In allen Zeitungen wird darüber diskutiert, dass sich Jens Spahn im Ausland über die deutschen Gesetze zu Leihmutterschaft hinwegsetzte und sich einen kleinen Sohn zulegte. Politisch hatte er sich selbst dagegen ausgesprochen. Der AfD-Chef von Sachsen-Anhalt wünscht sich eine "neutrale" Berichterstattung - die FAZ antwortet mit einer Art Brief. Zum Mandela-Gedenktag ruft die ausländerfeindliche "March and March" zu weiteren Aktionen gegen Migranten auf, berichtet ebenfalls die FAZ. Das Humboldtforum wird fünf - so richtig froh ist der Tagesspiegel immer noch nicht damit.
Jens Spahn, CDU-Fraktionschef im Bundestag, hat in der Bild bekanntgemacht, dass er zusammen mit seinem Mann im Ausland eine "Leihmutter" engagiert hat, die den beiden ein Kind austrug. "Georg ist unser ganzes Glück. Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen", sagt er zur Bild. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, weil jene Kommerzialisierung befürchtet wird, die Spahn wohl betrieben hat, berichtet die taz in einem Ticker: "Eine von der damaligen Ampel-Regierung im März 2023 eingesetzte Kommission kam zwar zu dem Ergebnis, dass eine Legalisierung der Eizellenspende verfassungsrechtlich möglich wäre. Doch auch diese Experten mahnten an, dass kommerzielle Leihmutterschaften, also Modelle, in denen die gebärenden Frauen bezahlt werden, verboten bleiben sollten... Wegen des Verbots gibt es - wie im Fall Jens Spahn - einen Leihmutterschaftstourismus ins Ausland. Experten weisen darauf hin, dass das Geschäft von Agenturen floriert, die Leihmütter auf kommerzieller Basis im Ausland vermitteln. Die gängigsten Länder dabei sind die USA, Kanada, die Ukraine, Russland und Georgien. Schätzungen gehen von Kosten zwischen 35.000 und 150.000 Euro aus."
Spahn selbst hatte sich politisch gegen Leihmutterschaft ausgesprochen, berichtet der Focus. "Schon 2015 äußerte sich Spahn in der GQ: 'Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.' Zugleich ließ er offen, sich eines Tages anders zu entscheiden: 'Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.'"
"Die Herbeiführung einer Leihmutterschaft und auch deren Vermittlung sind in Deutschland nicht nur untersagt, sondern Straftaten", erinnert Reinhard Müller in der FAZ. "Strafbar machen sich nicht die bestellenden Eltern oder die Leihmütter, sondern die Angehörigen der Heilberufe. Allerdings ist das Unwerturteil klar. Eine interdisziplinäre Kommission kam erst 2024 zu dem Schluss, dass der Gesetzgeber wegen Gefahren der Umgehung und des Missbrauchs sehr wohl am Verbot der Leihmutterschaft festhalten kann."
Spahn selbst gilt als ein Politiker, der bei gesellschaftlichen Themen wie etwa Abtreibung oder Sterbehilfe prononciert konservative Positionen vertritt, erinnert im Tagesspiegel Ariane Bemmer und macht darauf aufmerksam, dass neben Spahn auch Hendrik Streeck neuerdings Vater ist. "Das sind nicht allein Details aus dem Privatleben von zwei Männern, die als Homosexuelle keine traditionellen Wege zur Familiengründung beschreiten können, sondern auf Umwegen zum Kind kamen. Das sind politische Vorgänge, denn Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten - und beide Männer sind an der politischen Spitze dieses Landes beschäftigt: voran Jens Spahn als ehemaliger Bundesgesundheitsminister und derzeitiger Chef der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Und Streeck als Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Wird in diesen Sphären gesagt: 'Wenn die geltende Gesetzeslage meinem persönlichen Interesse im Wege steht, setze ich meinen Kopf eben woanders durch', ist das aus mehreren Gründen fatal. Es ist zuvorderst ein Desaster für die Glaubwürdigkeit von Jens Spahn, denn während seiner Zeit als Bundesgesundheitsminister wurde der Idee von Leihmutterschaften in Deutschland explizit eine Absage erteilt."
Ähnlich sieht es Kaja Klapsa bei Zeit online: "Generell gilt: Neugeborene dürfen nicht zum Vertragsgegenstand werden. Es gibt kein Recht auf ein Kind. Nur weil Paare unbedingt mit ihrem Kind genetisch verwandt sein wollen, muss nicht jede Möglichkeit der modernen Medizin ausgenutzt werden. Der Staat muss seine Schutzpflicht gegenüber Kindern stärker gewichten als das Wohl von Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch. Dass Spahn das anders sieht, ist sein gutes Recht. Dann wäre aber der nächstlogische Schritt, sich auch politisch für eine Legalisierung der Leihmutterschaft einzusetzen. Darauf vom Nachrichtenmagazin Focus angesprochen, hieß es am Donnerstag aus seinem Umfeld: 'Jens Spahn leitet grundsätzlich aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab.' Und damit wäre eigentlich alles gesagt."
Die Kritik an Spahns Doppelmoral ist berechtigt, findet Carolin Fries in der SZ. Doch sie unterschätze "die Macht der Sehnsucht nach einem Kind und einer eigenen Familie". Fries empfiehlt Britannien als Vorbild, wo Leihmutterschaft erlaubt ist, sofern sie unbezahlt ist. "Der Markt wird dadurch begrenzt und entkriminalisiert. Ein Modell auch für Deutschland? 2023 hatte die Ampelregierung eine Kommission eingesetzt, die Legalisierung der altruistischen Leihmutterschaft und Eizellspende zu prüfen. Das Ergebnis: Verfassungsrechtlich wäre beides zulässig. Warum also warten? Zwar ist im Koalitionsvertrag dazu nichts vereinbart. Auch könnte es schwierig werden, eine Mehrheit für eine Reform zu finden. Aber deshalb ein Problem nicht anzugehen, verleugnet die Realität. Zwei Stimmen von der CDU wären einer Reform wohl ziemlich sicher."
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