Jährlich landen 35.000–50.000 Kilogramm Plastikschnüre in der Nordsee, die von Grundschleppnetzen stammen. Diese sogenannten Dolly Ropes ersticken Seevögel und belasten das Ökosystem. Ein OSPAR-Beschluss soll nun ein Ende bringen.
Verloren auf See, gefunden im Nationalpark: Die so genannten Dolly Ropes der Grundschleppnetzfischerei können Vögeln und Fischen zum Verhängnis werden. Doch eine Lösung des Problems ist in Sicht.


Wer in den vergangenen Jahren am Nordseestrand spazieren war, hat sie ganz sicher schon mal bemerkt: blaue und orangefarbene, manchmal auch grüne Seilstücke oder Plastikfäden.

Sie liegen ineinander verknotet im Sand, knäueln sich zwischen Muscheln, Tang und Algen, hängen am Dünengras oder an Zäunen oder wurden von Vögeln in ihre Nester verbaut. Schaut man dann gezielt hin, sieht man sie plötzlich überall. Und fragt sich: Was ist das für ein Zeug?
Die Antwort liegt nahe: irgendein Müll aus der Fischerei. Tatsächlich stammen diese auch im Nationalpark Wattenmeer omnipräsenten Plastikfäden von Grundschleppnetzen, also den Netzen, mit denen Kutter oder Trawler den Meeresboden nach Plattfischen oder Krabben abfischen. Sie heißen Dolly Ropes – und sind nicht versehentlich von Bord gegangen wie etwa Geisternetze. Es ist mehr oder weniger ihr Prinzip, dass sie irgendwann im Meer enden: Die Seile sollen die teuren Schleppnetze schonen, als eine Art Scheuerschutz, damit diese nicht so schnell kaputt gehen, wenn sie mit ihrem schweren Fang über den Meeresboden schrubben. Die Dolly Ropes verhindern das – allerdings zu dem Preis, dass sie selbst abgescheuert werden.
„Nach ein paar Tagen fangen die an, sich aufzudröseln“, erklärt Daniel Stepputtis vom Thünen-Insitut für Ostseefischerei. „Dann sehen sie aus wie so ein Bärenpelz. Irgendwann reißen sie ganz ab“, so der Experte für Fangtechnik und Netze. Ihre Lebenserwartung ist kurz: Nach nur wenigen Wochen „Arbeit“ landen teilweise schon die Hälfte aller Fäden im Meer, als Plastikmüll. „Die übrigen muss der Fischer wieder abmachen und neue dran binden. So geht das Spiel immer wieder von vorne los“, sagt Stepputtis.

