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Revision vergessener DDR-Kunst: Tiefenbohrung im Zwischenraum

Дата публикации: 24-06-2026 12:13:00

In der Ausstellung „Produktive Unruhe“ in der robotron-Kantine Dresden wird mit zeitlichem und künstlerischem Abstand auf die Kunstleistungsschauen der DDR geblickt. mehr...

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Revision vergessener DDR-Kunst: Tiefenbohrung im Zwischenraum

In der Ausstellung „Produktive Unruhe“ in der robotron-Kantine Dresden wird mit zeitlichem und künstlerischem Abstand auf die Kunstleistungsschauen der DDR geblickt.

Bild von einer verkleideten Person mit einem langen roten Schnabel im Gesicht Lieber nicht heroisch: Partygäste in Werner Liebknechts Fotoserie „Fasching“, Kunsthochschule Dresden 1985 Foto: Werner Lieberknecht; © VG Bild-Kunst 2026

In der Dresdner robotron-Kantine pfeift es durch die mit Plastikplanen abgedichteten Fenster. In den 1970er Jahren errichtet, erging es dem Gebäude nach der Wende wie vielen ikonischen DDR-Bauten: Zwischennutzungen, uneingelöste Investorenversprechen und politischer Phlegmatismus führten dazu, dass die Kantine heute stark sanierungsbedürftig ist. Im vorigen Jahr wurden unter anderem auf Druck einer Initiative zum Erhalt des Gebäudes die nötigen Gelder zur Revitalisierung freigegeben und der komplette Umzug des Kunsthauses Dresden in die Kantine beschlossen. Das nutzt die Räumlichkeiten seit 2021 zusammen mit der Ostrale provisorisch als Ausstellungsort – wie jetzt für die Schau „Produktive Unruhe“.

Damit eröffnete das Haus nach einer langen Winterpause. Historische und zeitgenössische Kunst werden in „Produktive Unruhe“ mit umfangreichem Infomaterial verbunden. Schwerpunktthema: die Kunstausstellungen der DDR. Diese fanden seit 1946 (mit einer Ausnahme im Jahr 1949) alle fünf Jahre in den Wintermonaten in Dresden statt und erreichten ein Millionenpublikum. Die zehnte und letzte „Leistungsschau“ wurde 1987/88 ausgerichtet. Beständig hätte man damals zwischen In­ter­es­sen­ver­tre­te­r*in­nen der Kunst und den staatlichen Kontrollorganen um politische Doktrinen und Freiheitsgrade gerungen, wie es in einem Wandtext heißt.

Die Ausstellung macht sich daran, Positionen zu zeigen, die diesen Zwischenzustand abbilden, weil sie auf formaler Ebene aus dem sozialistischen Realismus scherten (wie Hermann Glöckner mit seiner abstrakten Malerei), sich kritisch äußerten (wie Jürgen Schieferdecker in seinen subtil-ironischen Collagen) oder lieber das Nicht-Heroische einfingen (wie Sibylle Bergemann in ihrer Dokumentation der Entstehung des Marx-Engels-Denkmal oder Werner Lieberknecht in seiner Serie „Fasching“, in der er derangierte Partygäste an der Hochschule für Bildende Künste porträtierte).

Die Ausstellung

„Produktive Unruhe. Kunst, Publikum und Alternativkultur im Spannungsfeld der IX. und X. Kunstausstellung der DDR in den 80er Jahren“. robotron-Kantine, Dresden, bis 26. Juli

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Verantwortlich für die Organisation des Auswahlverfahrens und die Realisierung der Ausstellung war zu DDR-Zeiten das Zentrum für Kunstausstellungen. Vergleichbar dem ifa – Institut für Auslandsbeziehungen in der BRD, war dieses zusätzlich für den internationalen Kunstaustausch zuständig, weshalb der Sammlungsbestand des ZfK 1991 dem ifa übertragen wurde. Das führte in einigen Fällen fatalerweise dazu, dass die Kunstwerke für Jahrzehnte in der Versenkung verschwanden.

Wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken

Die Kuratorin Susanne Weiß, zusammen mit Christine Mennicke-Schwarz vom Kunsthaus Dresden verantwortlich für die Ausstellung, arbeitet seit mehreren Jahren für das ifa daran, diesen Bestand wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihn zusammen mit zeitgenössischen Künst­le­r*in­nen zu beforschen und auszustellen. In einer Videoarbeit schildert Wilhelm Klotzek (geboren 1980 in Ostberlin) eindringlich seine ernüchternden Erfahrungen beim ersten Besuch des ifa-Depots bei Stuttgart – Grafikmappen, die nicht erfasst sind, Kleinplastiken von renommierten DDR-Künstler*innen, von denen keine Fotos existieren.

Ein Gemälde zeigt mehrere Menschen auf einer Kirmes, ein Mann betritt ein Kettenkarussell, eine Frau mit verhärmten Gesicht schaut auf das Geschehen Von ihr war ein Gemälde aus der Sammlung des ZfK für 30 Jahre verschollen: Sabine Slatosch, „Mensch und Umwelt II“, 1987 Foto: Sammlung des Lindenau-Museums Altenburg; © VG Bild-Kunst 2026

Julianne Csapo, Mitarbeiterin des Kunsthauses, bestätigt, wie schwierig es mitunter war, Informationen zu den Künst­le­r*in­nen zu sammeln, weil sie in verschiedenen Archiven verstreut und oft nicht zugänglich oder digitalisiert sind. Ein Gemälde von Sabine Slatosch, eine Auftragsarbeit, war sogar für 30 Jahre verschollen, bis sie im Vorfeld der Ausstellung im Lindenau Museum Altenburg wieder auftauchte.

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass die Ausstellung so überbordend ist und lieber zu viel als zu wenig zeigt: Neben den zum Teil pointierten wie persönlichen Kommentaren der zeitgenössischen Künst­le­r*in­nen werden Interviewfilme der Regisseurin Sylvie Kürsten mit historischen Prot­ago­nis­t*in­nen gezeigt und auch die Fragebögen oder Bewegungsprotokolle des Kultursoziologen Bernd Lindner. Dieser hatte im Auftrag des Verbandes Bildender Künstler Besucherbefragungen auf der IX. Kunstausstellung der DDR durchgeführt. Heute geben sie Einblicke in ein Kunstereignis, das beachtliche Be­su­che­r*in­nen­zah­len zu verzeichnen hatte und neben Malerei und Skulptur auch Grafik, Fotografie und Formgestaltung zeigte.

In Berlin wird die Auseinandersetzung mit der Arbeit und dem Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR mit der Ausstellungsreihe „Publik Machen“ fortgesetzt.

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