Immer wieder eskaliert die Gewalt unter Jugendlichen. In Weilimdorf wurde ein 16-Jähriger angeschossen. In Fellbach soll ein Jugendlicher entführt worden sein. Nimmt die Gewalt zu?
Kathrin Novak ist Abteilungsleiterin im Stadtjugendreferat in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Sie koordiniert die Jugendarbeit und weiß, womit Sozialarbeiter täglich konfrontiert werden. Ihr Kollege Stephan Gugeller-Schmieg ist Amtsleiter für Bildung, Jugend, Familie und Sport. Beide beobachten die Entwicklungen in Fellbach und der Region seit Jahrzehnten. Im Interview mit dem SWR äußern sie sich zur Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, der Gefahr durch Sozialkürzungen und der Rolle von Social Media und warum aus kleinen Konflikten durch Social Media schnell große werden könnten.
SWR Aktuell: Wie nehmen Sie die Jugendlichen bei sich in Fellbach wahr, gerade im Punkt Kriminalität und Gewaltbereitschaft? Werden die Jugendlichen aggressiver?
Kathrin Novak: Wir nehmen nicht wahr, dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, sondern die Auswirkung der Gewalt. Durch Social Media wird aus einem sehr kleinen Konflikt schnell ein großer, bei dem sich andere einmischen, die mit dem Ursprungskonflikt nichts zu tun hatten. Die Auseinandersetzungen schwelen dadurch auch viel länger. Die Konflikte werden gefilmt und ins Netz gestellt. Da muss man sich natürlich ganz anders behaupten, viel dominanter auftreten, als wenn man nur einer Person gegenübersteht. Man weiß eben genau: Man taucht nachher in Social Media auf. Die Einzelfälle, die dann mal aggressiver sind, werden durch soziale Medien viel stärker wahrgenommen, obwohl es eben Einzelfälle sind.
Stephan Gugeller-Schmieg: Mit dem Wort aggressiv würde ich vorsichtig umgehen. Wir nehmen einfach eine andere Qualität wahr. Früher hat man sich übers Telefon verabredet und da waren die Auseinandersetzungen teilweise wirklich brutaler. Wir hatten hier in Fellbach damals auch das Thema Banden. Durch Social Media wird die Gewalt jetzt dynamischer und damit weniger kalkulierbar.
Fellbach/StuttgartSWR Aktuell: Gibt es bestimmte Altersgruppen, bei denen Sie eine erhöhte Gewaltbereitschaft wahrnehmen?
Novak: Wir können keine Altersgruppe benennen, in der wir mehr Gewaltbereitschaft wahrnehmen. Die Jugendlichen gehen mit Konflikten genauso um, wie sie es auch in den letzten Jahren, Jahrzehnten schon immer getan haben. Nämlich so wie sie es von ihren Vorbildern vorgelebt bekommen. Dafür ist das Jugendhaus und die Mobile Jugendhilfe da. Dort wird vorgelebt, wie man anders mit Konflikten umgehen kann, als man es vielleicht von zu Hause gewöhnt ist.
SWR Aktuell: Tritt die Gewalt vermehrt digital auf?
Novak: Es sind immer mehr Jugendliche von digitaler Gewalt betroffen.
Gugeller-Schmieg: Das ist aber an sich kein Jugendthema, sondern ein gesellschaftliches. Die Jugendlichen kopieren auch hier, was ihnen die Erwachsenen vorleben. Beispielsweise die politische Diskussion der Ränder und der sogenannten Mitte. Wir müssen uns fragen: Wie geht man miteinander im Netz um? Es bewegen sich auch immer mehr Kinder im öffentlichen Raum, die geschützt werden müssen.
SWR Aktuell: Was ist die größte Gefahr für Jugendliche und was sind die größten Herausforderungen?
Novak: Die Diskussion über Sozialstreichungen. Wenn die Jugendlichen keine Ansprechpartner mehr haben, kriegen wir alle das Ergebnis in fünf Jahren. Eine große Herausforderung ist die soziale Herkunft der Familien und deren Resilienz. Der Einfluss von Corona ist bei sozial benachteiligten Kindern heute noch spürbar. Dann wirkt da auch noch die Bedrohungskulisse durch den Ukrainekrieg und jetzt auch die Wirtschaftskrise, mit Arbeitslosigkeit der Eltern, belastend auf die Jugendlichen. Für unsere Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist der Rechtsruck sehr gravierend und damit hängen dann auch Zukunftsängste zusammen, beispielsweise die Frage, ob man in ein paar Jahren ausgewiesen wird.
Gugeller-Schmieg: Insgesamt ist es eine Mischung aus verschiedenen Faktoren. Wir haben in Fellbach ein gutes Netzwerk von Jugendarbeitern, die die Jugendlichen bei uns auch erreichen. Aber natürlich fallen bei uns manche Jugendliche durch das Raster. Wir versuchen die Jugendlichen zu erreichen, bevor sie auf die schiefe Bahn geraten.
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