Im sanierten Kongresszentrum von Montreux beeindrucken The Roots, Agnes Obel und das Ezra Collective am Wochenende mit Virtuosität und Nonkonformismus. Sie trösten darüber hinweg, dass das Konzert der R’n’B-Legende Isley Brothers gecancelt worden ist.
Im sanierten Kongresszentrum von Montreux beeindrucken The Roots, Agnes Obel und das Ezra Collective am Wochenende mit Virtuosität und Nonkonformismus. Sie trösten darüber hinweg, dass das Konzert der R’n’B-Legende Isley Brothers gecancelt worden ist.

Emilien Itim
Das Montreux Jazz Festival ist für vieles bekannt: für Konzerte, internationale Stars, für den glamourösen Gründer Claude Nobs oder die pittoreske Lage am Genfersee. Nie aber wird jemand die Veranstaltung wegen ihrer Spielstätte gerühmt haben. Das Kongresszentrum, das unter dem Kürzel «2m2c» firmiert, gehört zu den Schandmalen der Schweizer Architektur.
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1973 errichtet, wurde der unförmige Bunker, der sich monolithisch gegen die Uferpromenade abgrenzt, später durch wuchernde An- und Umbauten weiter verschandelt. Auf die diesjährige 60. Ausgabe des Festivals hin hat man das «2m2c» indes totalsaniert und immerhin etwas aufgehübscht. Auf der Seeseite laden neue Treppen und Terrassen die Besucher zum Verweilen ein; auf der Strassenseite leuchtet das Gebäude in der Nacht blau-lila.
Drinnen schaut man in grosszügige, lichtdurchflutete Auf- und Durchgänge mit goldenen Lampen. Zwar werden die Besucher weiterhin wie Schafe oder Rinder durch gefühlt kilometerlange Leitplanken in die einzelnen Säle des verschachtelten Baus gelenkt. Aber das verdrängt man in der Vorfreude auf die Musik. Das Auge soll jetzt schweigen, in Montreux regiert das Ohr. Und freut sich hier über die herausragenden akustischen Gegebenheiten. Zumal die Tontechniker in Montreux zumeist einen guten Job machen. Und die Musiker sind ohnehin bestens vorbereitet, wenn sie hierherkommen.

Lionel Flusin

Marc Ducrest
Das gilt insbesondere für alte Legenden wie die Isley Brothers, die am Samstagabend im Auditorium Stravinski auftreten sollten. Die Band hat die afroamerikanische Pop-Musik jahrzehntelang mitgeprägt – von Twist über Soul bis zum balladesken R’n’B der siebziger Jahre. Umso grösser die Enttäuschung: Das Konzert ist gecancelt: «Abgebrochen», steht lapidar im Programm; auch im Medienzentrum weiss niemand einen konkreten Grund.
Das Angebot an Konzerten – auch an Gratiskonzerten – ist in Montreux immerhin so breit, dass man auch an diesem Wochenende musikalisch auf seine Rechnung kommen kann. Am Freitagabend etwa im «Montreux Jazz Lab», wo zwei profilierte Europäerinnen auftreten: Selah Sue aus Belgien und die Dänin Agnes Obel. Was hat die europäische Pop-Szene eigentlich zu bieten angesichts der globalen Dominanz von Black Music und Latin-Pop?
Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Selah Sue präsentiert die Stücke ihres neuen Albums «Movin’», das sie mit einer bestens eingespielten, fünfköpfigen Band aufgenommen hat. Zwar zieht der Schlagzeuger Stéphane Galland wiederholt europäisch geprägte Grooves wie Acid Jazz, Trip-Hop oder Drum’n’Bass unter den dichten Bandsound. Selah Sues Musik ist sonst jedoch durchtränkt von Einflüssen aus Soul und Hip-Hop.
Die virtuose Sängerin scheint ihre amerikanischen Vorbilder geradezu übertrumpfen zu wollen. Etwas streberhaft setzt sie auf formale Komplexität und vor allem auf forcierte Expressivität. Irgendwie irritiert es, dass die hochbegabte, souveräne, attraktive, fitte und erfolgreiche Sängerin sich ständig auf ein geradezu christliches Leiden am Leben und an der dunklen Welt kapriziert. Dann und wann wird der suggerierte Schmerz durch das Gegenteil, überkandidelte Engelschöre, kontrastiert. Schade, dass Selah Sues an sich packender und geschmeidiger Soul so mitunter ins Sandwich von expressivem Kitsch und prätentiöser Kunst gerät.
Ganz anders dann Agnes Obel. Auch ihr ist Prätention gewiss nicht fremd, aber ihr unbedingter Kunstwille bringt reife Früchte hervor. Auf der Bühne ist sie die Diskretion in Person. Dafür konzentriert sie sich ganz auf ihre Songs: kammermusikalische Kabinettstücke, die sich aus einer motivischen Matrix allmählich in überwältigenden Ambient steigern. Die Methode der Dänin ist nicht neu: Sie verzahnt und schichtet Minimalphrasen und Loops, durch die hinweg sie ihre sirenenhaften Gesänge ertönen lässt wie eine verträumte Priesterin.
Obels Arrangements, die sich aus den Parts verschiedener Klaviaturen und Keyboards, Cello und Schlagzeug zusammensetzten, klingen aber stets kontrastreich timbriert und doch organisch ausgewogen. Überdies verfügt sie über ein hervorragendes Begleittrio mit der Cellistin Marie-Claire Schlameus und der Keyboarderin Hinako Omori, die beide auch singen. Am Schlagzeug schliesslich sitzt der Berner Julian Sartorius, der einst Sophie Hunger zum Erfolg verhalf und nun als Rhythmiker brilliert, der Obels Stücke minimalistisch und raffiniert durch die weiten dynamischen Bögen führt. «The best drummer ever», meinte Obel.

