Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Kinder ans Schwimmen heranzuführen? Und sollte man dann Kursen vertrauen oder können Eltern auch selbst etwas unternehmen? Die Schwimm-Trainerin Anja Kerkow weiß Rat.
Interview Schwimm-Training für Kinder "Ich sehe eine große Unsicherheit bei den Eltern"
Die Schwimmtrainerin Anja Kerkow hat sich zum Ziel gesetzt, das Erlernen der Schwimmfähigkeit kindgerecht zu gestalten. Mit welchen Leitgedanken sie dabei arbeitet, welcher Schwimmstil für den Anfang der beste ist und was Eltern machen können, um ihre Kinder bestmöglich zu unterstützen, erzählt sie im Interview.
rbb|24: Frau Kerkow, Sie schreiben auf Ihrer Seite, kein Kind müsse einen klassischen Schwimmkurs besuchen, damit es sicher Schwimmen lernt. Halten Sie Eltern für die besseren Lehrer?
Anja Kerkow: Ich glaube tatsächlich, dass Eltern ihre Kinder beim Schwimmenlernen begleiten können, auch wenn sie sich nicht für den perfekten Lehrer halten oder meinen, sie könnten einiges nicht so richtig gut. Es kommt auf andere Dinge an, damit Kinder sich wirklich wohlfühlen und sicher fühlen im Wasser. Das ist die Basis für sicheres Schwimmen.
Die Schwimmlehrerin Anja Kerkow aus Fredersdorf (Bad Belzig) schult Familien bei ihrer Schwimmschule "Rochenkinder", damit sich Kinder angstfrei und sicher im Wasser bewegen. Sie bietet Präsenz- und Onlinekurse an [rochenkinder.de].
rbb|24: Und worauf kommt es an beim sicheren Schwimmen?
Kerkow: Kinder fühlen sich mit einer Vertrauensperson grundlegend sicherer als wenn sie irgendwo abgegeben werden und die Eltern entweder komplett rausmüssen oder hinter einer Scheibe oder am Rand sitzen. Wir haben einige Kinder, die hätten noch gar nicht schwimmen gelernt, weil sie einfach noch nicht bereit sind, an solchen Settings ohne ihre Eltern teilzunehmen.
rbb|24: Aber gerade von den Kursen versprechen sich Eltern eine professionelle und systematische Begleitung in einem klaren Rahmen – frei von familiären Dynamiken.
Kerkow: Ich glaube, das kommt von der Idee her, dass man Kindern etwas beibringen müsste. Dass Mama oder Papa ihnen etwas zeigen muss, das die Kinder dann nachmachen. So entsteht bei vielen der Eindruck: "Mein Kind hört ja gar nicht darauf, was ich sage. Das hört immer nur, wenn andere das machen."
rbb|24: Was auf die meisten Kinder zutreffen dürfte.
Kerkow: Ich glaube aber, dass es beim Schwimmenlernen gerade am Anfang überhaupt nicht auf irgendwelche Arm-Bein-Bewegungen ankommt, sondern tatsächlich darauf, sich mit dem Wasser wirklich vertraut zu machen, sich im Wasser wohlzufühlen: Tauchen, unter Wasser sein, zu spüren, dass das Wasser trägt. Das müssen wir den Kindern gar nicht beibringen.
Und von daher kommen die Eltern dann gar nicht so in diese Lage, dass sie unterrichten müssen, sondern sie können einfach da sein und letztendlich eine gute Zeit im Schwimmbad verbringen. Und nebenbei lernen die Kinder ganz viele Facetten, also Grundlagen, die fürs sichere Schwimmen die Basis sind.
rbb|24: Wie schaffen Eltern diese angstfreien Voraussetzungen?
Kerkow: Es gibt einen Aspekt, den viele Eltern übersehen. Und zwar die ganzen Situationen mit Wasser, die es zu Hause gibt. Schwimmlernen fängt eigentlich gar nicht im Schwimmbad an, sondern daheim. Bevor die Kinder das erste Mal ins Schwimmbad gehen, ist oft schon ein Verhältnis zum Wasser geprägt. Zum Beispiel: Wie ist der Umgang in der Badewanne mit Wasser? Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt, da den Kindern den Raum zu geben, damit sie sich schon mal damit vertraut machen können.
rbb|24: Und der zweite Aspekt?
Kerkow: Druck ist einfach kein guter Begleiter. Hohe Erwartungen zu haben, was die Kinder jetzt machen sollen, schadet letztendlich dem Prozess, denn unter Druck lernen wir ja alle nicht gerne. Und wenn es gelingt, diese Erwartungen rauszunehmen, dann können Kinder sich wohl- und sicher fühlen und dann in diesen Lernprozess einsteigen.
rbb|24: Was sind die konkreten Schritte auf dem Weg vom Wassergewöhnen zum sicheren Schwimmen?
Kerkow: Zunächst das, worüber wir schon sprachen, also sich im Wasser wohlfühlen, sich auch unter Wasser wohlfühlen, also die Augen souverän öffnen können, die Atmung zu kontrollieren, sich nicht die Nase zu halten zu müssen, sich aufs Wasser legen können, im Wasser gleiten. Das ist die Basis. Und daraus entwickeln Kinder die Bewegung, wollen sich fortbewegen und machen das dann auch. Um wirklich sicher zu schwimmen, braucht es aber auch noch andere Dinge wie zum Beispiel die eigenen Grenzen einschätzen zu können: Was kann ich, was kann ich nicht? Wo sind Risiken und wie gehe ich damit um?
rbb|24: Das klingt, als würden Sie Hilfsmittel wie Schwimmflügel eher für hinderlich halten.
