Bundesrätin Baume-Schneider persönlich hat während eines Nigeria-Besuchs Raubkunst aus Schweizer Museen zurückgegeben. Der Akt stösst auf Kritik.

Bild: Anthony Anex / Keystone
Eine gute Tat, eine gute Absicht, und es hagelt Kritik. Die Schweiz hat afrikanische Raubkunst restituiert, und nicht alle sind zufrieden. In bester Absicht hat Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider am Montag in Lagos ihre Diplomatie walten lassen und Beutekunst aus Schweizer Museen zurückerstattet: Benin-Bronzen, legendäre Objekte aus dem ehemaligen Königreich Benin, heute Nigeria. Doch statt des gewünschten Happyend enflammt die Debatte um die Kolonialgeschichte der Schweiz neu.
Benin-Bronzen sind sozusagen die Mona Lisa der europäischen Kolonialgeschichte: Der Sammelbegriff vereint sagenhafte Kunstwerke, die sich bis 1897 als Schmuck im Königspalast von Benin befunden haben. Kultgegenstände, Reliefs und Skulpturen.
Die Herkunft der Objekte ist inzwischen gut erforscht. Offiziell, um den Sklavenhandel zu beenden, stellten die britischen Kolonialherren 1897 eine sogenannte Strafexpedition zusammen. Die Truppen eroberten das Königreich Benin, verwüsteten die Hauptstadt und plünderten den Palast des Königs. Dabei raubten sie mehrere tausend Bronzen und verschifften sie nach Europa und in die USA.

Bild: Anthony Anex / Keystone
Bis vor Kurzem waren Teile dieser Beute auch in der Schweiz ausgestellt. Die Sammlungen des Völkerkundemuseums Zürich, des Zürcher Museums Rietberg wie auch des Musée d’Ethnographie in Genf besassen sie in ihren Beständen. Erfolglos hatte sie Nigeria seit den 1960er Jahren zurückgefordert.
Die Politik der Arroganz soll ein Ende habe. In einem Staatsakt hat Baume-Schneider diese Bronzen Vertretern des nigerianischen Nationalmuseums überreicht. Dem Schritt vorausgegangen waren mehrjährige wissenschaftliche Abklärungen bezüglich der Historie der Objekte.
Die Rückgabe erfolgte bedingungslos. Was mit den Objekten nun geschieht – wo sie ausgestellt werden oder wohl eher nicht –, ist ausschliesslich eine innernigerianische Angelegenheit. Baume-Schneider erklärte in ihrer Rede, die Geste sei ein Zeichen von Vertrauen und Respekt.

Bild: Rainer Wolfsberger / Museum Rietberg
Die offizielle Schweiz tritt in die Fusstapfen des grossen Bruders Deutschland. 2022 hatte die deutsche Regierung mit einem aufsehenerregenden Symbolakt ihre Bronzen restituiert: Man gab nicht nur die Objekte zurück, man half zudem mit Zahlungen von mehreren Millionen Euro, um deren Zukunft zu sichern. Deutschland beteiligte sich am Bau eines Museums in Benin-City. Sein einziger Zweck sollte es sein, die weltweit restituierten Bronzen dem nigerianischen Volk dauerhaft zugänglich zu machen.
Doch die innerafrikanische Politik hielt sich nicht an die Zusage. Kaum in Nigeria, sprach der damalige Präsident die Eigentumsrechte per Dekret dem offiziellen Erben des früheren Königs zu, dem heutigen Oba von Benin. Das Ziel des neuen Museums war damit hinfällig.

Bild: Salvatore Di Nolfi / Keystone
Nun restituiert auch die Schweiz Kunstwerke. Sie tut es zu Recht. Die Politik der Arroganz muss durch eine Politik des Vertrauens abgelöst werden. Doch bei Licht betrachtet, gründet dieses Vertrauen auf Sand.
Zur Befürchtung Anlass gab bereits das Protokoll des Schweiz-Besuches. Inoffiziell hatte man damit gerechnet, dass sich der König für die Übergabe der Bronzen Zeit nehmen würde. Doch der Herrscher blieb der Zeremonie fern.
Der politische Affront gibt den Kritikern Nahrung. Sie äussern den Verdacht, die restituierten Bronzen könnten in der königlichen Privatsammlung verschwinden, vielleicht sogar verkauft oder versteigert werden. Der Königsfamilie als Eigentümerin ist befugt, zu tun und zu lassen, was ihr beliebt.
Einen schlechten Ausgang befürchtet mit gutem Grund auch eine Gruppe, die durch die mustergültige Politik der Schweiz das Nachsehen hat: die Nachfahren der Sklavinnen und Sklaven. Sie werfen ein, dass die Bronzen aus jenem Metall gegossen wurden, das als Tauschwährung im Sklavenhandel eingesetzt wurde. Die Kritiker beanspruchen die Bronzen als Teil ihres kulturellen Erbes.
Hätte die Schweiz bei der Rückgabe ihrer Raubkunst mehr Umsicht walten lassen müssen? Vertrauen gegen Vertrauen gilt hier nicht. Mehr als Hoffnung ist nicht zu haben. Vielleicht auch Hoffnung in die eigene Politik? Wenn wir es ernst meinen mit dem Ende der Arroganz, beginnt jetzt die Aufarbeitung der Schweizer Kolonialgeschichte.
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