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Nach Wiederzulassung russischer Athleten: Estland fordert EU-Sanktionen gegen das IOC

Дата публикации: 07-07-2026 15:07:15

Das IOC lockert die Regeln für russische Sportler vor Olympia 2028. Estland und Lettland reagieren empört. Der EU-Sportkommissar hält Maßnahmen für möglich.

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Die Wiederzulassung russischer Sportlerinnen und Sportler unter der Flagge ihres Landes – das seit mehr als vier Jahren einen Angriffskrieg gegen einen seiner Nachbarn führt – sorgt nicht nur in der Ukraine für Empörung. In der Europäischen Union werden Forderungen laut, „angemessene Schritte in Betracht zu ziehen“, wie „Politico“ berichtet.

Estland werde der Europäischen Kommission vorschlagen, das Internationale Olympische Komitee (IOC) von Förderprogrammen der EU auszuschließen. „Es ist unmöglich, Entscheidungen nachzuvollziehen, die darauf abzielen, Aggressorländer wieder in den internationalen Sport zu integrieren, als wäre nichts geschehen“, zitiert das Nachrichtenportal die estnische Kulturministerin Heidy Purga, die auch für Sport in dem baltischen Land zuständig ist.

Das IOC hatte am 7. Juli bekannt gegeben, die bisher geltenden Beschränkungen für die Teilnahme von Russen an internationalen Wettbewerben seien im Hinblick auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 außer Kraft gesetzt. Ob die russischen Athleten und Teams bei den Sommerspielen in Los Angeles auch wieder mit eigener Flagge und Hymne starten dürfen, solle allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt beurteilt werden, hieß es.

Wenn der Dialog dies nicht gewährleisten kann, müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten bereit sein, verhältnismäßige Schritte in Betracht zu ziehen, um die Werte zu verteidigen, auf denen der internationale Sport basiert.

Glenn Micallef, EU-Kommissar für Sport

Das IOC zog zudem nach drei Jahren seine Empfehlungen an die Ausrichter internationaler Sportveranstaltungen für die Zulassung von Russen zurück. Auch die Sperre des Russischen Olympischen Komitees (ROC) wurde vorläufig aufgehoben, da aus Sicht des IOC die juristische Grundlage entfallen ist. Diese wurde damit begründet, dass das ROC gegen die Olympische Charta verstoßen habe, weil es die vier annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja aufgenommen hat. Russlands Olympia-Komitee hatte dieser Begründung aber durch einen sportjuristischen Winkelzug die Grundlage entzogen. 

Das IOC sende mit seiner Entscheidung eine „gefährliche Botschaft“, sagte die lettische Außenministerin Baiba Braže zu „Politico“. Russlands „imperiale Ambitionen“ würden nicht nur darauf abzielen, „ukrainisches Territorium zu annektieren, sondern auch darauf, internationale Legitimität für seine Eroberungen zu erlangen“. Beides würde Moskau über jede verfügbare internationale Plattform versuchen.

Lettland und Estland teilen sich mit Russland jeweils eine mehr als 250 Kilometer lange Grenze. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt der Länder vor Beginn des russischen Angriffskrieges, befinden sich beide baltischen Staaten unter den Top 5 Unterstützern der Ukraine, wie das Kiel Institut für Weltwirtschaft analysiert hat.

Ukraine verurteilt IOC-Entscheidung

In Brüssel ist man zwar der Meinung, dass Sportlerinnen und Sportler „nicht den Preis für die Entscheidungen ihrer Regierungen zahlen“ sollten. Dennoch sagte der EU-Kommissar für Sport, Glenn Micallef, dem Nachrichtenportal, dass Sport „nicht zur Hintertür für die Normalisierung von Aggression“ werden dürfe.

„Wenn der Dialog dies nicht gewährleisten kann, müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten bereit sein, verhältnismäßige Schritte in Betracht zu ziehen, um die Werte zu verteidigen, auf denen der internationale Sport basiert“, sagte Micallef weiter. Ob er damit den Entzug von Geldern meint, bleibt offen. Das IOC finanziert sich eigenen Angaben zufolge hauptsächlich über den Verkauf von Übertragungsrechten sowie Marketing und Sponsoring. Einnahmen durch EU-Förderungen dürften nur gering ausfallen. Dennoch zeigen die Forderungen, dass der Unmut über die Entscheidung wächst.

Mir war klar, dass es irgendwann passieren wird. Aber ich hätte niemals gedacht, dass diese Entscheidung so schnell getroffen wird.

