Frankreich wollte ihn halten, Marokko bekam ihn. Im WM-Viertelfinale trifft Supertalent Ayyoub Bouaddi auf sein Geburtsland. Der 18-Jährige gilt als Ausnahmefußballer und studiert quasi nebenbei Mathematik.
Wenn Zinedine Zidane höchstpersönlich an die Türe klopft, sollte man doch meinen, dass er jeden Fußballer dieser Welt von seinem Plan überzeugen kann. Und seine Wunschvorstellung Realität wird. Als der einstige französische Weltfußballer das Gespräch mit Ayyoub Bouaddi suchte, hatte er allerdings ein Problem: das der Wahrscheinlichkeit.
So versuchte Zidane, das Toptalent mit marokkanischen und französischen Wurzeln von einem Verbleib bei der Équipe Tricolore zu überzeugen. Weil er als Nachfolger von Didier Deschamps als Nationaltrainer Frankreichs gilt und dieser keinerlei entsprechende Anstalten machte. Die Herausforderung dabei ist offensichtlich: Noch ist Zidane nicht im Amt, er konnte dem 18-Jährigen also weder Versprechungen machen, geschweige denn Garantie auf eine WM-Teilnahme geben.
Nun ist Bouaddi allerdings ein Freund von Fakten. Als Schüler brillierte er in jedem Fach, wie sein ehemaliger Sportlehrer am College des Bourgognes der französischen Sportzeitung L’Équipe erzählte, und schloss sein Abitur ein Jahr früher ab als geplant. „Er war der Schüler, von dem man nur träumen kann: in jeder Hinsicht Spitzenklasse, ein Jahr voraus, 18,5 im Notendurchschnitt“, sagte dieser. Mittlerweile absolviert sein ehemaliger Schützling ein Fernstudium an der Universität Marseille im Bereich Mathematik. Es heißt, er löst am liebsten arithmetische Probleme, mag also das logische Denken.
Gegen Spieler wie Casemiro, Lucas Paquetá und Bruno Guimarães zeigte er nicht nur Qualität, sondern auch Persönlichkeit – eine Art positive Arroganz.
Hassan Kachloul, ehemaliger marokkanischer Nationalspieler
Vor der WM hat er dann – trotz aller Versuche Zidanes – die logische Konsequenz aus dem Handeln Deschamps gezogen. Obwohl der in Creil, einer kleinen Stadt im Norden von Paris, geborene Bouaddi ab der U16 alle Nachwuchsteams Frankreichs durchlief, erhielt er nie eine Einladung für einen Lehrgang der A-Mannschaft. Auch für große Turniere wurde er in der Jugend nie nominiert. Und so entschied sich der Spieler des OSC Lille im Mai für einen Verbandswechsel und schloss sich dem Heimatland seiner Eltern an: Marokko.

© IMAGO/PsnewZ/IMAGO/ALLILI_MOURAD
Knapp drei Monate später stellt sich die Frage, was Frankreich da für ein Talent durch die Lappen gegangen ist. Unter Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi, der alles für einen Verbandswechsel tat, spielt Bouaddi ein herausragendes Turnier.
Im zentralen defensiven Mittelfeld machte er schon im ersten Gruppenspiel gegen Brasilien auf sich aufmerksam, als er Casemiro und Bruno Guimarães mehrmals im Zweikampf den Schneid abkaufte. „Jeder, der ihn bei Lille beobachtet hat, kennt sein Niveau“, sagt der ehemalige marokkanische Nationalspieler Hassan Kachloul gegenüber BBC Sport. „Gegen Spieler wie Casemiro, Lucas Paquetá und Bruno Guimarães zeigte er nicht nur Qualität, sondern auch Persönlichkeit – eine Art positive Arroganz.“
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Bouaddi begeisterte zudem mit seiner Dribbelstärke, seiner großen Übersicht und der Ruhe am Ball, die nicht mal gestandene Profis auf solch einer großen Bühne ausstrahlen. Nicht ohne Grund wird der 18-Jährige intern ‚Le Chef‘ genannt.
Liegt seine Abgeklärtheit daran, dass er schon im Alter von 16 Jahren einen Redekunstwettbewerb mit dem Thema ‚Ist das Ergebnis wichtiger als die Methode?‘ gewann und dafür im Élysée-Palast von Brigitte Macron den Preis überreicht bekam?
Oder doch eher an dem Umstand, dass er drei Tage nach seinem 16. Geburtstag als jüngster Spieler in der Geschichte des Europapokals auflief und ein Jahr später beim Sieg gegen Real Madrid in der Champions League endgültig die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit erlangte?
Marokko jedenfalls dürfte seine ruhige Ausstrahlung guttun. Immerhin ist die Erwartungshaltung im eigenen Land nach dem WM-Halbfinale in Katar 2022 und dem nachträglichen Finalsieg im Afrika-Cup im vergangenen Januar riesig. Selbst wenn der Gegner Frankreich heißt, wie das im Viertelfinale am Donnerstagabend der Fall ist (22 Uhr, ARD und MagentaTV).
Marokko möchte schon vier Jahre vor der Heim-WM zu den Besten der Welt gehören. Dazu braucht es erneut eine besondere Leistung von Ayyoub Bouaddi – ausgerechnet gegen sein Geburtsland.
Sein Beispiel bedient dabei ein Narrativ des Fußballs: Er wird von hinten erzählt. Bouaddi hat in seiner Karriere zwar gerade mal eine Zwischenstation erreicht. Er könnte nach dem Turnier in Nordamerika eine Weltkarriere hinlegen, europäische Spitzenvereine stehen zumindest schon Schlange. Ihm könnte es auch wie anderen WM-Entdeckungen gehen, etwa dem Kolumbianer James Rodríguez nach dem Turnier in Brasilien 2014: Zu einem Topklub wechseln und dann hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Wahrscheinlicher erscheint derzeit aber Variante Nummer eins. Genauso wie die Möglichkeit, dass Didier Deschamps und Frankreich mit ihrem verlorenen Juwel den vielleicht teuersten Rechenfehler ihrer Fußballgeschichte begangen haben.
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