Als »ausländischer Agent« und Vorbestrafter darf Boris Nadeschdin nicht zur Duma-Wahl antreten. Das Vorgehen der Behörden hat Methode
Ende einer Politikerkarriere, die viele Wendungen genommen hat: Mit der Verurteilung wegen der »Verbreitung extremistischer Symbolik« auf Eis gelegt.
Foto: imago/SNA/Sergey Bobylev
Boris Nadeschdin schmeißt hin. Am Sonntag verkündete er, seine Wahlkampagne für die Duma-Wahl im September zu beenden. Dort wollte der 63-jährige Physiker als parteiloser Kandidat teilnehmen, so der Plan. Sehr weit vorangekommen ist der Plan jedoch nie.
Nur einen Monat nachdem Nadeschdin am 13. Juni seine Kandidatur verkündet hatte, erklärte ihn das Justizministerium zum »ausländischen Agenten«, ließ ihn kurzzeitig festnehmen und zerrte ihn vor Gericht. Dort wurde Nadeschdin vergangene Woche wegen der »Verbreitung extremistischer Symbolik« zu einer Geldstrafe verurteilt. Anlass war ein Bild des in Haft umgekommenen Alexei Nawalny. Für zehn Sekunden war der in einem Video zu sehen, das Nadeschdin 2023 auf seinem Telegram-Kanal veröffentlicht hatte.
Die Geldstrafe von 1000 Rubel (11 Euro) ist geradezu lächerlich niedrig. Doch das Signal kam an: Mit der Vorstrafe kann Nadeschdin endgültig nicht mehr antreten. Seine Unterstützer rief der 63-Jährige dazu auf, sich keinen Risiken auszusetzen.
Das Vorgehen der Behörden hat Methode: Damit bei der Wahl der Eindruck eines »sauberen« Sieges der Regierungspartei Einiges Russland entsteht, werden auch noch so aussichtslose Kandidaten mit allen Mitteln von der Teilnahme ausgeschlossen. Häufig trifft es Mitglieder der liberalen Kleinstpartei Jabloko.
Zunächst gab sich Nadeschdin noch kämpferisch, kündigte eine »asymmetrische Antwort« auf den Eintrag ins Register »ausländischer Agenten« am 10. Juli an. Seinen Unterstützern empfahl er, »sich mit Popcorn und Benzin einzudecken«. Er wolle in Russland bleiben und weiterkämpfen, teilte Nadeschdin mit. Nur um bereits am 14. Juli über seine Ausreise zu reden, da er eine mögliche Haft nicht überleben werde. Zwei Tage später erhielt Nadeschdin ein Ausreiseverbot. Laut Behörden soll er Schulden in Höhe von 1,5 Millionen Rubel (16 700 Euro) haben. Zuvor hatte Nadeschdin Privatinsolvenz beantragt.
Die hohen Schulden stammen unter anderem aus Nadeschdins letztem versuchten Wahlkampf. 2024 wollte er zur Präsidentschaftswahl antreten. Als Kandidat der liberalen Minipartei Graschdanskaja Iniziatiwa (Bürgerinitiative) forderte er damals (wie auch im aktuellen Wahlprogramm), die »militärische Sonderoperation« durch Verhandlungen zu beenden.
Binnen kurzer Zeit sammelten Nadeschdins Unterstützer landesweit 100 000 Unterschriften. In Großstädten bildeten sich an den Ständen Schlangen, in denen sich viele Kriegsgegner persönlich kennenlernten und vernetzten. Zur Wahl zugelassen wurde Nadeschdin hingegen nicht, da ein Teil der Unterschriften gefälscht gewesen sein soll, behauptete die Wahlkommission.
Für Nadeschdin bedeutet das Vorgehen der Behörden höchstwahrscheinlich das Ende seiner politischen Karriere, die bereits während der Perestroika begann. Lange Zeit war der 63-Jährige Teil der Führung der marktliberalen Union der rechten Kräfte (SPS), saß von 1999 bis 2003 für die Partei in der Duma.
Besonders prinzipientreu in Bezug auf Parteizugehörigkeit und Wahl der Bündnispartner war Nadeschdin nie. Nach dem Ende seiner Duma-Karriere und dem der SPS suchte er als Lokalpolitiker in einem Moskauer Vorort die Nähe zu Nationalisten und machte Stimmung gegen Migranten.
Nach Ausflügen zu kleinen Parteien versuchte Nadeschdin 2015 erfolglos sein Glück bei den Vorwahlen von Einiges Russland, wo er den »liberalen Flügel stärken« wollte. Von 2019 bis 2021 trat er für Gerechtes Russland an. Die Partei verstand sich damals als gemäßigt links und war den bisherigen Freunden von Nadeschdin gegenüber spinnefeind eingestellt. Als »Quotenliberaler« war Nadeschdin zudem regelmäßiger Talkshow-Gast im Staatsfernsehen.
Nach Kriegsbeginn 2022 suchte er Kontakt zu linken Kriegsgegnern, trat unter anderem beim Youtube-Kanal Rabkor von Boris Kagarlitzki auf. Tatsächlich gelang es ihm, während seiner Kampagne 2024 das Misstrauen anderer Oppositioneller zu überwinden. Der Politiker aus der dritten Reihe, dem der Ruf eines Opportunisten anhaftete, wurde auf einmal für seine gutmütige Art, einen gewissen »Dad-Charme« und seinen Optimismus gelobt. Sein ruhiges Auftreten bildete einen starken Kontrast zur Daueraggression, die TV-Moderatoren und loyale Politiker öffentlich zur Schau stellen.
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