Im Jahr 2029 soll die neue europäische Währung eingeführt werden. Die gesetzlichen und technischen Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.
Gelddruckmaschinen sollen trotz digitalem Euro weiterlaufen.
Foto: dpa/Giesecke & Devrient
Der künftige digitale Euro soll nicht »gegen« die Finanzindustrie entwickelt werden, sondern »mit ihr«. Mit diesen Worten versuchte Bundesbankchef Joachim Nagel kürzlich auf dem »International Bankers Forum« in Frankfurt am Main, Bedenken von Banken und Sparkassen zu entkräften. Zentralbankgeld und private Zahlungslösungen bestünden seit Langem nebeneinander, beide Systeme erfüllten teils unterschiedliche Funktionen. »Genau deshalb ergänzen sie sich sinnvoll. Die Einführung des digitalen Euro würde hieran nichts ändern«, beteuerte Nagel in seiner Rede bei dem Lobby-Treffen von Bankerinnen und Bankern.
Der digitale Euro soll ab 2029 das Bargeld und Kartenzahlungen in den Staaten des Euroraums zwar nicht ersetzen, aber ergänzen. Verbraucher können ihn vom Bankkonto auf die elektronische Geldbörse (Wallet) des Smartphones laden und für Zahlungen in Geschäften, im Internet oder zwischen Privatpersonen im gesamten Euroraum verwenden. Herausgegeben wird das neue gesetzliche Zahlungsmittel von der Europäischen Zentralbank (EZB). Dabei sind die Anforderungen groß: Der digitale Euro soll wie Bargeld die Privatsphäre unberührt lassen und auch den Anforderungen des Datenschutzes genügen.
Die Vorbereitungsphase der EZB wurde im Oktober 2025 abgeschlossen, derzeit laufen Pilotprojekte zur technischen Einsatzbereitschaft. Mitte Juli stimmte das Europaparlament mit breiter Mehrheit dafür, den rechtlichen Rahmen für den digitalen Euro zu schaffen. Nun müssen die EU-Abgeordneten bei Trilog-Sitzungen mit Kommission und Finanzministern der Mitgliedstaaten über die konkrete Ausgestaltung verhandeln. Ein Abschluss wird zum Jahresende angestrebt.
Der Bundesbankchef mag bestehende Zweifel in der Finanzindustrie besänftigt haben, aber die von auf Scheine und Münzen setzenden Verbrauchern bleiben. Befürworter des digitalen Euro verweisen auf den Wandel im Alltag. Die Art und Weise, wie an der Ladenkasse und im Internet bezahlt wird, habe sich verändert. Bargeld spiele zwar weiterhin eine Rolle, werde aber seltener genutzt. Im Euroraum wurden im Jahr 2024 nur noch zwei Fünftel des Gesamtwerts der Zahlungen am Verkaufsort bar bezahlt, fünf Jahre davor war es noch beinahe die Hälfte. Gleichzeitig hat sich der Anteil der bargeldlosen Online-Einkäufe wertmäßig von 18 Prozent auf 36 Prozent verdoppelt. Ferner nahm die Zahl der Betriebe zu, die gar kein Bargeld mehr annehmen. Der Zahlungsverkehr wird also digitaler und mobiler. »Deshalb«, so Nagel, »stellt sich für uns als Zentralbank eine fundamentale Frage: Wie stellen wir sicher, dass Zentralbankgeld auch in dieser digitalen Welt zugänglich und relevant bleibt?«
Der Bundesbankchef ist kraft seines Amtes Mitglied im obersten Beschlussorgan der EZB. Deren Spitze geht es zugleich um die »digitale Souveränität«. Zahlungsverkehr ist nicht nur eine Dienstleistung, er sei »kritische« Infrastruktur, die geschützt werden müsse. Doch Europas Zahlungsverkehr ist bislang in wichtigen Segmenten stark von außereuropäischen, vornehmlich US-amerikanischen Anbietern wie Visa oder Paypal abhängig. Derzeit werden mehr als zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Systeme abgewickelt. In 13 von 21 Ländern des Euroraums gibt es überhaupt keine nationalen Zahlungslösungen. Sie hängen komplett von internationalen Anbietern ab. Das würde sich mit dem digitalen Euro ändern.
»Für uns als Zentralbank stellt sich eine fundamentale Frage: Wie stellen wir sicher, dass Zentralbankgeld auch in dieser digitalen Welt zugänglich und relevant bleibt?«
Joachim Nagel Bundesbankchef
An sich hätte ein solches System als öffentliches Gut das Potenzial, den gesamten Zahlungsverkehr abzuwickeln, nahezu kostenlos. Das würde allerdings Banken, Sparkassen und Zahlungsdienstleistern einer wichtigen Einnahmequelle berauben, denn sie kassieren bisher zum Teil Gebühren dafür.
Linke Kritiker wie Kevin Kühnert – der frühere SPD-Generalsekretär ist für die bankenkritische Initiative Finanzwende aktiv – und der Europaabgeordnete Fabio De Masi (BSW) sind nicht grundsätzlich gegen einen digitalen Euro. Sie befürchten aber, dass dieser zu marktfreundlich ausgestaltet werde. Die Gebühren im Zahlungsverkehr könnten entgegen den Ankündigungen hoch bleiben, und letztlich würde in Zahlungsfragen doch der gläserne Bürger geschaffen. De Masi war übrigens nach eigenen Angaben im Jahr 2017 der erste deutsche Politiker, der ein von der EZB garantiertes, anonymes Geld für das digitale Zeitalter einforderte.
Gegner von rechts wettern dagegen grundsätzlich gegen den digitalen Euro. In Verschwörungskreisen wird die totale Überwachung durch eine allmächtige EZB an die Wand gemalt. Was wenig mit dem realen Vorhaben zu tun hat.
Bei diesem sind Details umstritten. So soll ein Haltelimit festlegen, wie viele digitale Euro ein Verbraucher in seiner elektronischen Geldbörse aufbewahren darf. Die Spannweite, die aktuell diskutiert wird, liegt zwischen 500 und 3000 Euro. Ein sogenanntes Wasserfallsystem soll aber sicherstellen, dass auch Teures wie ein Auto bezahlt werden kann. Vom Bankkonto fließt das Geld, welches über das Haltelimit hinaus für eine Bezahlung benötigt wird, dann auf die digitale Euro-App. Auch bei den Gebühren gibt es unterschiedliche Positionen. Das Modell des Rats entspricht wohl mehr den Vorstellungen der Kreditwirtschaft, jenes des Parlaments kommt den Händlern stärker entgegen.
Konkret werden soll das Vorhaben zunächst in einem zwölfmonatigen Pilotprojekt. Die Zentralbank hat vor wenigen Tagen dafür 36 Finanzdienstleister aus 19 Ländern bestimmt. Aus Deutschland sind das die öffentlich-rechtliche Landesbank Hessen-Thüringen, die genossenschaftliche DZ Bank, die Deutsche Bank als größtes privates Geldhaus und zwei Zahlungsdienstleister. Dabei geht es unter anderem darum, welche Technologie sich am besten für den digitalen Euro eignet. Starten soll der Test unter realen Bedingungen in der zweiten Jahreshälfte 2027.
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