Ein Ausfall des Bahnfunks legte den Zugverkehr in Deutschland lahm. Warum ein kaum bekanntes System über Stillstand oder Weiterfahrt entscheidet.
Ein Ausfall des Bahnfunks legte den Zugverkehr in Deutschland lahm. Warum ein kaum bekanntes System über Stillstand oder Weiterfahrt entscheidet.
Plötzlich ging nichts mehr auf den deutschen Gleisen: Am Dienstagabend kam der Zugverkehr in ganz Deutschland zum Erliegen. Gegen 22 Uhr meldeten mehrere Bahnen eine bundesweite Störung des digitalen Bahnfunks, woraufhin die Deutsche Bahn vorsorglich sämtliche Züge an den Bahnhöfen zurückhielt.
Hinter dem Stillstand steckte eine Technik, von der die meisten Fahrgäste noch nie gehört haben dürften und die dennoch über jede Fahrt entscheidet.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Diese Technik heißt GSM-R und bildet ein eigenes Mobilfunknetz, das ausschließlich der Eisenbahn dient und von der DB InfraGO betrieben wird.
Über dieses Netz sprechen die Fahrdienstleiter mit den Lokführern, gleichzeitig werden darüber Steuerungsdaten gesendet, etwa wenn moderne Strecken den Zügen die Erlaubnis zum Weiterfahren erteilen.
Damit der Bahnfunk vom überlasteten öffentlichen Mobilfunk unabhängig bleibt, wird er seit 1992 als eigener Standard gepflegt und erstreckt sich über rund 130.000 Streckenkilometer. Weil ohne ihn praktisch nichts mehr geht, zählt er offiziell zur kritischen Infrastruktur des Landes.
Dass ein gestörter Funk gleich den gesamten Verkehr stoppt, ergibt aus Sicht der Sicherheit durchaus Sinn. Fahrdienstleiter und Lokführer müssen sich jederzeit erreichen können, vor allem damit im Notfall sofort ein Halt an alle Züge im Umkreis gesendet werden kann.
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Ein solcher Sammelruf, der alle anderen Gespräche unterbricht, lässt sich durch einzelne Anrufe mit gewöhnlichen Handys nicht nachbilden.
Ohne Funk kann sogar die Datenverbindung fehlen, über die ein Zug erst seine Fahrfreigabe erhält. Fällt der Bahnfunk großflächig aus, bleibt deshalb nur, alle Züge zu stoppen, genau wie es gestern Nacht geschah.
So aktuell der Vorfall ist, so sehr reiht er sich in eine Kette ähnlicher Ausfälle bei der Deutschen Bahn in den vergangenen Jahren ein. Im Oktober 2022 stand der Verkehr in Norddeutschland mehrere Stunden still, nachdem zwei gegeneinander absichernde Kabel durchtrennt worden waren, was sich später als Folge versuchter Kupferdiebstähle herausstellte. Im September 2024 legte ein Stromausfall den Bahnfunk in Teilen Hessens lahm.
Zwar kann im Notfall auf den öffentlichen Mobilfunk ausgewichen werden. Diese Rückfallebene taugt allerdings nur als Notbehelf, weil sich über sie weder Notrufe noch Gruppenrufe absetzen lassen und der Fahrdienstleiter nur umständlich erreichbar ist.
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Hinzu kommt, dass vielerorts aus Kostengründen nur eine knappe Funkausstattung verbaut wurde und die Technik inzwischen seit Jahrzehnten im Einsatz ist. Dass 2024 sogar die Rückfallebene betroffen war, nährt den Verdacht, dass die technische Absicherung der Zugkommunikation in der Praxis weniger verlässlich ist als angenommen.
Besonders deutlich wurde in der vergangenen Nacht, wie eng die kritischen Infrastrukturen des Landes verwoben sind. Weil mit der S-Bahn auch die Anbindung des Flughafens Berlin Brandenburg zusammenbrach, warteten dort am späten Abend Hunderte gestrandete Reisende vergeblich auf die wenigen Busse, während die Taxis längst nicht ausreichten.
Fachleute nennen solche Dominoeffekte „Kaskaden”, weil der Ausfall eines Bereichs weitere kritische Sektoren mitreißt, sobald Verkehr, Energie und Kommunikation voneinander abhängen. Genau diese Verflechtung hat der Gesetzgeber mit dem im März 2026 in Kraft getretenen KRITIS-Dachgesetz ins Visier genommen, das die Betreiber kritischer Anlagen zu Risikoanalysen und Meldungen verpflichtet.
Auch wenn die Bahn die Ursache nach eigenen Angaben noch am selben Abend eingrenzen konnte, bleibt die eigentliche Lehre unbequem. Ein einzelnes, in die Jahre gekommenes System entscheidet bundesweit über Stillstand oder Betrieb, sodass schon ein kleiner Auslöser flächendeckende Folgen haben kann.
Solange die Rückfallebene den Ernstfall nicht ausreichend berücksichtigt und so der Zugverkehr im gesamten Land gestoppt werden kann, fehlt es an verlässlicher Absicherung – zumal GSM-R eigentlich schon lange durch die leistungsfähigere Nachfolgetechnologie FRMCS abgelöst worden sein sollte.
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