Weil Europa abkühlt, ist die Hitzewelle vergessen. Diskurs über die Klimakrise muss aber immer stattfinden – auch damit man ihre Ursache bekämpfen kann. mehr...
Weil Europa abkühlt, ist die Hitzewelle vergessen. Diskurs über die Klimakrise muss aber immer stattfinden – auch damit man ihre Ursache bekämpfen kann.
Auch wenn die Abkühlung willkommen ist, darf sie nicht ablenken, Tempelhofer Feld, 27. 6. 2026
Foto:
Sebastian Wells
F ür die nächsten Tage sind die Temperaturprognosen wieder ins Aushaltbare abgesunken. Das löst bei uns, die sich nicht nur mit beispiellosen Hitzewellen, sondern ganzjährig mit dem Klima beschäftigen, paradoxerweise Stress aus. Denn jetzt sehen wir, wie sich das Zeitfenster schließt, in dem endlich gesamtgesellschaftlich über Klimawandel und -folgen gesprochen wird. Passieren tut das schließlich mehr oder weniger jedes Jahr.
Im Sommer reden wir darüber: über die Hitzetoten, die nicht hätten sein müssen, die dramatischen Folgen von ein paar Grad mehr und wie wenig wir auf all das vorbereitet sind. Dann neigt sich der Sommer dem Ende, das Thema Erderhitzung verschwindet wieder für mehrere Monate aus der „Tagesschau“, von Titelseiten und aus dem Bewusstsein der breiten Bevölkerung.
Diejenigen, die im Bereich Klimakommunikation arbeiten, also auch wir Klimajournalist:innen, werden nun wieder zu Bittsteller:innen, die mit aller Kraft versuchen, davon zu überzeugen, dass auch ein milder Oktober ein Warnzeichen sein kann. Davon, dass es kein Zufall ist, dass der See neben deinem Haus seit zehn Jahren im Winter nicht mehr zufriert.
Mit Gesprächen darüber, dass es unser Wirtschaftssystem ist, das uns in diese Lage gebracht hat, oder etwa darüber, dass es seit jeher dieselben kolonialen Strukturen sind, die auch dazu führen, dass der Globale Süden mehr vom Klimawandel getroffen wird als der Norden, manövriert man sich umgehend in eine radikale Ecke, wo einem niemand mehr zuhört. Dabei liegt die Wahrheit genau dort.
Milde Sommer sind dabei aus der Sicht der Klimakommunikation besonders knifflig. Diejenigen, die sogar eigentlich ein Bewusstsein dafür haben, dass die Erderhitzung gefährlich ist, sind vielleicht froh, dass der Sommer erträglich ist, ärgern sich über Regen im Strandurlaub oder können schlichtweg nichts dafür, dass es psychologisch ganz normal ist, etwas, was gerade nicht präsent ist, nicht als Gefahr zu empfinden. Die Aussagen derjenigen, die nicht an den Klimawandel glauben, werden in milden Sommern für Klimajournalist:innen und Wissenschaftler:innen zur wahren Zerreißprobe. Wie soll man immer neue Wege finden, zu sagen, dass etwas, was jetzt gerade zwar keine Probleme macht, trotzdem ein Problem ist?
Diese Woche regnet es. Es ist bewölkt und in Berlin herrschen teilweise nur schlappe 21 Grad. Der vergangene Sonntag, an dem die Temperaturen plötzlich auf 42 Grad kletterten, ist nicht einmal vier Tage her. Trotzdem kommen in unseren Redaktionskonferenzen genau dann die Fragen auf, ob wir an einem solchen Tag wirklich den geplanten Beitrag zur ausbleibenden Hitzeanpassung in Deutschland machen wollen. Der gestrige Beitrag dazu, wie der Klimawandel die aktuelle Hitzewelle bis zu 4 Grad heißer gemacht hat, findet auf Social Media kaum Anklang. Er kam nach den Hitzetagen. Bildung zu den Gefahren extremer Hitze kommt fast nur dann richtig an, wenn die Hitze für die Leser:innen auch spürbar ist.
Das, was den Klimawandel so gefährlich macht, ist, dass er überall steckt und überall wirkt. Er äußert sich ganz oft in Extremen. Die Aufgabe, sich ganzjährig und auch schon dann mit den Auswirkungen des Klimawandels zu beschäftigen, bevor sie Leuten das Haus oder das Leben nimmt, liegt bei der Politik. Aber diese kommt – das beweisen der mangelhafte Klimaschutz der letzten Jahre und der seit 2023 immer weiter gekürzte Klima- und Transformationsfonds – nicht wirklich in Bedrängnis.
Noch einfacher macht es ihnen eine Gesellschaft, die sich nicht damit beschäftigt, was wir jetzt schon erleben und was die Wurzel dieser Situation ist: ein Wirtschaftssystem, das eine Erde mit endlichen Ressourcen in jedem Fall dem Kollaps nahebringen wird, weil es auf endlosem Wachstum basiert.
Wer sich nicht zutraut, ab jetzt auch bei angenehmem Grillwetter an den Klimawandel zu denken, möge aber zumindest ab und zu denjenigen zuhören, die darüber aufklären. So was hat zwar selten ganz direkte Auswirkungen. Eines ist jedoch sicher: Mit einer Gesellschaft, die unaufgeklärt ist oder wegsieht, werden wir diese Krise bestimmt nicht bewältigen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
Annika Reiß Redakteur:in Klimahub
1998, schreibt, recherchiert und filmt bei der taz zu Klima, Umwelt und Politik Foto: Timo Knorr
mit Lena Kaiser, Journalistin und Produktentwicklerin bei der taz
Kurzreise in die Hafenstadt an der Wesermündung, einst der größte Auswandererhafen nach Amerika - mit Besuch der berühmten Museen "Auswandererhaus" und "Klimahaus" sowie einem Ausflug ins Fischerdorf Wremen an der Nordsee 960 € (DZ/HP/ohne Anreise) mit 4 Übernachtungen im Hotel im-jaich Lloyd Marina Bremerhaven Reiseveranstalter Ventus-Reisen