Kerkow: Ja. Wir benutzen keine Auftriebshilfen. Unter anderem, damit die Kinder lernen, in welchem Bereich sie sich bewegen können und wo sie sicher sind. Ansonsten ist es ein bisschen grenzenlos: Kinder gehen immer weiter rein und bleiben mit dem Kopf über Wasser. Aber das geht ja nur wegen den Schwimmflügeln. Wir haben als Erwachsene das Bild: Oh, das ist ja schon ein Weg zum Schwimmen, dass sie zumindest mit Schwimmflügeln schon schwimmen. Aber für mich hat es überhaupt keinen Wert, das hat nichts mit Schwimmen zu tun.
rbb|24: Gibt es sinnvolle Hilfsmittel?
Kerkow: Die Eltern oder die Begleitperson, die eine lückenlose Aufsicht sicherstellt. Das ist, in Anführungsstrichen, das Hilfsmittel. Und ansonsten braucht es tatsächlich nichts.
rbb|24: Welche Schwimmtechnik sollte das Kind zuerst lernen?
Kerkow: Da gehen die Diskussionen ganz weit auseinander. Es lohnt sich zu gucken, wie sind denn unsere natürlichen Bewegungen, die wir sonst auch an Land haben? Wenn man ans Krabbeln denkt im ersten Lebensjahr oder auch ans Gehen, Radfahren, Treppensteigen, das sind alles sogenannte kreuzkoordinierte Bewegungen. Und die intuitiven Bewegungen im Wasser, die wir Menschen machen oder auch bei Hunden und Affen und so weiter sehen, ist ja dieses Paddeln. Das ist letztendlich die Grobform vom Kraul- und vom Rückenkraulschwimmen. Von daher sind das, finde ich, Schwimmarten, die uns am nächsten sind und die leicht zu erlernen sind.
rbb|24: Und das im Brustschwimmerland!
Kerkow: Ich weiß, in Deutschland ist Brustschwimmen der heilige Gral. Aber wenn man mal ein bisschen über den Tellerrand rüberguckt, dann sieht man, dass denen in den USA, Kanada, Australien - erfolgreichen Schwimmsportnationen - nicht einfallen würde, mit Brust anzufangen. Die fangen alle mit Kraul- oder Rückenkraulschwimmen an.
rbb|24: Wie alt, so über den Daumen gepeilt, muss ein Kind sein, um die erste Schwimmbad-Erfahrung dann mit den Eltern zu machen?
Kerkow: Ich empfehle, spätestens mit zwei oder drei Jahren anzufangen, regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen. Im ersten Lebensjahr Babyschwimmen, davon halte ich nichts. Da empfehle ich immer, zu Hause zu bleiben, die heimischen Möglichkeiten zu nutzen. Im zweiten Lebensjahr, also die Einjährigen, kann man, muss man nicht. Aber so mit drei würde ich spätestens anfangen.
rbb|24: Welche Fehler beobachten Sie bei Eltern am häufigsten, wenn Sie Kindern das Schwimmen beibringen wollen?
Kerkow: Die Eltern denken häufig, dass sie den Kindern direkt Schwimmbewegungen beibringen müssen. Das ist gar nicht so. Die eigentliche Grundlage ist, dass die Kinder mit dem Wasser vertraut sind. Dass sie lernen zu tauchen, zu schweben, zu gleiten und die Atmung zu kontrollieren.
rbb|24: Die mangelnde Schwimmfähigkeit von Kindern – gerade in Berlin – ist immer wieder Thema. Wie erleben Sie die Situation?
Kerkow: Ich sehe eine große Unsicherheit bei den Eltern. Weil sie auf einen Schwimmkurs-Platz warten oder sich auf das Schulschwimmen verlassen. Und denken, sie könnten ihre Kinder nicht beim Schwimmen begleiten.
rbb|24: Mit welchen Themen kommen Eltern in Ihren Online-Seminaren am häufigsten?
Kerkow: Zum einen ist es das Thema Wasser am Kopf und tauchen. Weil das Kind noch bei jedem Wasserspritzer zurückschreckt. Ein anderes Thema sind Schwimmkurse, die Eltern mit ihren Kindern besucht haben und die regelrecht nach hinten losgegangen sind. Weil die Kinder Ängste entwickeln, die vorher gar nicht da waren. Oder weil sie sich gerade so im Wasser halten, aber nicht wirklich sicher sind dabei. Und zum Teil die Freude am Wasser verlieren.
rbb|24: Wenn Sie Eltern nur einen Ratschlag geben dürften, welcher wäre das?
Kerkow: Ich würde empfehlen, die Möglichkeiten zu nutzen, die sie zu Hause haben: Planschbecken, Badewanne, Dusche. Dass sie diese Möglichkeiten nutzen, um die Kinder mit dem Wasser vertraut zu machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Für die vorliegende Textfassung wurde das Interview leicht gekürzt und redigiert.
Sendung: rbb|24, 29.06.2026, 16:30 Uhr
Audio: rbb|24, 29.06.2026, Anja Kerkow im Gespräch mit Shea Westhoff
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