Wladislaw Heraskewytsch, ukrainischer Skeleton-Fahrer

Das ukrainische Außenministerium nannte den Entschluss, ein „beunruhigendes Signal für die gesamte internationale Gemeinschaft“. Bereits am Dienstag rief es die Gastgeberländer von Sportwettbewerben dazu auf, das Verbot russischer Staatssymbole aufrechtzuerhalten, da unter dieser Flagge ein grundloser Krieg in der Ukraine fortgesetzt werde. Zudem drängt Kyjiw bei internationalen Sportverbänden darauf, bestehende Beschränkungen für russische Athleten beizubehalten.

Ukrainischer Skeleton-Fahrer attackiert IOC

Der ukrainische Skeleton-Fahrer Wladislaw Heraskewytsch bezeichnete die IOC-Entscheidung als „Wahnsinn“ und „Schande“. Der 27-jährige Wintersportler war vom Wettkampf bei den Winterspielen im Februar in Italien ausgeschlossen worden, weil er sich geweigert hatte, seinen Helm abzusetzen. „Auf meinem Helm habe ich an 22 verstorbene (ukrainische) Sportler gedacht, insgesamt sind es über 660. Das ist einfach nur grausam“, sagte er dem Medienunternehmen „Münchner Merkur/TZ“.

„Mir war klar, dass es irgendwann passieren wird. Aber ich hätte niemals gedacht, dass diese Entscheidung so schnell getroffen wird“, sagte er weiter. „Es gab in den vergangenen Tagen zahlreiche Raketenangriffe auf Kyjiw, erneut wurden Menschen getötet. Die Situation aktuell ist eigentlich so schlimm wie nie zuvor. Und genau in dem Zeitraum macht das IOC diese Entscheidung publik“, sagte Heraskewytsch, der sich momentan in der ukrainischen Hauptstadt aufhält.

ARCHIV - 12.02.2026, Italien, Mailand: Olympia, Olympische Winterspiele Mailand Cortina 2026, der Skeletonpilot Wladislaw Heraskewytsch (Ukraine) spricht auf einer Pressekonferenz im ukrainischen Konsulat in Mailand. Heraskewytsch wurde vom Wettkampf ausgeschlossen, weil er darauf bestand, einen Helm mit Fotos von ukrainischen Sportlern zu tragen, die im russischen Angriffskrieg getötet wurden. (zu dpa: «Ukrainischer Skeletoni attackiert IOC: Eine «Schande»») Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Skeletonpilot Wladislaw Heraskewytsch spricht auf einer Pressekonferenz im ukrainischen Konsulat in Mailand (Archivbild).

© dpa/Peter Kneffel

Der Kreml wiederum begrüßte die vorläufige Aufhebung der Sanktionen gegen russische Athleten. Die Kehrtwende sei „ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der legitimen Rechte unserer Sportler auf die Teilnahme an internationalen Wettbewerben“, kommentierte Kremlsprecher Dmitri Peskow den Beschluss russischen Nachrichtenagenturen zufolge am Mittwoch. Moskau werde aber seine Arbeit fortsetzen, um die vollwertigen Rechte aller russischen Athleten auf internationaler Ebene zu erstreiten, fügte er hinzu.

Belarus-Sanktionen schon außer Kraft gesetzt

Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine vor mehr als vier Jahren hatte das IOC sowohl Russlands Sportler als auch die belarussischen Athleten mit Sanktionen belegt. Belarus unterstützt Russland im Krieg gegen die Ukraine. An den Olympischen Spielen in Paris 2024 und den Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo in diesem Jahr durften nur Einzelsportler beider Nationen als neutrale Athleten teilnehmen.

Schon vor einigen Wochen hatte das IOC Athletinnen und Athleten aus Belarus die Rückkehr in internationale Wettbewerbe erleichtert. Nach Meinung der Dachorganisation dürfe der Start von Athleten bei internationalen Wettkämpfen „nicht durch das Handeln ihrer Regierungen eingeschränkt werden, einschließlich der Beteiligung an einem Krieg oder Konflikt“. 

Vor der Rückkehr auf die internationale Bühne müssen sich Russlands Sportler nach Angaben des IOC mehreren Dopingtests unterziehen. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry betonte, dass russische Regierungsfunktionäre weiter nicht zu Olympischen Spielen eingeladen und auch keine IOC-Veranstaltungen nach Russland vergeben werden. Wie die Weltverbände die veränderten Vorgaben des IOC umsetzen, sei ihnen überlassen. 

„Wir lehnen jegliche Form von Gewalt und Krieg ab und werden die Ukraine weiter unterstützen“, bekräftigte Coventry und fügte hinzu: „Auch wenn ich wie eine kaputte Schallplatte klinge: Ich glaube nicht daran, dass Athleten den Preis bezahlen sollten.“ (dak mit dpa/Reuters)

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