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Blutbad von Stade: Die „Patentante“, die auch das Fluchtauto fuhr, ist plötzlich abgetaucht

Дата публикации: 06-07-2026 17:40:21

Sie begleitete den mutmaßlichen Todesschützen nach Stade, wartete während des Blutbads im Auto – und fuhr ihn danach vom Tatort weg. Jetzt ist Erika Sch. (65) nicht zu erreichen.

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Im Norden

Blutbad von Stade: Die „Patentante“, die auch das Fluchtauto fuhr, ist plötzlich abgetaucht

Erika Sch. (65, Name geändert): Drei Tage vor der Tat versandte sie ein 20-seitiges Schreiben an die Medien und nahm den späteren mutmaßlichen Täter in Schutz. Olaf Wunder

Sie begleitete den mutmaßlichen Todesschützen nach Stade, wartete während des Blutbads im Auto – und fuhr ihn danach vom Tatort weg. Jetzt ist Erika Sch. (65) nicht zu erreichen.

Sie ist – abgesehen vom mutmaßlichen Todesschützen Fatih G.– eine der Schlüsselfiguren dieses sechsfachen Mordfalls, der Stade erschüttert hat: Erika Sch. (Name geändert). Auf viele Fragen dürfte nur die Bremerin die Antwort wissen: Warum begleitete sie ihn im Auto zum Tatort? Vor allem aber: Warum fuhr sie hinterher den Wagen, mit dem der mutmaßliche Täter vom Tatort flüchtete?

Fragen über Fragen, die wir der 65-jährigen Frau gerne gestellt hätten. Doch Erika Sch. scheint abgetaucht zu sein. Auf E-Mails der MOPO-Reporter antwortet sie nicht. Bei ihr zu Hause, einem Reihenhaus im Bremer Stadtteil Woltmershausen, reagiert niemand aufs Klingeln. Nachbarn sagen, dass sie sie seit der Tat nicht mehr gesehen hätten.

Todesschüsse von Stade: Rätsel um Erika Sch.

Eine Nachbarin fügt hinzu: „Ich bin aber ganz sicher, dass Erika nichts Böses gemacht hat. Sie hat sicher nur helfen wollen und garantiert nichts von den mörderischen Plänen gewusst. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Sie ist so eine herzensgute, hilfsbereite Frau!“

Kerzen und Blumen vor einem roten Backsteinhaus, am Tor hängen Hinweise; rechts ist ein verpixeltes Porträt zu sehen.

Fatih G. (45), der Mann, der mutmaßlich in Stade sechs Menschen erschossen hat. In der Türkei soll gegen ihn bereits wegen Sexualdelikten ermittelt worden sein, 2021 soll er aus der U-Haft geflohen sein. Olaf Wunder/privat

Es geht um das Blutbad von Stade. Vor einer Woche wurden in einer Mutter-Kind-Einrichtung im Stader Stadtteil Kopenkamp sechs Menschen erschossen: vier Frauen, zwei Männer. Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung und des Jugendamts aus dem Raum Hannover. Der mutmaßliche Täter, der 45-jährige Fatih G., sitzt seither wegen des Verdachts des sechsfachen Mordes in Untersuchungshaft.

Deniz Kurku (SPD) im Niedersächsischen Landtag während der Wahl des Ministerpräsidenten in Hannover.

Der SPD-Politiker Deniz Kurku ist Schwiegersohn der 65-Jährigen, die das Fluchtfahrzeug des mutmaßlichen Täters von Stade fuhr. picture alliance / dts-Agentur

Die Geschichte wird immer bizarrer, immer rätselhafter: Denn inzwischen ist bekannt geworden, dass Erika Sch. drei Tage vor dem Blutbad ein 20-seitiges Schreiben an etliche Medien verschickte. Titel: „Chronologie eines Albtraums“. Darin nimmt sie Fatih G. in Schutz: Er sei gar nicht aggressiv und unberechenbar, wie behauptet werde, sondern ein Vater, der sich von Behörden in die Ecke gedrängt fühlte. Wohlgemerkt: Hier ist die Rede von dem Mann, der später sechs Menschen erschossen haben soll.

In dem Schreiben, das der MOPO vorliegt, zeichnet Erika Sch. das Bild eines Vaters, der aus ihrer Sicht von Behörden, Ärzten und Justiz zu Unrecht in die Enge getrieben worden sei. Es geht um seine wenige Monate alte Tochter, um den Verdacht eines Schütteltraumas, um einen eskalierten Sorgerechtsstreit – und um eine Familie, die sich nach eigener Darstellung nicht gehört fühlte.

Warum begleitete Erika Sch. den mutmaßlichen Täter zum Tatort und fuhr das Fluchtfahrzeug?

Am Tattag selbst soll Erika Sch. den 45-Jährigen nach Stade begleitet haben. Dort war ein Hilfeplangespräch angesetzt. Es sollte geklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen der Vater Zugang zur Tochter bekommt. Im Besprechungsraum saßen Vertreter des Jugendamts aus dem Raum Hannover und Mitarbeiter der Einrichtung. Auch die Mutter des Kindes und das Kind selbst waren anwesend.

