Die 32-jährige Zürcherin erregt mit ihren Gemälden Aufsehen von Luzern bis Peking. Malt sie, ist es wie ein Tanz. Ein Atelierbesuch.
Die besonnene Besessene – wie die Schweizerin Rebekka Steiger die Kunstwelt aufmischt
Die 32-jährige Zürcherin erregt mit ihren Gemälden Aufsehen von Luzern bis Peking. Malt sie, ist es wie ein Tanz. Ein Atelierbesuch.

Zart und wild zugleich sind ihre Bilder, leichtfüssig, aber auch ungestüm und brutal. Die Gleichzeitigkeit von Gegensätzen gehört zu Rebekka Steigers künstlerischem Universum wie der Sauerstoff zur Erdhülle. Die Bilder der Zürcher Künstlerin haben eine unglaubliche Sogwirkung, sie verändern sogar die Luft um sie herum: Sie füllen sie mit Farbe, mit Energie. Farben sind Rebekka Steigers wichtigstes Material. Und Sprache. Aber zur Sprache später mehr.
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Mitten in diesem überbordenden Farbengeflimmer entdeckt man manchmal eine Figur: einen Fuchs, einen Reiter, einen Menschen oder ein Mischwesen. Wobei Menschen eher als verschwommene Umrisse erscheinen, Tiere hingegen präziser, realistischer dargestellt sind. Auch Pflanzen kommen vor in ihrer Kunst, sehr häufig Blumen. Oder unendlich weite Berglandschaften.
Die Bilder schauen die Betrachtenden anStichwort unendlich: Steigers Werke sind meist riesig, bis zu drei Meter breit die Leinwände. Oder sie sind ganz klein, dann haben sie fast etwas von Miniaturmalerei. Das Erstaunlichste dabei ist: Ob gross oder klein, die Bilder scheinen Betrachtende anzuschauen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Es kann auch vorkommen, dass sie sprechen. Rebekka Steigers Malerei ist gleichsam belebt. Ohne dabei ins Esoterische abdriften zu wollen, soll diesem Phänomen hier nachgegangen werden. Zeit für einen Besuch im Atelier der Künstlerin.
Dieses befindet sich nicht etwa im Industriegebiet von Zürich, wo auch die Mieten für Ateliers pro Quadratzentimeter berechnet werden, sondern in Kriens, etwa fünf Zugminuten von Luzern entfernt. Diese Stadt ist in mehrfacher Hinsicht wichtig für die 1993 in Zürich geborene Künstlerin: Sie hat an der Hochschule Luzern (HSLU) Fine Arts studiert, und dort befindet sich die Hauptfiliale der Galerie Urs Meile, von der sie vertreten wird. Ihre Arbeit fiel Urs Meile und Karin Seiz-Meile an der Jahresausstellung «zentral!» im Kunstmuseum Luzern auf. Für ihre beiden dort ausgestellten Werke bekam Steiger, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatte, einen Preis: Sie erhielt eine kleine Kabinettausstellung im Kunstmuseum Luzern.
Dass Kunstschaffende quasi ab Ausbildungsstätte in ein Galerieprogramm aufgenommen werden, ist höchst selten. Erst recht, wenn es sich wie bei der Galerie Urs Meile um einen international tätigen Betrieb handelt, der neben dem Standort Luzern auch Ableger in Zürich, Ardez und Peking hat. Die chinesische Hauptstadt war für Steigers Werdegang entscheidend. Kaum war die Jungkünstlerin auf die Bühne des internationalen Kunstmarkts katapultiert worden, bekam sie das Angebot, für einen längeren Aufenthalt nach Peking zu reisen.
«Endlich ein Grund, Chinesisch zu lernen», habe sie gedacht, erzählt Steiger in ihrem Atelier. Sie teilt es mit einem Steinbildhauer, einem Plastiker und einer Schreinerin. Beim Reden wird der Atem sichtbar, so kalt ist es. Die Journalistin erhält einen Platz beim mobilen Gasofen, der Austausch mit der Künstlerin ist angeregt. Die feingliedrige Frau ist eine charismatische Person, die Menschen augenblicklich in ihren Bann zieht. Sie redet schnell und lacht viel.
Hundert Gemälde in acht MonatenChinesisch hat Steiger dann tatsächlich gelernt in den fast zwei Jahren, in denen sie – mit Abstechern in die Schweiz – in China lebte. So gut, dass sie heute sogar Bücher auf Chinesisch liest. Ihr Talent für Sprachen kann eine Spur zum Verständnis ihrer Bildwelten liefern: Die Künstlerin besitzt die Begabung, regelrecht einzutauchen in Milieus, alles aufzusaugen, nicht nur Sprache, auch Stimmungen, Farben, Geschichten und Klänge. All das verarbeitet sie in ihrer Kunst, und zwar relativ unmittelbar. Innere und äussere Eindrücke verschmelzen dabei.
