Es geht um Soapstars, den Tod und Kiefern: Am Deutschen Theater Berlin gingen die Autor*innen-Theatertage mit einer langen Nacht zu Ende. mehr...
Es geht um Soapstars, den Tod und Kiefern: Am Deutschen Theater Berlin gingen die Autor*innen-Theatertage mit einer langen Nacht zu Ende.
Es war einmal ein Vorabendserienstar, der an seinem Status (ver-)zweifelte. Oder wenigstens so tat. Und es war einmal ein Mädchen in seinen besten Backfischjahren, das seine Oma an den Tod verlor und ihr nachfolgte. Oder das nur träumte.
Und es war einmal ein Wald, der für sich beanspruchte, der einzig richtige Wald zu sein. Und dann doch nur eine Kiefer war. Eintauchen zu können in drei neue Theatertexte am selben Ort kompakt an einem Abend, das ist die Lange Nacht der Autor*innen, der Abschluss der Autor*innenTheaterTage (ATT) am Deutschen Theater in Berlin. Simone Saftig, Gesa Geue und Marcus Peter Tesch haben als ATT-Atelier-Autor*innen während dieser Spielzeit vor Ort je ein Auftragswerk für das DT verfasst. Die drei Texte erleben nun ihre Uraufführung in einer szenischen Einrichtung mit DT-Personal.
Und so sitzt man zuerst im großen Saal unter einem goldenen pochenden Herzen (Bühne: Ramona Hufler). Vor sich Jonas Hien als aalglatter Soapstar Jo. Der inszeniert in Simone Saftigs „Jo schmeißt hin“ seine beruflichen Selbstzweifel mit maximalem medialen Verwertungspotenzial. Saftig gibt ihm drei Fans als Gegenüber.
Als er ankündigt, die Serie zu verlassen, klammern sie sich in einem Akt der Verzweiflung an ihn. Jo und seine Fans sind als liebevolle Karikatur konzipiert. (Saftig outet sich im gezeigten Videoporträt als GZSZ-Fan.) Es ist eine eigenartige Karikatur, in der die Fans im Chor sprechen und einen Text reproduzieren, der stellenweise wie ein populärwissenschaftlicher Soziologieaufsatz klingt.
Gesa Geue wagt sich in der Kammer des DT mit „… und hinter der Nacht erscheint die Welt“ raus aus unserem Erfahrungshorizont. Bernd Moss schleppt sich als Tod auf den Schiedsrichterhochstuhl, kommt wieder runter und wirft sich auf das Bett von Fredis Oma. Er möchte endlich eine Pause und zwingt Fredi das Amt auf.
Die ist 16 und nimmt den Posten an, weil sie nur so bei ihrer toten Oma bleiben kann. Im Grunde verändert sich so für Fredi das Wichtigste nicht: Sie hat ihre Oma wieder, die im Reich der Toten dieselbe Oma ist wie vorher.
Den größten Charme haben Text und szenische Einrichtung (Karsten Dahlem), wenn die Geschichte sich in skurrile Szenen schmeißt. So treffen Fredi (Josephine Kunze) und Oma (Tatja Seibt) auf dem Weg ins Jenseits auf eine Muschel. Moss' Muschel ist eine Diva. Zart schimmert ihr gepolsterter Umhang, die extravagante Kopfbedeckung ist Ton in Ton (Kostüme: Lena Beck).
Geue legt der Muschel einen tiefenentspannten und zugleich tief konservativen Satz in den Mund: „Ich mache, was eine Muschel machen muss. Ich grab mich aus, ich grab mich ein.“ Bei Moss bekommt diese Aussage eine dermaßen lässige Grandezza, dass man die Muschel nach ihrem kurzen Auftritt direkt vermisst.
Das Bühnenbild von „Der Gesang des Pottwals“ im Hof des DT beherbergt für eine Nacht die „Bösen Bäume“ von Marcus Peter Tesch. Ein alter Pick-up rast über den Hof und bremst neben der Zuschauertribüne scharf ab. Aus allen Türen und Fenstern schälen sich Spieler*innen.
Sie schnappen sich die Pappnadelbäume vom Pick-up und schleppen sie auf die von Korbinian Schütze eingerichtete Bühne. Was dann eine gute Stunde im Pappwald passiert, ist vor allem witziges Laut-Theater, das Gruppendynamiken und deren Machtverhältnisse entlarvt.
Ernst Jandl hätte definitiv seine Freude an Peter René Lüdicke, Jens Koch und Abak Sajaei-Rad, die zu Hochform auflaufen, wenn sie im Minutentakt verschiedene Waldtiere markieren. Tesch gibt ihnen ein wunderbares Lautlibretto an die Hand, das auch sinnfrei total Spaß machen würde, hier aber dramaturgisch klug eingebettet ist in einen Dialog von zwei Protagonist:innen (Moritz Kienemann und Nele Trebs), die beide behaupten, der einzig richtige Wald zu sein. Sie kommen darüber ins Gespräch, handeln Zuständigkeiten aus und kuscheln kurz vor Schluss sogar miteinander.
Zum Schreien komisch ist, wenn sich Lüdicke, Koch und Safaei-Rad lautmalerisch an dem Wort „Männer“ versuchen. Immer wieder neu tasten sie sich an dieses Wort heran, als hätten sie es gerade zum ersten Mal gehört. Dessen Vokale und Konsonanten werden zögerlich in den Mund genommen, gedehnt und letztendlich zwischen den Kiefern zermalmt.
Das ist direkte, im Augenblick entstehende Dekonstruktion. „Böse Bäume“ hat eine unheimliche Wucht, sprachlich und inhaltlich, und galoppierte an den beiden anderen Stücken vorbei, wäre die lange Nacht der Autor*innen ein Wettkampf mit Zielgerade.
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