Wie der „Spiegel“ berichtet, soll G. seine Frau dann zunächst aus dem Raum geschickt haben. Anschließend habe er das Magazin seiner Waffe, einer Pistole vom Typ Beretta Modell 70, leer geschossen, herausgenommen, mit neuen Patronen bestückt und weitergeschossen. Sechs Menschen starben.

Erika Sch. soll während der Tat im Auto gewartet haben. Nach den Schüssen soll G. in den Wagen gestiegen sein, an dessen Steuer die 65-Jährige demnach immer noch saß. Er forderte sie auf, loszufahren, angeblich bedrohte er sie mit seiner Pistole. Wenig später stoppte die Polizei das Fluchtfahrzeug – G. und Erika Sch. wurden vorläufig festgenommen.

Zwei Polizisten suchen in einem Wohngebiet nach Spuren neben Haus und Polizeiwagen.

Am Dienstagvormittag vor dem Tatort in Stade: Zwei Polizeibeamte stellen Beweismittel sicher. Olaf Wunder

Wusste Erika Sch., dass der mutmaßliche Schütze eine Waffe dabeihatte? Wurde sie wirklich gezwungen, loszufahren? Und wenn ja: Wusste sie möglicherweise, dass die Waffe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geladen war?

Staatsanwaltschaft sieht keinen dringenden Tatverdacht

All das ist bislang unklar.

Die Staatsanwaltschaft Stade prüft die Rolle der 65-Jährigen nach eigener Aussage weiter. Ein dringender Tatverdacht gegen Erika Sch. bestehe hingegen nicht, deshalb wurde auch kein Haftbefehl beantragt. Welcher Vorwurf gegen die Frau am Ende erhoben werden könnte – wenn überhaupt –, soll erst nach Abschluss der Ermittlungen entschieden werden.

Fest steht: Erika Sch. kannte die Familie des mutmaßlichen Todesschützen seit längerer Zeit. Sie half der Familie, begleitete sie zu Terminen und bezeichnete sich selbst als „Patentante“ des Kindes.

Brisant ist inzwischen auch eine familiäre Verbindung, die der niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Deniz Kurku am Donnerstag selbst öffentlich gemacht hat: Erika Sch. ist demnach seine Schwiegermutter. Kurku spielt als Landtagsabgeordneter und niedersächsischer Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe eine herausragende Rolle in der Landespolitik.

Erika Sch. arbeitet seit Jahren für den Verband binationaler Familien und Partnerschaften in Bremen

Eine weitere Spur führt zu einem gelben Haus an der Aßmannshauser Straße im Bremer Stadtteil Neustadt. Dort hat die Beratungsstelle des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften ihren Sitz, wo Erika Sch. in Teilzeit als Beraterin tätig ist. Anzutreffen ist sie dort allerdings am Montag nicht. Eine Mitarbeiterin weist MOPO-Reporter darauf hin, dass Erika Sch. seit der Tat nicht mehr am Arbeitsplatz erschienen sei – „natürlich nicht“, wie die Kollegin betont.

Gelbes Fachwerkhaus mit bemalten Fassadenmotiven, Gedenktafel, 30er-Schild und Grünbewuchs.

In diesem Haus arbeitet Erika Sch. (64) als Beraterin: Bremer Geschäftsstelle des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften. Olaf Wunder

In einer Erklärung weist der Verband darauf hin, dass er mit der Angelegenheit nichts zu tun habe. Erika Sch. sei am Tag des Blutbades von Stade „ausschließlich in privater Eigenschaft unterwegs“ gewesen, „nicht in ihrer beruflichen Funktion und nicht im Auftrag der Geschäftsstelle Bremen“. Verbandssprecherin Carmen Colinas erklärt zudem: „Der mutmaßliche Täter und seine Familie waren nach unserem bisherigen Kenntnisstand zu keinem Zeitpunkt Ratsuchende der Geschäftsstelle Bremen.“

Verband binationaler Paare sagt, Erika Sch. war am Tattag privat unterwegs

Die Rolle von Erika Sch. bleibt eine der großen offenen Fragen in diesem Fall. War sie eine Helferin, die es nur gut meinte, sich aber von der Familie vereinnahmen ließ? War sie eine Unterstützerin, die Warnzeichen übersah? Eine Zeugin, die plötzlich in eine entsetzliche Tat hineingezogen wurde? Und wie sieht sie selbst heute ihre Rolle?

Sie ist – abgesehen vom mutmaßlichen Todesschützen Fatih G.– eine der Schlüsselfiguren dieses sechsfachen Mordfalls, der Stade erschüttert hat: Erika Sch. (Name geändert). Auf viele Fragen dürfte nur die Bremerin die Antwort wissen: Warum begleitete sie ihn im Auto zum Tatort? Vor allem aber: Warum fuhr sie hinterher den Wagen, mit dem der mutmaßliche Täter vom Tatort flüchtete?

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