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Tyll Ulenspiegel weiss Rat gegen das Sterben: Einfach leben!

Дата публикации: 14-07-2026 03:30:00

Oberammergau ist bekannt für seine Passionsspiele. Unter der Regie von Christian Stückl zeigt das Volkstheater dieses Jahr aber «Tyll» – eine Inszenierung nach dem Roman von Daniel Kehlmann. Zuletzt möchte man selber Tyll sein.

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Tyll Ulenspiegel weiss Rat gegen das Sterben: Einfach leben!

Oberammergau ist bekannt für seine Passionsspiele. Unter der Regie von Christian Stückl zeigt das Volkstheater dieses Jahr aber «Tyll» – eine Inszenierung nach dem Roman von Daniel Kehlmann. Zuletzt möchte man selber Tyll sein.

Bernd Noack14.07.2026, 05.30 Uhr


In «Tyll» hat das Volk unter den Kriegen seiner Herrscher zu leiden.

In «Tyll» hat das Volk unter den Kriegen seiner Herrscher zu leiden.

Arno Declair

Da, wo sonst alle zehn Jahre Christus am Kreuz stirbt, balanciert jetzt ein Seiltänzer in luftiger Höhe, macht Kunststücke und Spässe. Im Passionstheater Oberammergau ist das möglich. Niemand stört sich daran, dass an dem Ort, an dem sonst mit Pomp und viel Volk das Leiden Christi im Mittelpunkt steht, nun eine ganz weltliche Geschichte erzählt wird: die Geschichte von «Tyll» – Ulenspiegel mit Nachnamen –, einem Gaukler und Spötter, der den Herrschern den Vogel zeigt.

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Das Passionstheater in der oberbayrischen Gemeinde, bekannt auch für ländliche Fassadenmalerei und die beste Luft weitherum, stünde normalerweise neun Jahre lang leer. Das aber fand Christian Stückl, der sonst Regie führt im Grossspektakel um Christi Leben und Sterben, nicht gut. Und schlecht zumal für den Fremdenverkehr, von dem man hier ausgiebig lebt. Deswegen inszeniert er nun im Sommer jedes Jahr zusätzlich ein Werk aus der Weltliteratur – einmal Shakespeare, dann Stefan Zweig, auch schon «Joseph und seine Brüder» nach Thomas Mann.

Mehr als ein Spassmacher

Nun aber «Tyll», nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, einen Stoff, der eher in Kinderbüchern vorkommt: der lustige Spassmacher mit der Bommelkappe, der Streiche spielt und die Menschen mit seinen Eulenspiegeleien an der Nase herumführt. Doch in diesem Kerl steckt viel mehr, wie Kehlmann in seinem Bestseller gezeigt hat.

Dabei ist er im Roman fast nur eine Randfigur. Vordergründig geht es in der in die Zeit des Dreissigjährigen Krieges gesetzten Handlung um das ausgezehrte Volk, das unter dem Streit der Herrschenden zu leiden hat. Es geht um Aberglauben und die Brutalität des Klerus, der Menschen verfolgt, Hexen verbrennt, mit Soldaten über das Land zieht und wahllos Ruinen und unschuldige Leichen zurücklässt.

Christian Stückl hat sich auf der riesigen Freilichtbühne ein graues, verkohltes Niemandsland bauen lassen. Der Krieg tobt hier seit Jahren, und die Menschen suchen Zuflucht in Mystik und verquerem Glauben, einen gerechten Gott haben sie schon lange abgeschrieben. Als die Familie Ulenspiegel ins Visier der Jesuiten gerät, der Vater wegen Ketzerei gehängt wird, entschliesst sich der Sohn Tyll (Maximilian Bender) für die Anarchie.

Er wird zum Gaukler, der umherzieht, auf Marktplätzen verbotene Kunststücke vollbringt – Jonglieren gilt als Teufelei – und die unbequemen Wahrheiten über Könige und Kaiser als launige Sticheleien verbreitet. Ein Gesetzloser ist er, Freiwild, aber glücklich als ein Vagant, den man nicht verbiegen und massregeln kann. Wenn er auf dem Seil tanzt, dann hat er die Schwerkraft des ganzen vermaledeiten Daseins überwunden.

Dem Volk geht es an den Kragen

In Daniel Kehlmanns Text geht es sehr breit und lang um die verqueren Machtverhältnisse jener blutgetränkten Zeit, um Katholiken und Protestanten als unerbittliche Gegner, um Wallenstein und Gustav Adolf, um den Böhmenkönig, dem man sein Land genommen hat. Das ist dramaturgisch etwas zäh, ausufernd, historisch korrekt, aber breitgetreten in endlosen Dialogen, bisweilen verwirrend. Für ein Sommerbühnenfest nicht unbedingt die ideale Vorlage, zumal Tyll, um den es ja hauptsächlich gehen sollte, bei all dem nur als stiller Beobachter abseits auf der Szene steht.

In Stückls Inszenierung wird er zum Zeugen einer Zeit, in der es dem Volk an den Kragen geht, weil sich die Obrigkeit in den Haaren liegt. Als Hofnarr darf er den Herrschenden zwar die eine oder andere Beleidigung um die Ohren hauen, darf sie dumm und dämlich nennen. Ihrem Machthunger aber kommt er nicht bei: Man nimmt ihn hin als kauzigen Spassmacher, der den öden und blutigen Kriegsalltag mit Witzen und Kapriolen würzt. Tyll und seine Nele (Anna Norz), seine Freundin im Ungeiste, agieren zwischen all dem grauen Trübsinn in ihren roten Kostümen wie traurige Clowns. Nicht von dieser Welt sind sie, die ihnen wie der Ausbruch der Apokalypse erscheint.

In Oberammergau wird dieser Untergang der zivilen Zeit mit grossem Aufwand gezeigt. Über hundert Mitwirkende hat Christian Stückl verpflichtet, Laien aus dem Dorf, die auch bei der Passion die Bühne als Bürger und Soldaten rund um das Kreuz massenhaft bevölkern. Im Hintergrund ein komplettes Orchester, ein grosser Chor: Alles ist angerichtet für einen theatralischen Event, der bis in die dunkle Nacht dauert und einen mit Kanonendonner und Brandherden aus der Stille jener oberbayrischen Idylle reisst, auf die man im Bühnenhintergrund schauen kann. Und auf einmal sieht man da einen einsamen Drachenflieger über dem Ammertal schweben. Vielleicht auch so ein Tyll, der sich der Wirklichkeit entziehen möchte?

Hoch auf dem Seil

Denn der Held ohne grosse Taten hat mit der Realität gebrochen, meldet sich ab aus einer Welt, die er nicht mehr verstehen will. Das Privileg des Narren eben: nichts ernst zu nehmen und unter all den Dummen der Klügere zu sein. Stückls Inszenierung ist melancholisch und traurig zugleich. Hier gibt es keine Hoffnung für die einfachen Leute, sie werden geopfert, grad so, wie es die da oben wollen. Feige ist dieser Tyll nicht, sondern spitzbübisch klug. Am Ende lugt er hinter einer schwarzen Brandmauer hervor und verrät grinsend sein Rezept gegen das Sterben: Einfach leben!

Im nächsten Moment sehen wir ihn wieder tanzen. Hoch oben auf dem Seil, aus Spass immer kurz vor dem Absturz, doch tatsächlich so sicher wie irgendein Spaziergänger. Und auf einmal wollen auch wir in dieser unsteten und chaotischen Welt wie Tyll sein.

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