Während das größte Sportereignis in die Finalphase geht, leckt Österreich seine Wunden: Zwischen Opfermythos (böse Auslosung!) und Selbstzufriedenheit.
Jetzt ist es erst eine Woche her, dass Österreich bei der Fußball-WM ausschied – gefühlt ist uns die Niederlage gegen Spanien aber schon vor einer halben Ewigkeit widerfahren. So viel hat sich in Kanusamex in der Zwischenzeit ereignet, dass von der österreichischen Performance keine Rede mehr ist. Wahrscheinlich war das ÖFB-Team dort auch nur einen Kopfball lang Thema.
Die Trauer im Team war groß, zumindest einen Tag lang, politische Aufmunterungen trafen erwartungsgemäß ein – seid’s eh super, passt schon. Und mittlerweile herrscht quasi Einvernehmen darüber, dass Österreichs WM-Abenteuer erfolgreich verlaufen sei. Echt jetzt?
Wer gesehen hat, wie afrikanische Mannschaften gekämpft haben, als ginge es um viel mehr als um ein simples Fußballspiel; wer verfolgt, wie siegessicher jeder südamerikanische Spieler jeden Einsatz gestaltet; wer aus den Augen von klaren Außenseitern das absolute Selbstbewusstsein leuchten sah, kann mit den österreichischen Leistungen nicht zufrieden sein. Das Team spielte um Welten weniger attraktiv als etwa Ägypten oder Kap Verde.
Und je länger der Abschied zurückliegt, desto mehr stellt sich die Frage, wie typisch das Ganze für Österreich und wie sehr das Nationalteam letztlich doch Repräsentant lokaler Eigenschaften war.
Eigentlich hätte der Teamchef ja schon nach dem K.o. bei der EM eine Reform einleiten müssen – aber wer mag in Österreich schon echte Reformen? Lieber auf alte Werte setzen und dabei zuschauen, wie andere vorbeiziehen.
Eigentlich hätte das erklärte Ziel sein müssen, so weit wie möglich zu kommen und nicht nur die Vorrunde zu überstehen – aber wieso sollte man sich nicht mit kleinen Erfolgen zufrieden geben? Eigentlich hätte man der Welt zeigen wollen müssen, dass wir (jetzt nicht lachen!) ein globaler Topplayer sind – aber reicht nicht auch die gemütliche Landesliga? Mal sehen, ob es eine wirkliche Aufarbeitung der Leistungen gibt. Falls nicht, wäre das auch passend.
Österreich ist in vielen Bereichen wahnsinnig talentiert (ja, auch im Fußball) – aber es genügt, wenn wir das selbst wissen. Think big ist keine relevante Kategorie. Das eint das Team mit der Regierung – und der Opposition.
Doch auch bei anderen Nationen sind Fußball, Politik und Geisteshaltung eng verwandt. Das frühe Ende der Deutschen passt zur ökonomischen Realität. Die Argentinier hauen rein wie Javier Milei in der Politik. Die Engländer haben intern Chaos, geben aber niemals auf. Die Norweger rudern jenseits der EU sehr gewinnbringend. Und die Schweiz? Die ist still, bescheiden – und weit erfolgreicher als Österreich. Dass deren muslimischer Kapitän übrigens bei jedem Gang aufs Spielfeld betet, würden bei uns manche für eine politische Blutgrätsche missbrauchen.
kurier.at, geko | 09.07.2026, 18:00
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