Deutsche Fischer, niederländische, dänische, britische, französische, isländische, norwegische: Sie alle nützen Dolly Ropes – im EU-Raum rund 100.000 Tonnen pro Jahr laut einer Studie der OSPAR-Kommission zum Schutz der Meeresumwelt im Nordsee und Nordostatlantik von 2025. Und von denen wiederum gelangen jedes Jahr um die 35.000 bis 50.000 Kilo Plastikfäden in die Nordsee. Wind und Strömung treiben den Müll dann weiter an die Küsten und Strände. Natürlich auch an die geschützten Wattbereiche und in den Nationalpark.
Die gute Nachricht: Bald soll Schluss sein mit dieser massiven Meeresverschmutzung. Die Mitgliedsländer der OSPAR-Kommission und die EU haben am 25. Juni, nach jahrelangen Gesprächen, Forschungen und Verhandlungen, den Anfang vom Ende der Dolly Ropes verkündet. Sie vereinbarten Maßnahmen, um ihre Verwendung auf Fischerbooten schrittweise einzustellen. Außerdem wollen sie technische Alternativen fördern, die die Meere nicht weiter mit Plastik belasten.
Wer die Dolly Ropes erfunden hat und seit wann sie durchs Meer treiben, wissen nicht einmal Fischereiexperten so genau. Es gibt sie einfach, als eine Art handwerkliches Erfahrungswissen. Jakob Strand von der Universität Aarhus hat sie erstmals vor etwa zehn Jahren beim Strandmonitoring bemerkt. „Ich wusste damals gar nicht, was das für komische Schnüre waren“, erzählt der Meeresökologe. Er sprach mit Kollegen und hörte erstmals von den Dolly Ropes aus der Fischerei. Seitdem zählt er die Funde genau: Bei 46 Monitorings an der Westküste Jütlands auf einem Strandabschnitt von nur 100 Metern, kamen rund 1600 Stücke von Dolly Ropes zusammen. Das ist sehr viel Müll – dabei ist Dänemark ein Land, in dem Dolly Ropes so gut wie gar nicht zum Einsatz kommen.
Dolly Ropes sind überall in der Nordsee und auch im Nordatlantik zu finden, selbst in Grönland habe ich schon Dolly Ropes entdeckt, obwohl sie dort nicht verwendet werden.
Jakob Strand, Universität Aarhus
Sein Kollege Bastian Huwer nähert sich dem Problem von der Wasserseite aus. Der Forscher vom dänischen National Institute of Aquatic Resources (DTU Aqua) hat Dolly Ropes das erste Mal bewusst gesehen, als er in Fischmägen schaute. Eine Kollegin, die sich mit marinen Nahrungsketten beschäftigte, zeigte Huwer die bunten Plastikfäden, die sie hin und wieder in den Mägen ihrer Untersuchungsobjekte fand. Huwer, der zu Forschungszwecken eigentlich nach Fischrogen und -larven in der Nordsee fischt, schaute sich seine Netzinhalte daraufhin genauer an. Auch er verzeichnet seitdem, was neben Eiern und Larven noch in seinen kleinen Netzen sammelt. Sein Fazit: Dolly Ropes sind ein riesiges Problem.
„Man sieht, dass diese Dolly Ropes hauptsächlich in dem Gebiet nördlich vom englischen Kanal und dann entlang der deutschen und dänischen Küste bis hoch ins Skagerrak vorkommen“, sagt er. Seine Hypothese: Die Dolly Ropes werden hauptsächlich in der südlichen Nordsee eingetragen, wo die Baumkurrenfischerei vornehmlich betrieben werde. Die Partikel würden dann vermutlich mit Meeresströmungen nach Osten und Norden entlang der Küste verdriftet werden. Dabei gelangen sie auch bis in die entlegensten Ecken des Nordostatlantiks. „Selbst in Grönland habe ich sie gefunden“, sagt Jakob Strand. „Das zeigt, dass wir für dieses Material dringend nachhaltigere Alternativen benötigen – zum Schutz des Wattenmeers, aber auch der gesamten Nordsee und des Nordatlantiks.“



Woher viel des Dolly Rope-Mülls kommt, weiß Wouter-Jan Strietman, Sozialgeograf bei „Wageningen Social & Economic Research“: meistens von Fischern aus den Niederlanden und Belgien. Auch er begann sich mit dem Thema zu beschäftigen, nachdem er bei einer Müllsammelaktion am Strand buchstäblich über die bunten Fäden gestolpert war. „Als ich verstand, was dahinter steckte, nahm ich mir vor: Dagegen musst du etwas unternehmen“, erzählt er. „Doch ich wollte mich nur dann damit beschäftigen, wenn die Branche selbst dieses Vorhaben unterstützen würde.“
Er traf einen engagierten Fischer, 2013 begann das Studienprojekt „Dollyrope Free“ – „frei von Dollyropes“ auf Deutsch – gemeinsam mit der Fischereiorganisation VisNed, der Umweltstiftung „De Noordzee“, Wageningen Social & Economic Research und gefördert vom Fischereiministerium. Ziel des Projekts war es, gemeinsam mit Fischern umweltverträglichere Alternativen zu konventionellen Dolly Ropes zu entwickeln, zu testen und in der Praxis ersetzen können.
Die erste Erkenntnis: Dolly Ropes werden aus 30 Kordeln mit je 25 Fäden zusammengezwirbelt und als 200-Meter-Seile verkauft, das Kilo kostet rund 2,75 Euro. Das klingt halbwegs überschaubar, doch bei jedem Fischzug gehen 10–25 Prozent des Gewichts verloren, je nachdem, ob der Meeresboden sandig oder rau und felsig ist; wenn die Besatzung die Netze danach reinigt und die abgelösten Fäden nicht richtig entsorgt, nochmal mehr. Insgesamt betrage der jährliche Verlust zwischen 35 und 50 Prozent, schätzt Strietman, basierend auf Tests auf See und Informationen von Fischern. Zwar hat sich der Verbrauch der niederländischen Flotte von 70 Tonnen Seil vor dem Jahr 2020 nach einer Umstrukturierung auf 40 Tonnen in 2023 verringert, verteilt auf 215 Trawler und Kutter – doch das bleibt EU-Rekord. Und wenn davon die Hälfte ins Meer abgescheuert wird, ist das immer noch extrem viel.
„An unseren nicht-touristischen Stränden stehen Dolly Ropes seit über zehn Jahren an erster Stelle der Plastikmüll-Funde“, sagt Gita Maas, Projektleiterin „Nordseeverschmutzung“ bei „De Noordzee“. Die gleiche Misere zeigten Citizen-Science-Projekte der Stiftung, die entlang der gesamten niederländischen Nordseeküste Müll sammeln.
Sowohl im Wasser selbst als auch an den Küsten können die Plastikschnüre vielen Tieren zum Verhängnis werden. Seevögel picken sie auf, wenn sie an der Wasseroberfläche schwimmen und verwenden sie als Nistmaterial.

