In Erinnerung an koloniale Gräueltaten in Namibia: Tuli Mekondjos »Echos der Matriarchinnen« im Deutschen Bundestag als Kunstwerk des Monats.
Kunst trifft auf Grundgesetz: Tuli Mekondjos vor ihrem »Echos der Matriarchinnen«
Foto: screenshot/youtube
Im vergangenen Jahr wurden anlässlich des 75. Jubiläums des Grundgesetzes 19 Künstler*innen eingeladen, sich jeweils mit einem der Grundrechte auseinanderzusetzen. Die Ausstellung »WIR. 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum« im Deutschen Bundestag brachte damit zeitgenössische Kunst und die zentralen Prinzipien der deutschen Verfassung in einen Dialog.
Dass die namibische Künstlerin Tuli Mekondjo dabei den Auftrag erhielt, eine Arbeit für Artikel 1 des Grundgesetzes zu schaffen, hätte nicht von größerer Bedeutung sein können. Mit »Kwariri Nyoko Kevako: Echos der Matriarchinnen« (2024) war Mekondjo nicht nur die erste namibische Künstlerin, die ein Werk für die Sammlung des Deutschen Bundestages schuf. Sie widmete sich darin auch der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia, als das Land als Deutsch-Südwestafrika von 1884 bis 1915 unter deutscher Kolonialherrschaft stand, sowie dem Genozid, den Deutschland zwischen 1904 und 1908 an den Nama und Ovaherero verübte. Diesen Gewaltverbrechen stellt Mekondjo ihre künstlerische Praxis als ebenso historische wie gegenwartsbezogene Erinnerungsarbeit entgegen, die im ersten Artikel des Grundgesetzes kulminiert: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
In dem Werk wie in anderen ihrer Arbeiten entschied sich Mekondjo, namibische Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, die in dominanten Erzählungen über Krieg und Widerstand häufig übergangen werden. »Echos der Matriarchinnen« ist eine monumentale, fünfteilige Fototransferarbeit auf Leinwand, bei der Mekondjo historische Fotografien mit textilen Verfahren verband. Stickereien, Überlagerungen, Zeichnungen und Materialien wie Mahangu-Körner (Hirse), Harz, Farbe und Tinte prägen den Eindruck des Werks.
Während koloniale Archive Frauen als Objekte ethnographischer Betrachtung erniedrigten, legen Mekondjos Arbeiten die Machtverhältnisse offen, die in vermeintlich neutrale Archive eingeschrieben sind, und stellen kritische Fragen: Wer wurde wie fotografiert? Wer fotografierte? Wer durfte sprechen? Welche Körper wurden dokumentiert, vermessen oder ausgestellt? Welche Geschichten sollten unsichtbar bleiben? Für wen wurden Bilder produziert und in welchen institutionellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen zirkulierten sie? Wenn Darstellungen von namibischen Frauen, die gegen ihren Willen fotografiert wurden, etwa als Postkarten Verbreitung fanden.
Das Medium der Fotografie spielte in der Kolonialzeit eine besondere Rolle in der Herstellung und Stabilisierung rassistischer und menschenfeindlicher Wissensordnungen. Im Kontext des deutschen Kolonialismus in Namibia waren Fotografien Teil einer visuellen Grammatik, durch die Menschen klassifiziert, typologisiert und in hierarchische Ordnungssysteme unterteilt wurden. In ihrer künstlerischen Recherche arbeitet Mekondjo mit historischen Fotografien, gerade auch mit solchen von Frauen, setzt diese allerdings mit textilen Medien in Zusammenhang. Der physische Vorgang des Stickens, das Durchstechen der Leinwand, die teils blutrote Ansammlung von Fäden werden dabei auch zu einer eigenen epistemischen Praxis, zu einer alternativen Form der Wissensproduktion.
Eine ganze Generation von Kunstschaffenden und Handwerker*innen wurde ausgelöscht und konnte ihr Wissen nicht an nachfolgende Generationen weitergeben.
