Spezialisierte Firmen sammeln und verkaufen persönliche Daten im großen Stil – mit Folgen für jeden Einzelnen und die nationale Sicherheit.
Spezialisierte Firmen sammeln und verkaufen persönliche Daten im großen Stil – mit Folgen für jeden Einzelnen und die nationale Sicherheit.
Jeden Tag hinterlassen wir digitale Spuren: beim Einkaufen im Internet, beim Scrollen durch soziale Netzwerke, beim Navigieren mit dem Smartphone. Was viele nicht wissen – es gibt eine ganze Branche, die genau diese Spuren systematisch einsammelt, zu detaillierten Profilen bündelt und gewinnbringend weiterverkauft. Die Rede ist von sogenannten Data Brokern, also Datenmaklern. Ihr Geschäftsmodell ist so lukrativ wie unsichtbar, und es betrifft praktisch jeden Menschen mit einem Internetzugang.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Data Broker beziehen ihre Informationen aus zahlreichen Quellen. Öffentliche Register wie Handelsregistereinträge oder Wählerverzeichnisse bilden oft die Grundlage. Hinzu kommen Daten aus Bonitätsauskünften, Kundenkarten-Programmen und Gewinnspielen. Besonders ergiebig sind jedoch Smartphone-Apps, die im Hintergrund Standortverläufe, Surfverhalten und sogar Gesundheitsdaten aus Fitness-Trackern sammeln. Viele dieser Daten werden über Werbenetzwerke in Apps weitergegeben, häufig ohne dass Sie davon etwas mitbekommen. Selbst wenn Sie einer App nur kurz den Standortzugriff erlauben, kann diese Information binnen Sekunden bei Dutzenden Drittanbietern landen.
Betroffen sind keineswegs nur achtlose Internetnutzer. Recherchen von Journalisten und Sicherheitsforschern haben wiederholt gezeigt, dass sich über frei verkäufliche Datensätze die Bewegungsprofile hochrangiger Personen rekonstruieren lassen. In den USA konnten Rechercheure anhand kommerziell erhältlicher Standortdaten die Wege von Mitarbeitern des Geheimdienstes NSA und des Pentagon nachvollziehen. Auch in Europa sorgten ähnliche Fälle für Aufsehen: Bewegungsdaten von Mitgliedern europäischer Königshäuser und Regierungsangehörigen tauchten in Datensätzen auf, die für wenige Tausend Euro auf dem freien Markt erhältlich waren. Wenn selbst Personen mit professionellem Sicherheitsapparat derart transparent werden, wird deutlich, wie schutzlos gewöhnliche Verbraucherinnen und Verbraucher erst recht dastehen.
Data Broker sind längst nicht nur ein Problem für die individuelle Privatsphäre – sie gefährden auch die nationale Sicherheit. Ein eindrückliches Beispiel lieferte die Fitness-App Strava. Soldaten auf geheimen Militärstützpunkten hatten die App beim Joggen aktiviert, und die aufgezeichneten Laufstrecken erschienen auf einer öffentlichen Weltkarte. Plötzlich waren Umrisse und Patrouillenrouten von Basen in Krisengebieten wie Afghanistan für jedermann sichtbar. Doch das Problem reicht weiter: Standortdaten, die über Data Broker kommerziell verfügbar sind, ermöglichen es, die Alltagsroutinen von Militär- und Geheimdienstpersonal lückenlos nachzuverfolgen. Feindliche Nachrichtendienste könnten so Spionage betreiben, Schlüsselpersonen identifizieren oder Sicherheitslücken aufdecken – ganz ohne klassische Spionagemethoden und zu einem Bruchteil der früheren Kosten.
Die Käufer der Daten sind vielfältig. Werbetreibende nutzen sie für zielgerichtete Anzeigen, Versicherungen für die Risikobewertung, Arbeitgeber mitunter zur Überprüfung von Bewerbern. Auch politische Kampagnen setzen auf zugekaufte Datenprofile, um Wählerinnen und Wähler möglichst individuell anzusprechen. In den falschen Händen können solche Datensätze jedoch zur Grundlage für Identitätsdiebstahl, Erpressung oder gezieltes Stalking werden. Da Data Broker in vielen Ländern in einer rechtlichen Grauzone operieren, fehlt es oft an Transparenz darüber, wer Ihre Daten letztlich kauft und wofür sie eingesetzt werden.
Einen vollständigen Schutz vor Data Brokern gibt es nicht, doch Sie können Ihre digitale Angriffsfläche deutlich verringern. Überprüfen Sie die Berechtigungen Ihrer Smartphone-Apps: Standortzugriff, Kamera und Mikrofon sollten Sie nur freigeben, wenn eine App diese Funktionen tatsächlich benötigt – und auch dann nur während der aktiven Nutzung. Deaktivieren Sie personalisierte Werbung in den Datenschutzeinstellungen Ihres Betriebssystems. Verwenden Sie einen Browser mit Tracking-Schutz und meiden Sie Gewinnspiele oder Bonusprogramme, deren Geschäftsmodell auf dem Weiterverkauf Ihrer Daten basiert. In der EU haben Sie dank der Datenschutz-Grundverordnung das Recht, bei Data Brokern Auskunft über Ihre gespeicherten Daten zu verlangen und deren Löschung zu beantragen. Spezialisierte Dienste können Ihnen helfen, Ihre Profile bei den größten Datenmaklern systematisch entfernen zu lassen. Vor allem aber gilt: Gehen Sie sparsam mit Ihren persönlichen Informationen um. Daten, die gar nicht erst erhoben werden, kann auch niemand weiterverkaufen.
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