Besonders augenfällig wird das auf Helgoland, wo die vielen Nester der Basstölpel dicht an dicht in die Felsen gebaut sind und in orange und blau leuchten. 97 Prozent der Nester, so zeigt es eine Untersuchung des Umweltbundesamtes, enthalten Plastik - zumeist Dolly Ropes.
Doch beim Bauen verheddern sich nicht wenige Tiere in den nahezu unreißbaren Schnüren, ersticken oder „verhungern jämmerlich“, wie Daniel Stepputtis vom Thünen-Institut sagt. „Am Ende wandert das Plastik der Schnüre wahrscheinlich durch das ganze Ökosystem und hat ganz viele Auswirkungen.“
Tatsächlich fallen nicht nur die Helgoländer Basstölpel dem Fischereimüll zum Opfer, sondern auch viele andere Tiere im Wattenmeer: Vögel, Fische und Meeressäuger verwechseln die bunten Schnüre teilweise mit Nahrung, verheddern sich in oder verletzten sich mit ihnen. Und wenn die Dolly Ropes nach vielen Jahren irgendwann zerfallen, steigern sie sie die Belastung durch Mikroplastik im Nationalpark weiter.
Auch bei der Fischerei selbst können die Schnüre schädlich sein. „Es ist leider wissenschaftlich noch nicht untersucht worden, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Schnüre die Maschen verstopfen und so weniger Beifang wie etwa Jungfische aus den Netzen entkommen kann“, so Stepputtis.
Es ist bereits über ein Jahrzehnt her, dass sich Henning Dulz, ein Fischer von Föhr, bei Daniel Stepputtis meldete. Er hatte die orangen und blauen Plastikreste selbst immer wieder an den Inselstränden gefunden und wollte nach Lösungen für das Problem suchen. Seitdem forschen die beiden gemeinsam mit anderen Kollegen nach Alternativen für die Dolly Ropes – auch mit Woulter-Jan Strietman sind sie in Kontakt, das Thema beschäftigt Menschen entlang der gesamten Nordseeküste.
Um die Netze zu schützen, sagt Stepputtis, gäbe es zwei mögliche Alternativen: andere Materialien wie abbaubares Plastik oder natürliche Stoffe. In Norwegen experimentierten Fischer mit Holzfasern, in den Niederlanden mit Yak-Leder aus der Mongolei, das sie an ihre Netze banden. „Basierend auf Tests bei der Nutzung scheint sich dieses Modell eher für den Einsatz auf sandigen als auf steinigen Meeresböden zu eignen“, sagt Woulter-Jan Strietman.


Dulz und Stepputtis entwickelten eine andere Methode: Sie konnten zeigen, dass sich das Problem noch eleganter lösen lässt, wenn das Netz gar nicht mehr über den Boden schleift. Erreichen lässt sich das entweder, indem das Netz anders geschnitten wird, so dass es sich eher nach oben biegt. Oder indem am Ende des Netzes eine Boje mit einem Tau befestigt wird.
Die Idee zur Boje hatte Krabbenfischer Dulz, und er konnte auch schon zahlreiche Kollegen von seinem System überzeugen. Ob mit Boje oder anders: Seit 2023 haben sich die deutschen Krabbenfischer freiwillig dazu verpflichtet, keine Dolly Ropes mehr zu verwenden. Im Großen und Ganzen scheint das zu klappen. Kontrolliert wird diese freiwillige Regelung jedoch nicht.
„Es gibt immer noch deutsche Kutter, die sie an ihren Netzen haben“, kritisiert Kim Detloff vom NABU. „Freiwilligkeit greift hier zu kurz.“ Für ihn sind die bunten Plastikseile „ein zusätzlicher gefährlicher Makel der grundberührenden Fischerei“. Es sei höchste Zeit, „dass diese vorsätzliche Vermüllung der Nordsee ein Ende findet. Deutschland sollte endlich vorangehen und ein sofortiges Verbot von Dolly Ropes umsetzen.“

