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Experten: „Es gibt zu wenig Kinderbücher in den Sprachen, die hier gesprochen werden“

Дата публикации: 20-06-2023 17:47:38

Eine Erkenntnis am Rande des 2. Nationalen Lese-Summits: Das Lesenlernen beginnt schon mit Gesprächen in den Familien – das muss nicht auf Deutsch sein.

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Der Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, hielt auf dem Lese-Summit den Impulsvortrag zum Lesenlernen als Gemeinschaftsaufgabe. Im Anschluss stellten wir ihm und Dr. Jörg F. Maas, dem Hauptgeschäftsführer Stiftung Lesen, drei Fragen.

Fehlende Lesekompetenz bringt Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr

Herr Becker-Mrotzek, Herr Maas, für immer mehr in Deutschland lebende Menschen ist Deutsch nur die Zweitsprache. Auch eine wachsende Zahl von Kindern, die hier geboren wurden, hat eine andere Familiensprache: Kann man die für das Lesenlernen auf Deutsch nutzen?

Michael Becker-Mrotzek: Für uns Linguisten und die Bildungsforschung ist das schon lange bekannt, doch zu lange wurde nur auf das Deutsche geschaut. Natürlich muss die Mehrsprachigkeit berücksichtigt, auch gefördert werden. Es ist wichtig, den Familien zu vermitteln, dass es den Kindern hilft, wenn sie zu Hause angeregt werden, Geschichten zu hören und selbst zu erzählen – das muss nicht zwingend auf Deutsch sein.

Jörg F. Maas: Das ist ein Thema, bei dem wir gerade mit Verlagen wie Carlsen und einem Bildungsträger für die Kitas wie der Fröbel-Gruppe in Kontakt sind. Es gibt viel zu wenig Kinderbücher in den Sprachen, die neben Deutsch hierzulande gesprochen werden. Das muss sich ändern, damit die Hürde zwischen dem Zuhause und der Kita oder der Schule nicht zu hoch wird.

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Stiftung Lesen 

Zur Person

Jörg F. Maas war Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung und in verschiedenen Organisationen im Bereich Globale Gesundheit tätig. Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen in Mainz ist er seit 2011, seit 2014 Vorstandsvorsitzender des europäischen Dachverbands EURead.

Vermisst habe ich in allen Vorträgen und Gesprächsrunden das Wort Bibliothek. Warum fehlte es?

Maas: Die Stiftung Lesen unterstützt Vorleseprojekte in Bibliotheken. Wir regen auch den Kontakt der Kitas zu den regionalen Bibliotheken an, zum Beispiel regelmäßige Nachmittage, damit sie den Ort entdecken. Uns ist es ganz wichtig, dass Bibliotheken in Schulen und den Stadtvierteln weiterhin gut ausgestattet werden.

Becker-Mrotzek:: Aber sehen Sie, eine Bibliothek ist für das Lesen wie das Sportbecken in der Schwimmhalle. Solange man nicht schwimmen kann, ist das wenig attraktiv. Solange ein Kind keinen Zugang zu Büchern hat, ist eine Bibliothek ein Raum voller Rätsel. Vor allem bildungsferne Familien scheuen leider den Weg in die Bibliothek. Wir müssen im ersten Schritt die basalen Kompetenzen stärken.

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Uni Köln

Zur Person

Michael Becker-Mrotzek ist seit 1999 Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität zu Köln und Mitglied der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Seit 2012 leitet er das Mercator-Institut.

Der Lese-Summit brachte eine ganze Menge von Ideen und Konzepten zusammen, die sich regional von der Ausstattung und Umsetzung her stark unterscheiden, weil Bildung Ländersache ist. Ist der Föderalismus das größte Hindernis für Verbesserungen?

Becker-Mrotzek: Wenn wir den nicht hätten, würden wir einen anderen Grund finden. Es gibt nun mal das föderalistische Prinzip in Deutschland und damit müssen wir umgehen. Der Föderalismus hindert die anderen Bundesländer nicht daran, ein erfolgreiches Konzept wie BiSS-Transfer aus Hamburg zu übernehmen. Dort hat es sich über zehn Jahre entwickelt, andere können nun davon profitieren und vielleicht schon in zwei Jahren Erfolge erzielen.

Jörg F. Maas: Die Herausforderungen durch den Föderalismus sind letztlich der Grund, warum wir zusammen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels im März 2021 den Nationalen Lesepakt begründet haben: überregional und branchenübergreifend, mit derzeit 180 Partnern. Wir wollen aus dem Mechanismus der Schuldzuweisung heraus, der die Verantwortung von der Politik zur Schule, in die Kitas oder die Familien schiebt – oder eben in die Bundesländer.

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