An der Universität Zürich erforscht Christine Lötscher Kinder- und Jugendliteratur als Spiegel der Gesellschaft. Im Gespräch erklärt sie, warum KI in der Kinderliteratur nichts verloren hat.

Bild: Christian Beutler
Frau Lötscher, in der Kinder- und Jugendliteratur werden kulturelle und soziale Fragen behandelt. Wie reagiert Kinder- und Jugendliteratur auf gesellschaftliche Herausforderungen?
Bücher für Kinder und Jugendliche nehmen aktuelle Themen sehr schnell auf. Etwa die Frage, was die Klimakrise, soziale Medien und KI mit Kindern und Heranwachsenden machen. Kinderliteratur entwirft gleichzeitig Vorstellungen davon, wie Kinder sein oder nicht sein, was sie tun oder lassen sollten.
Berührt das auch politische Themen?
Ja. Historisch wurde Kinderliteratur stark als Erziehungsmedium verstanden, besonders in der Aufklärung. Literatur sollte zur moralischen und gesellschaftlichen Erziehung beitragen. Heute zeigt sich Politik eher indirekt: durch Themen wie Diversität, Geschlechterrollen oder ökologische Fragen. Gleichzeitig gibt es immer wieder Versuche, Kinderliteratur explizit politisch zu instrumentalisieren – in sehr unterschiedlichen Richtungen.
In den aktuellen Herbstvorschauen sind auch politische Kinderbücher zu sehen, etwa eines zum Palästinakonflikt. Kinderliteratur behandelt also komplexe Politik. Ist sie anfällig für vereinfachte Narrative?
Einfache Sprache bedeutet nicht einfache Inhalte. Gute Kinderliteratur arbeitet oft mit Reduktion: wenige Worte, viel Raum für Imagination. Das ist eher das Gegenteil von Propaganda. Es geht nicht darum, einfache Botschaften zu vermitteln, sondern Räume zu öffnen, in denen verschiedene Bedeutungen entstehen können. Kinder können Geschichten also selbstständig unterschiedlich deuten.
Unser Kindheitsbild ist ein Überbleibsel der Romantik. Hat es sich entwickelt?
Es gleicht in vielem noch immer diesem Bild. Das Kind ist stark positiv konnotiert: empathisch, naturverbunden und sozial; es besitzt eine Neugier und Offenheit, um die Erwachsene es beneiden. Besonders in ökologischen Erzählungen erscheint das Kind oft als Träger von Werten, die gesellschaftlich als verloren gelten. Gleichzeitig ist das Jugendbild häufig ambivalent: Das Erwachsenwerden wird nicht als besonders positive Erfahrung erzählt, sondern auch als Verlust oder als schwieriger Übergang in eine ungewisse Zukunft.

Geboren 1970. Schweizer Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich und beschäftigt sich in ihrer Forschung insbesondere mit Kinder- und Jugendliteratur, Fantasy, Populärkultur, Medien sowie Gender- und Umweltfragen in der Literatur. Bekannt ist sie zudem als Literaturkritikerin und Moderatorin literarischer Veranstaltungen. Darüber hinaus ist sie Mitherausgeberin des Online-Magazins Geschichte der Gegenwart.
Gibt es heute mehr Konflikte rund um Kinderliteratur?
Kinderliteratur wird heute stärker politisch gelesen. In Debatten – etwa in den USA – geht es um Fragen wie: Darf ein Buch queere Figuren enthalten? Oder bestimmte Identitätsfragen offenlassen? Das führt dazu, dass Texte sehr genau gelesen werden, oft auf der Suche nach potenziell problematischen Inhalten. Gleichzeitig gibt es Versuche, Kinderliteratur möglichst «harmlos» zu halten, damit sie von möglichst allen akzeptiert wird.
Wie verändert sich die Vermittlung von Literatur?
Vermittlungsinstanzen sind zentral. In der Schweiz spielen Programme wie «Buchstart» eine wichtige Rolle, um Kinder früh mit Büchern in Kontakt zu bringen. Gleichzeitig hat sich die Vermittlung verändert.
Auch weil Soziale Medien und digitale Plattformen wichtiger sind: Sind Bibliotheken noch ein Thema?
Sie, wie auch die Familie und die Schule, bleiben zentrale Orte der literarischen Sozialisation.
Aktuell entdecken BookTok und Co. den klassischen Kanon neu. Sind soziale Medien der richtige Ort für anspruchsvolle Literatur?
Der Buchdiskurs auf Sozialen Medien ist viel differenzierter als sein Ruf.
Nutzerinnen und Nutzer reagieren auf Bücher dort aber oft besonders emotional.
Ja, aber es gibt auch kritische Auseinandersetzungen mit Texten. In vielen Beiträgen wird die elitäre Literaturkritik angeprangert und für Offenheit gegenüber unterschiedlichen Arten des Lesens plädiert. Lesen soll Spass machen, zur Stimmungsregulierung beitragen, aber auch bilden und kritisches Denken fördern. Gerade die vielgeschmähten New-Adult-Romane setzen sich beispielsweise intensiv mit sexualisierter Gewalt auseinander.
Betrachtet man die Bestsellerliste von Amazon, scheint sich die Behauptung zu bestätigen, Kinder- und Jugendbücher würden immer häufiger mit KI geschrieben. Verschiedene Medien berichten darüber. Übernimmt die KI den Kinder- und Jugendbuchmarkt?
In der Behauptung, dass besonders Kinder- und Jugendliteratur sowie Unterhaltungsliteratur künftig von KI geschrieben werde, steckt ein Vorurteil gegenüber «einfacher» Literatur oder Genreliteratur, die sich an bestimmten Mustern orientiert. Ich würde behaupten, dass gerade diese Texte besonders viel menschlichen Verstand und Kreativität erfordern, wenn sie nicht beliebig wirken sollen.
KI könnte Autorinnen und Autoren die Arbeit aber erleichtern und wirtschaftlich attraktiv sein.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Autorinnen und Autoren auf den Schreibprozess verzichten wollen.
Es sei denn, Verlage oder der Markt setzen sie unter einen so extremen Produktionsdruck, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen.
Es wäre geradezu absurd, wenn eine Gesellschaft, die sich grosse Sorgen über den Einfluss digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche macht, ihnen KI-generiertes Material zum Lesen vorsetzen würde. Darauf zu verzichten ist ein ethischer und pädagogischer Imperativ, den sich auch Verlage, die sich stärker fürs Geldverdienen als für die Kunst interessieren, zu Herzen nehmen sollten.
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