Seit Monaten läuft bei der Dillinger Hütte der Umbau auf eine grüne Stahlproduktion. Doch in Brüssel herrscht wachsende Unsicherheit über die Marktfähigkeit des Projektes. Ein Scheitern würde auch den örtlichen Bäcker und Geschäfte in Existenznot stürzen.
Dillingen · Seit Monaten läuft bei der Dillinger Hütte der Umbau auf eine grüne Stahlproduktion. Doch in Brüssel herrscht wachsende Unsicherheit über die Marktfähigkeit des Projektes. Ein Scheitern würde auch den örtlichen Bäcker und Geschäfte in Existenznot stürzen.
Die Erweiterungs- und Umbauarbeiten der Dillinger Hütte für den „grünen Stahl“ aus der Vogelperspektive. Milliarden werden investiert, um hier und in Völklingen ab 2029 klimafreundlichen Stahl zu produzieren und so Emissionen zu sparen.
Foto: RuppenthalMontag, 6 Uhr: Kaum öffnet Max Haus die Tür zu seinem französischen Café in der Hüttenwerkstraße in Dillingen, trudeln schon die ersten Kunden ein – insbesondere Mitarbeiter der Dillinger Hütte. „Viele kommen vor oder nach der Schicht und kaufen sich belegte Baguettes“, erzählt Haus. Seit 2019 betreibt er in unmittelbarer Nähe zum saarländischen Stahlhersteller das „French Baguette“, in dem Kunden französischen Backwaren kaufen können. Viele von ihnen betreten regelmäßig das Ladengeschäft, Haus hat dabei immer Zeit für einen Plausch. „Für viele ist das kurze Gespräch auch ein Ausgleich“, erzählt Haus. „Und dabei kriegt man auch die Sorgen mit.“
Politische Diskussion verunsichert saarländische Stahlindustrie
Anlass hierfür haben die Mitarbeitenden der Hütte derzeit zuhauf. Denn während sich die Stahl-Holding-Saar (SHS) bereits vor Jahren zum EU-Klimaziel „Fit for 55“ bekannt hat – also bis 2030 55 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen will und hierfür seit Monaten die Transformation auf die Produktion von grünem Stahl auf Hochtouren vorantreibt – droht das ambitionierte Ziel auf höherer Ebene zu scheitern.
Mit Blick zur Hütte verfolgt Max Haus und seine Familie aus dem Dillinger Restaurant L‘ Auberge die Entwicklungen in Sachen „Grüner Stahl“.
Foto: RuppenthalDer Grund: Sowohl die Bundesregierung als auch die EU in Brüssel gefährden aktuell mit ihren Überlegungen das Projekt. Im Streit geht es um den europäischen Zertifikatehandel. Unternehmen, die klimaschädliches CO2 ausstoßen, müssen Zertifikate kaufen. Um mehr Anreize zum schnellen Umbau zu schaffen, plante die EU bisher, weniger Zertifikate auszugeben und diese zu verteuern. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will das zeitliche Tempo hierfür nun jedoch verringern. Gewerkschaften und die SHS sehen darin wiederum eine Bestrafung ihrer bisherigen Bemühungen und den Fortbestand der saarländischen Stahlindustrie in Gefahr. Denn der klimafreundliche Stahl ist im Vergleich teurer als herkömmlicher. Deshalb demonstrierten im Juni Tausende Beschäftigte in Völklingen am Stahl-Aktionstag (wir berichteten).
Stahl-Aktionstag 2026 – riesige Demo zieht durch Völklingen
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Mögliches Aus der Hütte hätte Folgen für den örtlichen Handel
Durch ein mögliches Aus der Branche würden aber nicht nur etwa 15.000 Stahlarbeiter ihren Job verlieren – es hätte auch Folgen auf den örtlichen Handel, etwa bei Max Haus. Schon jetzt bemerkt er: „Die Leute sind weniger kauffreudig und können das Geld nur einmal ausgeben.“ Mehr als die Hälfte seiner Kunden sind Hüttenarbeiter, viele kommen auch am Wochenende vorbei. „Wir fühlen uns als Teil der Hütte“, sagt Haus. Jetzt hört er, dass Arbeiter aufgrund der unsicheren Lage vielleicht keinen Kredit bei der Bank bekommen oder Azubis nach der Lehre zweifeln, ob sie sich hier eine Zukunft aufbauen können. Würde die Hütte schließen, „würde das ganze Kartenhaus zusammenfallen. Wenn die Hütte hustet, haben wir schon eine Lungenentzündung“, sagt der Geschäftsinhaber.
Auch gastronomische Betriebe betroffen
Ein Problem, das auch seinen Vater Hermann Haus treffen würde. Seit über 50 Jahren gehört ihm in der Dieffler Straße, vis à vis zur Hütte, das Restaurant L‘ Auberge, in das früher auch häufig Hüttenarbeiter in der Mittagspause zum Essen oder abends fürs Feierabendbier kamen. Im Laufe der Jahre wurde das zwar weniger, aber noch heute besuchen häufig Hüttenarbeiter, „Gott sei Dank“, abends die Gaststube, über der Hermann Haus zudem ein Hotel betreibt. Ein Wegfall der Hütte würde jedoch nicht nur ihnen zu schaffen machen – Hermann Haus sieht einen weiteren Faktor, der ihm Sorge bereitet: „Die Stadt ist abhängig von der Gewerbesteuer.“ Fehlen diese, könnte Dillingen weniger investieren, etwa in Schulen oder ins kulturelle Leben. So betont Finkler im Gespräch mit unserer Zeitung, dass ein Scheitern der Transformation und Wegfall der Hütte „sich auch auf die Entwicklung der Innenstadt auswirken“ würde (Bericht hierzu folgt).
„Die Hütte ist das Herz“
Auch teilen Vater und Sohn die Meinung, dass es unfair denen gegenüber ist, die Rahmenbedingungen zu ändern, wenn manche schon investiert haben. „Das bringt nichts, wenn die einen sich bemühen und man sie dann abstraft“, findet Hermann Haus. „Außerdem bringt die Hütte sich ein und spendet in die Region“, sagt Max Haus. „Die Stadt ist der Körper und die Hütte das Herz.“ Nach Auffassung seines Vaters müsse die Politik sehen, dass sie mit der politischen Entscheidung nicht nur der Hütte, sondern auch den Geschäften vor Ort helfen würde. Zudem findet er, dass herkömmlicher Stahl höher besteuert werden sollte.
Vater und Sohn dennoch zuversichtlich
Trotz aller grauen Wolken, die derzeit über dem Stahlhersteller aufziehen – dass sie wirklich vor dem Aus stehe, glauben beide nicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Hütte wegbrechen würde“, sagt Max Haus. „Die suchen sich ihre Nische“, ist auch sein Vater überzeugt. Wichtig sei nun, dass Betrieb und Mitarbeitende zusammenhalten. „Dann können sie es schaffen.“ (pte)