Cyberattacken, Drohnen über Militäranlagen, Angriffe aufs Stromnetz: Ausländische Mächte führen einen verborgenen Krieg gegen die Bundesrepublik. Reise durch ein verletzliches Land.
Berlin, Frankfurt, Düsseldorf. Da war etwa der Angriff auf den Energiekonzern Entega, an einem Sonntagmorgen um vier Uhr. Hacker, vermutlich aus Russland, legten den Zahlungsverkehr des Unternehmens genauso lahm wie die Schließanlage zur Zentrale und die Kommunikationskanäle zu den Kunden. Am Ende mussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Türen und Fenster aufbrechen, um sich Zugang zu ihren Büros zu verschaffen.
Als sie schließlich den Fall, wie es Vorschrift ist, dem Innenministerium ihres Heimatbundeslandes Hessen melden wollten, war dort, so berichten es Insider, niemand erreichbar. Wochenende.
Oder der brennende Transportcontainer von DHL, der auf dem Vorfeld des Leipziger Flughafens plötzlich in Flammen aufging. Behörden in Litauen deckten schließlich ein Netzwerk von Tätern auf, das im Auftrag eines russischen Geheimdienstes Pakete an Bord von Flugzeugen und Lkw geschleust haben soll und auf dessen Konto offenbar auch der DHL-Container ging.
Oder die Drohnen, die im vergangenen Sommer immer wieder über deutschen Flughäfen und Kraftwerken auftauchten, dort eine Zeit lang für Chaos sorgten, bis sie schließlich verschwanden oder von Sicherheitskräften gestoppt wurden. Auch hier ist die Beweisführung über die Absender schwierig, auch hier gehen deutsche Sicherheitskreise aber von Russland aus.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, etwa um die mittlerweile regelmäßigen Cyberangriffe auf Krankenhäuser oder Behörden, die ständigen Attentate auf die Infrastruktur und Einbrüche in Energieanlagen. Sie verdeutlicht: Deutschland ist längst Schauplatz eines neuartigen Krieges. Ein Krieg, bei dem keine Panzer rollen und keine Kampfjets fliegen, der nicht offiziell erklärt wurde und dem, bisher, keine Menschenleben direkt zum Opfer fallen. Der aber kaum weniger bedrohlich ist, schon weil seine Verursacher mächtige Staaten sind: Russland, nach Erkenntnissen deutscher Geheimdienstoffizieller, mit denen das Handelsblatt sprechen konnte, aber auch China, Iran oder die Türkei.
Die hybride Bedrohungslage in Deutschland ist derzeit so angespannt wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Stephan KramerChef des Verfassungsschutzes in Thüringen
„Besonders seit 2022 hat die Intensität, Aggressivität und Breite von Cyberangriffen aus Russland auf Deutschland zugenommen“, sagte der ehemalige Vize des Bundesnachrichtendienstes, Arndt Freytag von Loringhoven, dem Handelsblatt. Und der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan Kramer, warnt im Handelsblatt-Gespräch vor einer erheblich verschärften Sicherheitslage in Deutschland. „Die hybride Bedrohungslage in Deutschland ist derzeit so angespannt wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.“ Staatlichen und staatsnahen Akteuren gehe es um die schrittweise Schwächung der staatlichen Handlungsfähigkeit – und der Demokratie an sich.
Am Tag zuvor hatten die Regierungen Deutschlands und Frankreichs die russischen Botschafter in Berlin und Paris einbestellt. Sie werfen Russland eine Cyber-Hacking-Kampagne gegen europäische Staaten und deren kritische Infrastruktur vor.