Das Mannschaftsfoto der norwegischen Fußballer ist für Kritiker moralisch verwerflich. Der Vorwurf ist gleich aus mehreren Gründen überzogen.
Stereotypisierung ist in Verruf geraten. Kinder mit Federschmuck und Kriegsbemalung an Fasching in den Kindergarten zu schicken, ziemt sich nicht mehr. Das kann man doof finden oder auch nicht.
Jedenfalls war klar, dass das Mannschaftsfoto der norwegischen Fußball-Nationalmannschaft Wellen schlagen würde. Das Team um Starstürmer Erling Haaland posierte in einer Fjordbucht in Wikingerkostümen. Ein echter Hingucker schon allein deshalb, weil es ein solches Mannschaftsfoto außer der Reihe, kurz vor einer Weltmeisterschaft, bisher nicht gegeben hat. Angelehnt war die Aufnahme an den Netflix-Hit „Vikings“, aber natürlich auch an die Geschichte der norwegischen Wikinger.
Auf die ersten hymnischen Besprechungen folgte viel Kritik in den sozialen Medien sowie in nationalen wie internationalen Medien. Wie könne man nur? Die Rede war von Chauvinismus, Machismo, Hypermaskulinität, Ausgrenzung und Verharmlosung von Wikinger-Gräueltaten – und ja, auch das: von neonazistischer und faschistischer Bild- und Sprachsymbolik.
Immerhin: Vom Vorwurf des direkten Aufrufs zur Massenvernichtung blieb die norwegische Mannschaft verschont.
Fußball ist auch nicht im wörtlichen Sinne eine Schlacht, in einem übertragenen, spielerischen Sinn aber schon.
Martin Einsiedler
Aber um ernst zu bleiben: Die Geschichte der kriegerischen Wikinger vor mehr als tausend Jahren hat – wie so vieles aus dieser Zeit – dunkle Kapitel. Und man kann auch darüber streiten, ob grimmig dreinblickende Männer mit Waffen in den Händen die richtige Einstimmung auf ein Fußballturnier sind.
Auf der anderen Seite können selbst kleine Kinder den gedanklichen Transfer leisten, dass die Übertragung kriegerischer Symbolik auf den Fußballplatz nicht heißen soll, man wolle dem Gegenspieler den Kopf abschlagen. Fußball ist auch nicht im wörtlichen Sinne eine Schlacht, in einem übertragenen, spielerischen Sinn aber schon: Es geht darum, die andere Mannschaft zu schlagen, fair und unter Einhaltung der Regeln.
Was den Neonazi-Vorwurf anbelangt: Es stimmt, dass rechte Wirrköpfe Gefallen an Runenschrift und martialischer Ästhetik aus der Wikingerzeit gefunden haben. Gleichzeitig können die Wikinger nichts dafür, dass ihr Erscheinungsbild nicht nur bei vielen Millionen Fans von Serien wie eben „Vikings“ oder „Game of Thrones“ gut ankommt, sondern auch bei ein paar Nazis.
Die Zeiten sind schwer genug. Vielleicht sollten wir sie uns nicht noch schwerer machen.