ulrike Meinhof. Es klingt wie: Verändert diese Welt, verdammt noch mal. Wehrt euch endlich. Oder: Geht auf die Straße und singt: »Fliege, kleine Friedenstaube.«
Liebe Erika Schirmer, Danke für das Lied und herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag.
Ja, sagt Kathrin Jakob, von ganzem Herzen alles Gute. Dann lädt sie die Redaktion und ihre Leser zur Eröffnung ihres Lesecafés in Oelsnitz ein. Am 1. September – zum Weltfriedenstag.
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