Bei ihrem ersten Aufenthalt in Peking, wo sie ihr Atelier in der früheren Galerie der Meiles beziehen konnte, habe sie in acht Monaten rund hundert Bilder gemalt, sagt Steiger. Sie spricht von einer «Materialschlacht». Man müsste fast von einem künstlerischen Raptus sprechen. Aber so besessen sie auch von ihrem Beruf ist, bierernst nimmt sie das Leben deswegen nicht. Sie ist zugleich bodenständig, raucht, trinkt, geht gerne aus. Aber sie braucht zum Arbeiten auch Distanz und Ruhe. In anderen Gefilden gelingt ihr diese Hingabe offensichtlich besser. In der Fremde kann sie sich ganz auf die Kunst konzentrieren.
Zur asiatischen Kultur hatte sie schon als Jugendliche eine Affinität, bereits während ihrer Gymnasialzeit versuchte sie sich an chinesischer Kalligrafie. So genau kann die Künstlerin diesen starken Asienbezug aber nicht erklären. Erstaunlicherweise malte sie chinesische Motive, noch bevor sie dieses Land das erste Mal bereiste. China ist ihr mittlerweile fast zur zweiten Heimat geworden. Sie hat sogar einen chinesischen Namen bekommen: Gao Yan. Sie möchte nach ihrer ersten grossen institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz, die im April im Kunstmuseum Thun eröffnet wird, zurück nach Peking und wieder länger dortbleiben. Nur schon die Grösse der Ateliers, die sie dort jeweils nutzen kann, erleichtert ihr das Arbeiten. Steiger malt gestisch, ihre Bewegungen haben etwas Tänzerisches. Eigentlich wollte sie nach der Matura Tänzerin werden, aber es kam anders. Sie studierte Kunst in Luzern. Das lag auf der Hand, denn gemalt hatte sie schon als kleines Kind.
Wirkliche Vorbilder nennt Rebekka Steiger keine, aber einige Namen von Schweizer Kunstschaffenden, deren Arbeiten sie schätzt; dazu gehören Miriam Cahn, Hans Emmenegger oder Giovanni Segantini. Ein besonderes Faible hat sie für alte chinesische Landschaftsmalerei. Ihre Arbeit ist zwar mit der Malerei der Moderne verwandt, aber klassisch kann man ihre Kunst dennoch nicht nennen. Zu experimentell geht sie mit der Materia prima um. Sie malt mit unterschiedlichen Farbmaterialien, mischt eigene Tempera mit Pigmenten aus China, nutzt aber auch Ölfarben oder Acryltusche. Und sie verwendet verschiedene und unkonventionelle Techniken, etwa das «Abklatschen». Dabei nutzt sie kleinere Leinwände oder Papier als Malutensilien, wodurch spezielle Farbeffekte und Texturen entstehen. Die Abklatschpapiere bearbeitet sie später weiter, sie werden nach ihrem «Dienst» zu eigenständigen Werken.
Anlässlich ihrer ersten grossen Einzelausstellung mit dem Titel «Octopus Mountain», die letztes Jahr im privaten Museum Tank in Schanghai stattfand, produzierte der Schweizer Filmemacher Vadim Jendreyko einen Kurzfilm über sie. Darin sieht man sie in ihrem Krienser Atelier auf einer schmalen Metalllatte über die riesige Leinwand balancieren und minuziös an einer Berglandschaft malen, einem Ort in Graubünden, den sie gut kennt und schon oft erwandert hat. Im Malprozess taucht sie wieder in diese Landschaft ein und mit ihr die Betrachtenden. Bei einem anderen Bild arbeitet sie schnell, sie bewegt die Leinwand, damit die Farbe fliessen und sich einen Weg über die Leinwand bahnen kann. Vieles überlässt sie dem Zufall, es entspinnt sich ein langsamer Dialog mit dem Bild.
Ist die Arbeit vollendet, kann etwas Merkwürdiges passieren: «Das Bild schaut mich plötzlich an.» Dieser Satz stammt aus einem längeren Text zum Bild mit dem vietnamesischen Titel «ma qus vô đsng ts» (Dämon ohne Pupillen). Das Bild ist eine Wucht: dunkel, magisch, packend. Gemalt hat sie es in Vietnam, wo sie sich 2022/23 für sieben Monate aufhielt. Wieder prägte die Annäherung über die Sprache ihren Zugang zum Ort und zur Kultur. Steiger gibt ein Gespräch mit ihrer Vietnamesischlehrerin Trúc wieder, als sie selbst offenbar besorgt war über die geisterhafte Erscheinung in ihrem eigenen Werk: «Không sao đâu – keine Sorge, die Dämonin ist nicht echt, sie hat keine Pupillen», meint diese.