„Dass es so lange dauert, liegt nicht daran, dass wir nicht wissen, was wir tun müssen.“
Daniel Stepputtis, Thünen-Institut für Ostseefischerei
Allerdings wollen weder die Regierungen der Niederlande noch Deutschland ihren Fischern den Einsatz verbieten - sie setzen auf eine europäische Lösung im Rahmen der OSPAR Umweltstrategie 2030. Deren Ziel ist es, den Meeresmüll bis 2030 massiv zu reduzieren. „Die Nutzung von Dolly Ropes durch Fischereien im gesamten OSPAR-Meeresgebiet stellt eine grenzüberschreitende Herausforderung dar, die einen koordinierten Ansatz erfordert“, betont der Sprecher des niederländischen Fischereiministeriums auf RiffReporter-Anfrage. Daher hätten die Niederlande die OSPAR-Empfehlung nicht nur fachlich vorbereitet, sondern würden sie auch nachdrücklich unterstützen.
Für Wouter-Jan Strietman beinhaltet der OSPAR-Plan eine Fortführung seines „Free Dolly Ropes“ Projekts. „Dazu gehört das Testen und die Weiterentwicklung vielversprechender Alternativen gemeinsam mit Fischern in verschiedenen Ländern, während gleichzeitig ein breiteres Bewusstsein, Vertrauen und Unterstützung für deren Einführung im Fischereisektor aufgebaut wird.“ Auch Gita Maas von der Noordzee-Stiftung befürwortet die schrittweise Abschaffung von Dolly Ropes. „Wir sind der Ansicht, dass dafür der Wissensaustausch zwischen Fischern sowie zwischen Fischerei und Wissenschaft verstärkt werden sollte, und dass ein besseres Bild nötig ist: Wie groß ist der Verschleiß bei anderen Materialien, welche ökologischen Vorteile gibt es, welche wirtschaftlichen Kosten entstehen durch die Umstellung usw.“
„Es gibt keine einzelne Wunderlösung, die sich einfach auf alle Fischereien übertragen lässt“, sagt Strietman. „Fangbedingungen, Beschaffenheit des Meeresbodens und auch die Netze unterscheiden sich erheblich, sodass Lösungen individuell angepasst werden müssen.“ Sein deutscher Kollege Stepputtis vom Thünen-Institut ergänzt: „Nun muss die Fischerei entweder genaue Regeln oder zumindest Anreize dafür bekommen, dass sie anstelle der Dolly Ropes andere, weniger schädliche Alternativen verwendet.“
Auch Andrea Harmsen, Pressesprecherin des Marine Stewardship-Council (MSC), sieht darin einen wichtigen Schritt: „Unsere Erfahrung aus dem MSC-Programms zeigt, dass strengere Umweltanforderungen häufig Innovationen fördern.“ Fischer, die den MSC-Standards entsprechen wollen, müssen seit 2024 nachweislich über Managementstrategien und konkrete Maßnahmen verfügen, um den Verlust von Fanggeräten und dessen Umweltfolgen zu minimieren. „Dazu gehört auch die Entwicklung alternativer Fanggeräte-Designs oder der Einsatz biologisch abbaubarer Materialien.“
Dass diese Entwicklung so lange dauert, deprimiert jedoch alle Beteiligten. 13 Jahre seien seit dem Anruf von Henning Dulz bereits vergangen, zählt Stepputtis nach. „Das liegt aber nicht daran, dass wir nicht wissen, was wir tun müssen.“ Es sei der politische Prozess, der sich so hinziehe. Aber Stepputtis ist vorsichtig optimistisch. Mit dem OSPAR-Beschluss habe sich sich endlich etwas bewegt. Und auch Henning Dulz schreibt nach einem Treffen von Fischern, Politikern und Naturschützern im Juni in Brüssel: „Endlich. Es herrscht Aufbruchstimmung!“
Läuft alles nach Plan, so prognostiziert die OSPAR-Kommission, kann der Strandmüll der bunten Plastikfäden bis 2030 um 70 Prozent reduziert werden.
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