Herbeigeschrieben, herbeigeschrien – unsere Leserin hält die Frührentendebatte für übertrieben und fragt, warum Arbeit in Deutschland so konsequent als Last gilt.
Länger arbeiten oder früher aufhören? Eine neue Studie der DAK-Gesundheit befeuert die Rentendebatte mit konkreten Zahlen: 44 Prozent der Beschäftigten denken darüber nach, vor dem gesetzlichen Rentenalter aufzuhören – unter den über 50-Jährigen ist es sogar mehr als die Hälfte. Zwar sind ältere Arbeitnehmer seltener krank als jüngere, doch ihre Ausfallzeiten dauern deutlich länger.
DAK-Chef Andreas Storm sieht die Unternehmen in der Pflicht: Wer ältere Beschäftigte halten wolle, brauche eine Kultur, die deren Erfahrung wirklich wertschätzt. Doch ist der Wunsch nach Frührente wirklich so verbreitet, wie Studien und politische Debatten suggerieren?
Tagesspiegel-Nutzerin Saeule greift diese Debatte zu kurz. Sie fragt, was in der politischen und medialen Diskussion zu oft vergessen wird: welchen Wert Arbeit für Struktur, Zugehörigkeit und Identität hat – und warum viele Menschen gar nicht so schnell aufhören wollen, wie es die Zahlen vermuten lassen. Ein Kontrapunkt aus der Tagesspiegel-Community.
Der Wunsch nach einem frühen Renteneintritt wird auch von der Presse herbeigeschrieben bzw. von Parteien populistisch herbeigeschrien. Ich sehe viele topfitte Best Ager, die offensichtlich genug Geld haben (so schlecht geht es uns Deutschen nicht) und das Leben genießen.
Woher kommt die Haltung, dass Arbeit konsequent negativ betrachtet werden muss, nicht nur bei Alten, Flüchtlingen, Arbeitslosen? Arbeit integriert, der Mensch ist „nützlich“, der Tag strukturiert. Die meisten, die ich kenne, viel Kreativbranche, Wissenschaftler, wollen und werden weiterarbeiten.
Wer von Rente träumt: gut! Auch nachvollziehbar. Wer bin ich, das zu bewerten! Ich hoffe für mich sehr, dass ich später, nach Renteneintritt, reduziert weiterarbeiten kann. Und ich bin bereit, die aufzufangen, die nicht arbeiten können. Das Thema Arbeit muss in Deutschland neu gedacht werden.
Unterschätzt nicht, wie viele Menschen gerne weiterarbeiten würden [...], um nicht am Rande der Gesellschaft zu stehen.
Meint Tagesspiegel-Nutzerin Saeule
Was kann ich erreichen, wenn ich arbeite, wenn ich, solange ich jung bin, sogar viel arbeite, was tut die Arbeit mir Gutes? Für mein Selbstverständnis? Und natürlich braucht es, gerade für Ältere, deutlich mehr Teilzeitstellen, beispielsweise in der Verwaltung.
Unterschätzt nicht, wie viele Menschen gerne 20 oder zehn Stunden weiterarbeiten würden. Um dazuzugehören, um sozialisiert zu sein. Um zu wissen, weshalb sie morgens aufstehen, um Kollegen zu sehen. Um nicht am Rande der Gesellschaft zu stehen.
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