Es folgen Beschreibungen von Steigers Alltag in Ho-Chi-Minh-Stadt, ihren Begegnungen mit Menschen und ihrer Kultur. Gegen Ende schaut die Dämonin im Bild dann auch die Lehrerin Trúc an. Vielleicht sei es doch besser, das Bild mit dem Gesicht zur Wand zu drehen, meint sie nun.
Schreiben als neue DimensionDie Praxis des Schreibens ist relativ neu für Steiger, sie hilft ihr, das Bild, den Titel und den Prozess der Entstehung zu reflektieren. «Title Stories» nennt sie diese Geschichten. Es sind nicht zwingend Texte über ihre Bilder, es geht auch nicht darum, die Kunstwerke zu erklären. Denn manchmal führen die Texte viel weiter als die Bildinhalte. Sie vertiefen sich in andere Materien, andere Zeiten – auch eine Zeit vor dem Bild – und stellen neue Synapsen her.
Der Text «Helium 11», der zum gleichnamigen Bild aus 2019 gehört, ist ein solches Beispiel. Aber warum heisst eine Landschaft mit zwei verloren wirkenden menschlichen Figuren und ein paar roten Kreisen überhaupt so? Das Bild erinnert entfernt an Werke von Edvard Munch, vielleicht sind es die Farben, vielleicht ist es der Bildaufbau oder das dominierende Motiv des Wassers. Bei Steiger ist es in Form eines schwarzen Flusses präsent, der sich in der linken Bildhälfte durch die Landschaft schlängelt.
Schwarzes Wasser: Damit könnte man eine Ölkatastrophe assoziieren. Für Steiger ist es Helium, wie sie im Text ausführt: «Im flüssigen Zustand ist Helium 11 schwarz und suprafluid.» Dazu muss man wissen, beziehungsweise die Künstlerin lehrt uns: Helium 11 gibt es gar nicht, zumindest nicht im Chemielehrbuch. Steigers Herleitung dieses noch unbekannten Isotops des Edelgases klingt durchaus plausibel, aber wissenschaftlich geschulte Menschen schütteln bei der Lektüre bald einmal den Kopf. Hingegen sind Science-Fiction-Fans ganz in ihrem Element. Im Gespräch mit der Künstlerin fallen denn auch Titel bekannter Fantasy-Romane, die sie schon als Kind verschlungen hat: «Herr der Ringe» etwa oder die «Harry Potter»-Bücher. Aber auch die Filme des japanischen Anime-Regisseurs Hayao Miyazaki kennt sie in- und auswendig. Sie selbst könnte aus einem solchen Film stammen: eine «Nausicaä aus dem Tal der Winde», die malend die Welt verändert.
Mit ihren assoziativen und zuweilen auch schrägen Texten entführt uns Rebekka Steiger alias Gao Yan auf eine Reise in eine hypothetische Welt. Aber sie schafft damit zugleich neue Zugänge zu ihrer Kunst. Das Hineinzoomen in atomare Dimensionen schafft eine Art Hyperrealität. Kunst und Leben, also auch das der Betrachtenden, gehören nicht zwei getrennten Welten an, sie verbinden sich zu einem Raum-Zeit-Kontinuum.
Und die Kombination von Text und Bild wird bei Steiger um eine zusätzliche Dimension bereichert: Klang. Die Künstlerin hat diese «Title Stories» alle aufgenommen und liest dabei selbst. Man könnte sich gut vorstellen, ihre Ausstellungen mit einem Kopfhörer zu besuchen und ihrer Stimme zu lauschen. Vielleicht würde dann die Fuchsfigur, die immer wieder auftaucht in ihren Werken, plötzlich aus dem Bild steigen, in ein anderes wandern und dazwischen neben einem hertrotten. Man wäre gar nicht erschrocken darüber, sondern würde das Tier freundlich grüssen: «Hallo Rebekka-Steiger-Fuchs, da bist du ja wieder.» ■
Zur Ausstellung «Rebekka Steiger. Bīngfēng» im Kunstmuseum Thun (5. 4. bis 3. 8. 2025) erscheint die gleichnamige Monografie bei Hatje Cantz, herausgegeben von Helen Hirsch, Kunstmuseum Thun, mit Malerei und Texten der Künstlerin und Beiträgen von Patricia Bieder, Claudia Jolles, Chiara Ottavi, Sophia Remer und Peter Stohler.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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