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«Aber dann gibt’s wieder Ärger, weil ein Nippel zu sehen ist»: Die Anhänger der Freikörperkultur kämpfen um Nachwuchs

Дата публикации: 08-07-2026 03:30:00

Eine Arte-Doku über passionierte Nudisten dürfte die Jungen kaum für FKK begeistern. Diese behalten heute sogar zum Duschen die Unterwäsche an.

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«Aber dann gibt’s wieder Ärger, weil ein Nippel zu sehen ist»: Die Anhänger der Freikörperkultur kämpfen um Nachwuchs

Eine Arte-Doku über passionierte Nudisten dürfte die Jungen kaum für FKK begeistern. Diese behalten heute sogar zum Duschen die Unterwäsche an.

Es fühlt sich einfach so befreiend an. Beim FKK-Camping an der Mecklenburgischen Seenplatte.

Es fühlt sich einfach so befreiend an. Beim FKK-Camping an der Mecklenburgischen Seenplatte.

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Die Sprachlehrerin Jeannette ist ein grosser Fan der Freikörperkultur. Sie baut das Thema sogar in ihre Integrationsarbeit mit Flüchtlingen ein. Sie erklärt den Frauen und Männern aus Afghanistan, dem Irak oder Venezuela, dass in einer Demokratie jeder selber entscheiden dürfe, was passe und was nicht. «Toleranz ist ganz wichtig», sagt sie.

Zwei junge Männer schauen sich vielsagend an, eine Frau im Hijab sitzt mit verschränkten Armen da, ihr Blick ist ausdruckslos auf die Lehrerin gerichtet.

Zuvor sieht man Jeannette am Strand von Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern, und zwar so, wie sie Gott erschaffen hat: splitterfasernackt, nur ein Kreuz baumelt an ihrem Hals.

Jeannette ist mit einem Bekannten an die Ostsee gekommen, auch er nackt, um dieses Gefühl zu geniessen, das man ihrer Ansicht nach nur im Naturzustand erleben kann. Sonne und Wind zu spüren, gelebte Offenheit. Deshalb regen sich die beiden auf, als sie im Wasser Jugendliche in Badehosen sehen. Textil hat hier nichts zu suchen: Es ist ein FKK-Strand mit Nacktpflicht, darauf weisen Schilder hin. Bekleideten droht sogar ein Platzverweis durch einen Strandvogt.

FKK-Vereine mit lauter über 60-Jährigen

Jeannette, 46, wohnhaft in Zwickau in Sachsen, in der DDR aufgewachsen und daher vertraut mit der Freikörperkultur, gehört zu einer aussterbenden Spezies. FKK in Deutschland gerät in Bedrängnis. In den letzten dreissig Jahren halbierte sich die Zahl der Mitglieder der FKK-Vereine. Die meisten Leute sind über sechzig. Die Naturistenszene leidet an Nachwuchsmangel.

Die Situation betrübt Jeannette, eine der Protagonistinnen in der Doku «FKK: vor dem Aus?» von Marietta Rebekka Schultz, die auf Arte zu sehen ist. Darin überlegen sich Nudisten wie sie, wie die Jungen zu erreichen sind.

So engagiert sich Jeannette ehrenamtlich für ihren FKK-Verein. Sie organisiert Museumsbesuche, Weindegustationen oder Wanderungen für Nackte. Nur in Wanderschuhen und mit Rucksack schreitet eine Gruppe Grauhaariger durch den Wald. Um solche Anlässe zu bewerben, möchte Jeannette Fotos auf Instagram oder Facebook posten. Hier stösst sie aber bereits auf ein Problem, da die Plattformen keine sichtbaren Geschlechtsteile tolerieren. Sie sagt: «Dann gibt es wieder Ärger, weil ein Nippel zu sehen ist.»

Weg mit dem Schamgefühl

Es ist fraglich, ob mit den Ausflugsfotos viele junge Leute für FKK angefixt würden, sieht man den Körpern doch die Schwerkraft der Jahre an. Um ein ansprechendes Äusseres geht es aber genau nicht, wenn man den Nudisten glaubt. Niemand soll sich schämen, im Gegenteil: Mit dem öffentlichen Nacktsein werden Schönheitsideale hinterfragt.

Irgendwo Textil in Sicht? Die Sprachlehrerin Jeannette und ein Bekannter möchten am FKK-Strand an der Ostsee unter ihresgleichen bleiben.

Irgendwo Textil in Sicht? Die Sprachlehrerin Jeannette und ein Bekannter möchten am FKK-Strand an der Ostsee unter ihresgleichen bleiben.