Das Thema Wissen ist auch bezüglich des gewählten Referenzobjekts zentral. So wurde vor Mekondjos Arbeit ein Ekori als Leihgabe des Weltkulturen Museums Frankfurt am Main platziert. Das aus Leder gefertigte und mit Eisenperlen und Stickereien versehene Ekori war ein Kopfschmuck, den Ovaherero-Frauen trugen, bevor sie mit Europäer*innen in Kontakt kamen. Die Form erinnerte an die Hörner von Kühen, die den Reichtum der Ovaherero darstellten. Missionar*innen führten allerdings nicht nur neue Kleidungsstücke für namibische Frauen ein, sondern verboten ihnen auch das Tragen von Leder und des Ekori, das sie aufgrund der visuellen Hörneranspielung mit dem Teufel in Verbindung brachten. Der von den deutschen Kolonialtruppen an den Ovaherero und Nama verübte Völkermord unterbrach damit die Weitergabe künstlerischen und handwerklichen Wissens, da eine ganze Generation von Kunstschaffenden und Handwerker*innen ausgelöscht wurde und ihr Wissen nicht an nachfolgende Generationen weitergeben konnte.
»Der vermessene Mensch« (2023) von Lars Kraume, der erste deutsche Kinofilm, der sich mit dem Genozid beschäftigte, hat dazu beigetragen, das Thema des Völkermordes und die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia einem größeren Publikum in Deutschland bekannt zu machen. Allerdings folgt der Film vor allem einem deutschen Ethnologen. Die namibische Figur Kezia Kambazembi wird weitestgehend auf die Rolle als love interest des jungen Wissenschaftlers reduziert. So zeigt der Film vor allem, dass mehr Produktionen aus namibischer Perspektive nötig sind – von namibischen Filmemacher*innen und Künstler*innen sowie solchen der Diaspora.
Tuli Mekondjo widmet sich diesem umstrittenen Erbe, das sowohl in Namibia als auch in Deutschland fortbesteht. Für eine Ausstellung im Recovery Plan in Florenz schuf sie 2024 eine Arbeit, die die sehr wenigen namibischen Frauen ins Zentrum stellt, die namentlich bekannt sind von den vielen Hundert, die in dem Konzentrationslager auf Shark Island gezwungen wurden, die Knochen ihrer Angehörigen zu säubern, damit diese für wissenschaftliche Zwecke an Universitäten in Deutschland verschifft werden konnten. Bis vor wenigen Jahren befand sich auf Shark Island noch ein Campingplatz, wo nicht zuletzt viele Deutsche ihren Urlaub verbringen konnten. Ein erheblicher Teil des Landes in Namibia ist bis heute im Besitz weißer Farmer*innen.
In Berlin-Neukölln hat Mekondjo dagegen eine Performance vor dem sogenannten Herero-Stein durchgeführt, einem 1907 errichteten Denkmal, das an sieben Soldaten der kaiserlichen Schutztruppe erinnert, die am Genozid an den Ovaherero und Nama beteiligt waren – und nicht etwa an die Opfer des Völkermordes. Auch das Ekori, das zusammen mit Mekondjos Arbeit ausgestellt wurde, stammt aus der »Sammlung« eines Freiwilligen, der sich der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika angeschlossen hatte. Karl Christian Maximilian Caspar (1883–1954) war Reiter während des antikolonialen Aufstandes der Ovaherero, des Widerstandes, der den Genozid zur Folge hatte.
Mekondjos Arbeit zu Artikel 1 des Grundgesetzes setzt sich mit dieser gewaltvollen Geschichte auseinander, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. So stehen die blauen und roten Linien sinnbildlich für die Eisenbahntrassen, die – von namibischen Männern unter Zwang erbaut – das Land durchzogen und an denen sich Arbeitscamps und Internierungslager befanden. Eine rote Linie symbolisiert die Grenze, die die deutsche Kolonialmacht zwischen Nord- und Südnamibia zog und die bis heute zu Spannungen im Land führt. Mekondjos Werk für den Deutschen Bundestag kommt dabei nicht nur eine Bedeutung zu, da sie aus namibischer Perspektive die Unantastbarkeit menschlicher Würde unterstreicht. Sie macht auch die Relevanz deutlich, darauf zu achten, wessen Geschichte Eingang in öffentliche Institutionen findet.
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