Fasziniert und desillusioniert zugleich blickt die kanadische Sängerin und Dirigentin auf die USA. Das Land erscheint ihr tief gespalten, hinter der Glitzerwelt des Konsums lauert der Verfall. Kann Musik diese Gräben überwinden?
Fasziniert und desillusioniert zugleich blickt die kanadische Sängerin und Dirigentin auf die USA. Das Land erscheint ihr tief gespalten, hinter der Glitzerwelt des Konsums lauert der Verfall. Kann Musik diese Gräben überwinden?
Corina Kolbe13.07.2026, 05.30 Uhr

Stefan Jerrevang / TT News Agency / Reuters
Ihre erste Reise nach Amerika führte Barbara Hannigan geradewegs in ein Paralleluniversum. Im gigantischen Vergnügungspark Disney World in Florida kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nichts ähnelte dem kleinen Dorf im äussersten Osten Kanadas, wo das Kind sonst inmitten der Natur lebte. Schon bald durchschaute sie die perfekt inszenierte Illusion. «Ich erinnere mich an all die Werbeschilder, an diese offensiv kapitalistische Verkaufsstrategie, die wir in Kanada damals noch nicht kannten», sagt Hannigan, die heute als Sopranistin und Dirigentin in aller Welt gastiert.
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Die Vorstellung, dass ein jeder in den USA mit harter Arbeit den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, ist untrennbar mit dem sogenannten «amerikanischen Traum» verbunden. Ein hehres Ideal, das zum 250. Geburtstag der Nation umso selbstbewusster hochgehalten wird. Als Beobachterin von aussen, die sich dem Land aber nahe fühlt, setzt sich Hannigan eingehend mit den Licht- und Schattenseiten des Mythos auseinander. Ihr neues Album mit Stücken von Komponisten wie George Gershwin, Aaron Copland und Richard Rodgers trägt den Titel «An American Dream?» – und das Fragezeichen steht dort nicht zufällig.
«Ich würde mich nie als Amerikanerin bezeichnen, kein Kanadier täte das», macht Hannigan deutlich. Als nördliche Nachbarin sei sie ebenso fasziniert wie eingeschüchtert vom überschwänglichen Patriotismus in den USA oder von der Dominanz der Unterhaltungsindustrie. Der «amerikanische Traum» geht bekanntlich auf die einst von den Gründervätern entworfene Verfassung zurück, wonach alle Bürger ein Recht auf Chancengleichheit, Freiheit und Selbstverwirklichung haben. Während der Grossen Depression, der verheerenden Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre, wurde der Begriff zum politischen Schlagwort.
Für viele Amerikaner sei dieser Traum jedoch nie in Erfüllung gegangen, sagt Hannigan. Denn Vorurteile aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder sozialer Stellung hielten sich hartnäckig. Die Gesellschaft der USA sei tief gespalten – ihren «gewählten Führer» und «die ihn unterstützende Regierung» empfindet sie als «narzisstisch und herrisch». Auf der anderen Seite bewundert sie die Kreativität und die Ausdauer der Einwanderer und ihrer Nachkommen.
Diese ambivalenten Gefühle spiegeln sich in dem vielschichtigen Repertoire wider, das sie auf dem Album mit dem Göteborger Sinfonieorchester eingespielt hat. Voller Anklänge an Jazz, Blues und Spirituals ist Gershwins Oper «Porgy and Bess». Sie spielt in der fiktiven Schwarzensiedlung Catfish Row in der Stadt Charleston, einst eine Drehscheibe des Sklavenhandels. Die Menschen, die mit Armut, Gewalt und Rassentrennung konfrontiert sind, halten dennoch an der Hoffnung auf Liebe und ein besseres Leben fest. Zu hören ist hier eine Orchestersuite, die der Dirigent Fritz Reiner von dem Komponisten Robert Russell Bennett zusammenstellen liess.