Marietta Rebekka Schultz

Darum bemüht sich auch die britische Studentin Saoirse, die mit ihrem Freund einem FKK-Klub in Grossbritannien beigetreten ist. Auch sie ist hier weitaus die Jüngste. Da sie mit Social Media vertraut ist, liegen die Hoffnungen bezüglich Akquisition auf ihr. Saoirse möchte den Jungen beibringen, dass Naturismus «eine Art Rebellion» ist: «Denn auch wenn mein Körper nicht perfekt ist, sollte ich ihn nicht verstecken.»

Saoirse hat zwar kein Problem, zu alten nackten Männern in einen Whirlpool zu steigen. Nur reden die halt so viel über Golf. An einem Nacktfestival in Somerset trifft sie immerhin auf Gleichaltrige. Sie fängt sich aber einen Sonnenbrand ein und muss ihre Haut bedecken.

DDR: «Nackt sind wir alle gleich»

Solche Szenen haben etwas Heiteres, ohne dass sich die Doku über die Naturisten lustig machen würde. Im Herzeigen ihres hüllenlosen Körpers haben diese sogar etwas Rührendes. Man fragt sich allerdings, warum FKK geschützt werden muss. Und ob es nicht der Lauf der Zeit ist, dass heutige Generationen ihre Nacktheit lieber verbergen.

Jeannette, die ostdeutsche Sprachlehrerin, würde ihr Festhalten an FKK mit der Tradition begründen. In der DDR war die Freikörperkultur Teil des Alltags. Dabei gab es zwei zentrale Bedeutungen. «Nackt sind wir alle frei», hiess die eine. «Nackt sind wir alle gleich» die andere.

Die Soziologin Sabine Dressler, ebenfalls im Osten aufgewachsen, sagt in einer weiteren Arte-Doku, die sich der Geschichte der Nacktheit widmet, wenn man sich ausgezogen habe, habe man sich der Uniform oder des Parteiabzeichens entledigt. «Vielleicht ist gerade das das Oppositionelle an der Freikörperkultur der DDR: dass es eine unpolitische Nische in einem durch und durch politisierten Staat gab.»

Nackt sind sie alle gleich: Nudisten an einem Strand auf Rügen in der DDR um 1980.

Nackt sind sie alle gleich: Nudisten an einem Strand auf Rügen in der DDR um 1980.

Ullstein/Getty

Schon während der Lebensreformbewegung im frühen 20. Jahrhundert wurde das Nacktsein in freier Natur als gesund propagiert. Mit der Industrialisierung sollte es die Städter der Natur wieder näherbringen. Nach der sexuellen Revolution und als das Camping populär wurde, breitete sich FKK auch im Bürgertum des Westens aus.

Puritanismus in digitaler Zeit

Sieht man die Nudisten in Schultz’ Film, bezweifelt man nicht, was FKKler betonen: Es geht dabei nicht um Sex und Erotik. Jeannette sagt, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen: «Wen soll ich belästigen, wenn ich im Wald nackt wandere oder nackt am See liege?» Wer sich belästigt fühle, solle weitergehen. «Leben und leben lassen.»

Doch in FKK-Klubs sind heute 80 Prozent Männer. Das sagt viel darüber aus, wie Naturismus inzwischen wahrgenommen wird. Junge Frauen haben keine Lust auf den «male gaze», starrende Männer, was kaum immer zu vermeiden ist. Da kann man noch so darauf beharren, dass Nacktheit nichts mit Sexualität zu tun habe.

Für jüngere Leute hat es nichts Befreiendes mehr, sich ihrer Kleider zu entledigen. Eher setzt man sich damit dem Vergleichen und Bewerten aus. Social Media zeigt uns den optimierten Körper vor. Trotz gutmeinender Body-Positivity-Bewegung sind Normen wirksamer denn je – man muss sich bloss in Fitnesscentern umsehen. Da ist die Angst, mit einem Handy fotografiert und im Internet blossgestellt zu werden.

Die neue Prüderie beklagt ein Nudist in der Doku mit den Worten, dass die Jungen heute sogar nach dem Sport in Unterwäsche duschten: «Ganz schlimm.» Was die Jungen zu dem nackten Alten auf der Waldbank sagen würden, bleibt offen.

«FKK: vor dem Aus?» und «Hüllenlos - die Geschichte der Nacktheit» in der Arte Mediathek.

Bei der Eröffnung des ersten FKK-Strandes im englischen Brighton buchstabieren Mitglieder des aktivistischen Netzwerks Brighton and Hove Squatters Union (BHSU) den Namen als Botschaft an Voyeure.

Bei der Eröffnung des ersten FKK-Strandes im englischen Brighton buchstabieren Mitglieder des aktivistischen Netzwerks Brighton and Hove Squatters Union (BHSU) den Namen als Botschaft an Voyeure.

PA Images / Getty

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