Emilien Itim
Zurück zu den Amerikanern – namentlich zum Shootingstar Giveon, der am Freitagabend im grossen Auditorium Stravinski von seiner Band zwar potent und sehr laut begleitet wird. Noch lauter sind jedoch die Beifallsstürme der Fans. Was aber löst das euphorische Geschrei aus? Giveon knüpft mit seinem schwülstigen Retro-R’n’B ausgerechnet bei Idolen der siebziger Jahre an wie Luther Vandross – oder eben wie den Isley Brothers.
Der smarte Crooner in Anzug und Krawatte, der seinen internationalen Durchbruch Gastauftritten bei Drake und Justin Bieber verdankt, steigert sich dabei regelmässig in die Ekstase eines leidenden Lovers, die Erregung vibriert dann mächtig in seinem Bariton. Vielleicht ist der Schmerz aber auch auf die zähen, mäandernden Songs seines Repertoires zurückzuführen, die sich wie versumpfte Pfade ausnehmen. Aus ihren Untiefen muss sich der Sänger förmlich durch rhapsodische Koloraturen herauswinden.
Was macht ein Festival, wenn ein Headliner ausfällt? In Montreux hat man für die Isley Brothers Ersatz im Londoner Ezra Collective gefunden. Das Quintett mit nigerianischstämmigen Musikern spielt zwar keinen R’n’B oder Soul, sondern Afrobeats in Anlehnung an die Tradition von Fela Kuti – mit nur wenigen Anklängen an den aktuellen Pop eines Burna Boy. Wie ein therapeutisches Kraftwerk entfaltet die Band gleich so viel Euphorie und rhythmischen Schub, dass sich der Grossteil des Publikums gleich abgefunden zu haben scheint mit der – bis zuletzt unkommentierten – Programmänderung und zu tänzeln beginnt im rappelvollen Auditorium Stravinski.
So ist man gut vorbereitet, wenn hier zum Schluss des Abends die Roots auftreten. Die Musiker aus Philadelphia um den Drummer Ahmir «Questlove» Thompson und den Rapper Black Thought sind berühmt dafür, dass sie Hip-Hop konsequent als Live-Band präsentieren. Während Questlove die Band mit seinem imposanten Drumming antreibt, setzt sich Black Thought als engagierter – bisweilen gar als überengagierter – «master of ceremonies» in Szene.

Emilien Itim
Der Rapper scheint als Entertainer lockerer geworden zu sein, dafür ist sein Rap etwas eintönig. Und weil er sich mit seiner bellenden Stimme stets ins Zentrum setzt, steht er den durchwegs virtuosen Instrumentalisten der neunköpfigen Formation fast etwas im Wege. Mit der Zeit aber gibt es vermehrt musikalische Einlagen – schöne Reminiszenzen des Bläsersatzes (samt Sousaphon) an New-Orleans-Blaskapellen; die Rhythm-Section wiederum glänzt durch Blaskapellen knochentrockene Funk-Einlagen.
Bis heute stehen die Roots mit ihrem Live-Hip-Hop ziemlich alleine da. Man kann sogar sagen, dass sie unterdessen in der Abteilung Geschichte des Genres gelandet sind. Und dennoch: Sobald die Band ihre Musik live spielt, wirkt diese tatsächlich wieder lebendig. Das ist typisch für Montreux: Das Festival repräsentiert Musik aus verschiedensten Epochen – und macht aus allem Präsenz.
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