Wie Gershwin wuchs auch Copland in New York in einer Familie osteuropäischer Einwanderer auf. Seine farbenreiche «Dance Symphony» basiert auf einem Ballett, zu dem er sich durch Murnaus Stummfilm über den Vampir Nosferatu inspirieren liess. Von der tragischen Liebesgeschichte der Fabrikarbeiterin Julie und des Karussellausrufers Billy handelt dagegen Richard Rodgers’ erfolgreiches Broadway-Musical «Carousel». Der schwungvolle Walzer, der die Ouvertüre bildet, ist zugleich von ergreifender Melancholie durchzogen.
Ein Karussell sieht man auch auf dem Cover von Hannigans Album, es dient ihr als hintergründiges Symbol. Die kunstvoll bemalten Holzpferde und Wagen stehen still, sie sind in ein geisterhaft grünes Licht getaucht. Niemand ist zu sehen. «Das Bild beschwört eine wehmütige Erinnerung herauf, gemischt mit einer unterschwelligen Dunkelheit und Zerstörung. Ich dachte an alte Fotos von verlassenen Jahrmärkten der dreissiger Jahre, während der Great Depression.» Als melancholisches Sinnbild für den Zustand der Gesellschaft unterscheidet sich dieses kaputte Karussell deutlich von den Zukunftsversprechen der Trump-Regierung.
In Washington wurde mit der «Great American State Fair» gerade eine pompöse Leistungsschau rund um den Unabhängigkeitstag inszeniert. Nicht wenige Beobachter finden sie jedoch leer und trostlos. Eine Scheinwelt aus medial vermittelten Klischees und Propaganda, die an die beklemmend zeitgemässen Thesen des französischen Philosophen Guy Debord in «Die Gesellschaft des Spektakels» gemahnt. Das von Hannigan verwendete Bild ist KI-generiert, was bestens zu ihrer Erzählung passt. In Zeiten, in denen die Grenze zwischen echt und künstlich immer mehr verschwimmt, erkennt sie in solchen Täuschungen «eine weitere Form der Manipulation von Emotionen und Erinnerungen».

PD
Das Herzstück des Albums ist die von Hannigan und dem Komponisten Bill Elliott arrangierte Orchestersuite «At the Fair». Eingerahmt wird sie von zwei Gesangsstücken, in denen die Dirigentin in einer Doppelrolle auch ihre Stimme einsetzt. In «Have I Stayed Too Long at the Fair?» blickt jemand nostalgisch auf sein Leben zurück. Waren alle meine Entscheidungen richtig, würde ich heute etwas anders machen? Diese Frage muss sich jeder selbst stellen. Für sie stehe die Antwort jedenfalls fest, sagt Hannigan mit einem Augenzwinkern.
Im instrumentalen Teil «An American Dream» treffen unterschiedliche Musikstile aufeinander, etwa das patriotische Lied «America the Beautiful» oder die marschartige Musical-Nummer «Seventy-Six Trombones». «Wie auf einem Stadtfest spielen hier alle ihre Lieder und Hymnen, ohne einander zuzuhören», so Hannigan. «Diese Stücke streiten miteinander um den ersten Platz. Wir begegnen ihnen in einer Art kognitiver Dissonanz. Es ist so, als würden wir durch Instagram-Reels scrollen und niemals richtig in etwas eintauchen.» Aus «dem» amerikanischen Traum wird einer von vielen.
Entsteht aus einer solchen Kakofonie irgendwann ein Dialog, der eine zunehmend gespaltene Gesellschaft einen kann? Hannigan ist davon überzeugt, dass sich alle Teile letztlich doch zu einem harmonischen Ganzen fügen – und dass Musiker einen wichtigen Beitrag zur Verständigung leisten. «Wir sind Ärzte und Krankenpfleger, das gehört zu unserer Rolle», zitiert sie den amerikanischen Bandleader John Zorn. «Und das intensive Aufeinanderhören, das wir in Proben und Konzerten praktizieren, um gemeinsam etwas zu erreichen, kann ein wirklich inspirierendes Beispiel sein.»
«An American Dream?»: Werke von George Gershwin, Aaron Copland, Richard Rodgers u. a. Gothenburg Symphony Orchestra, Barbara Hannigan (Sopran und Dirigentin). Alpha Classics.
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