Ein Lehrer aus Lünen packt sein Leben in zwei Koffer und zieht nach Bolivien. Marcel Donner (40) wagt den Schritt und unterrichtet künftig in den Anden.
Ein Lehrer aus Lünen packt sein Leben in zwei Koffer und zieht nach Bolivien. Marcel Donner (40) wagt den Schritt und unterrichtet künftig in den Anden.
Darum geht‘s:
Am letzten Schultag dieses Schuljahres wird Marcel Donner als Lehrer nicht einfach nur in die Ferien starten. Wenn am 17. Juli am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Castrop-Rauxel der Unterricht vorbei ist, wird der Lehrer noch einmal in seine Wohnung nach Lünen-Brambauer fahren, letzte Dinge holen und den Schlüssel übergeben. Er wird gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin nach Düsseldorf zum Flughafen fahren und dann, auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans, einen neuen Lebensabschnitt beginnen: Für drei Jahre wird der 40-Jährige an der Deutschen Schule im bolivianischen La Paz unterrichten. Mit Option auf Verlängerung.
„Man könnte fast sagen, das ist vielleicht Midlife-Crisis“, sagt Donner lachend. In seiner bisherigen Berufslaufbahn hatte er irgendwann gemerkt: „Hey, da geht noch was anderes.“ Als verbeamteter Lehrer nutzte er die Möglichkeit, sich bei der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) zu bewerben. Schon seit er während seines Studiums von dieser Möglichkeit hörte, hatte er davon geträumt. Wenn nicht jetzt, wann dann, dachte er sich also. Fitter werde er schließlich nicht mehr.
Bolivien stand dabei eigentlich gar nicht auf seinem Wunschzettel. Eher Asien oder Nordamerika. Doch mit dem südamerikanischen Binnenland ist er inzwischen mehr als zufrieden. „Ich selbst kenne Südamerika überhaupt nicht, war noch nie dort. Das heißt, es wird für mich ganz neu. Ich bin ganz gespannt, was auf mich zukommt“, sagt er. „Einfach sehen: Wie sind die Leute denn da drüben drauf? Wie reagieren sie? Was haben sie für Rituale und Traditionen? Ich freue mich einfach auf dieses bunte Land.“
Bolivien zeichnet sich durch seine kulturelle und ethnische Vielfalt aus; die Mehrheit der Bevölkerung gehört indigenen Völkern an. Bolivien gilt aber auch als eines der ärmeren Länder Südamerikas. Seit Monaten ist das Land von Protesten, Blockaden und Versorgungsengpässen geprägt. In La Paz, der Stadt des Regierungssitzes, war die Lage zuletzt besonders angespannt. Seit dem 20. Juni gilt landesweit der Ausnahmezustand.
Sorgen macht sich Marcel Donner trotzdem keine.
Was Marcel Donner in sein neues Leben mitnehmen möchte, passt in zwei Koffer.© Kristina Gerstenmaier
„Nein, nein, also überhaupt nicht“, sagt er. Er wisse, dass er in einer Community ankomme, „wo es einfach gut funktioniert“. Er sieht sich nicht als Tourist, der auf eigene Faust in ein Krisenland reist. Er geht mit einem Arbeitsvertrag, einem Auftrag und einer Schule im Rücken. Vor allem aber reist er nicht alleine. Seine Lebensgefährtin, die als freiberufliche Übersetzerin arbeitet, begleitet ihn.
Natürlich müsse man vorsichtig sein, Tumulte meiden, Sicherheitsregeln beachten. Aber er vertraut darauf, dass die ZfA die Lage im Blick hat. „Der Arbeitgeber wird dann schon sagen: jetzt aber bitte nicht mehr. Oder: Es ist kein Problem.“
So ruhig, wie Donner über die politische Lage spricht, spricht er auch über das, was in Deutschland für ihn gerade zu Ende geht. Auswandern klingt nach Aufbruch, nach Abenteuer, auch nach Mut. In seinem Fall bedeutet es aber zuerst einmal: aussortieren, kündigen, abmelden, verschenken, verkaufen, entsorgen. Seit einem Dreivierteljahr sei er im Grunde dabei auszuziehen, sagt Donner. In seiner Wohnung in Brambauer sind die Tapeten schon von den Wänden gerissen, gibt es außer einem großen Tisch und zwei Stühlen kaum noch Möbel, sind wenige Habseligkeiten auf dem Wohnzimmerboden in verschiedene Häufchen sortiert. An der Wand hängt eine große Weltkarte.
Was übrig bleibt, passt in zwei Koffer: ein Computer, eine Festplatte mit Unterrichtsmaterialien, ein Telefon, ein Zelt, ein Schlafsack, Wanderschuhe, ein paar Klamotten. Mehr braucht er nicht. „Der Rest ist dann halt weg.“
Marcel Donner ist weniger sorgenvoll, als voller Vorfreude.© Kristina Gerstenmaier
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Ein Leben aufzulösen, sagt Donner, sei auch eine emotionale Phase. Eine, in der man sich noch einmal neu mit dem eigenen Leben beschäftige. Was ist wichtig? Was brauche ich wirklich? Was kann weg? Manche Dinge gehen leicht. Andere brauchen Zeit. „Mein Bett zum Beispiel, das finde ich ganz toll“, erzählt er. „Ich weiß noch, wie ich es mir das damals gekauft habe. Es ist sehr wertvoll und massiv und sehr schön. Es trägt mich beim Schlafen. Man verbindet ja schon ein bisschen was mit bestimmten Möbeln, mit Kleidung oder Dingen.“ Ausgewähltes wird also bei seiner Mutter in Wattenscheid eingelagert: Fotoalben, wichtige Papiere, vielleicht ein Lieblings-T-Shirt, das an eine Band oder an einen Menschen erinnert. „Vielleicht nehme ich das in fünf Jahren wieder in die Hand und denke: Das hätte schon damals weggekonnt.“
Eine große Abschiedsparty will Donner bewusst nicht feiern. Es ist ja auch kein endgültiger Abschied. Er will zurückkommen, zwischendurch Familie und Freunde sehen – zumindest über das Internet. Und wer möchte, könne ihn ja auch in Bolivien besuchen.
Doch noch ist manches offen: Zum Beispiel die Wohnung, in der das Paar leben wird. Am 1. August beginnt Donners Dienst in La Paz. Zwischen Ankunft und Arbeitsstart bleiben ihm nur zehn Tage, in denen er sich akklimatisieren und eine Wohnung finden muss.
Seine Vorfreude ist trotzdem groß. Er will wandern, die Anden erleben, den Salar de Uyuni sehen, den Regenwald. Als Biologielehrer reizt ihn auch die Natur. „Dort gibt es erst mal keinen Mischwald“, sagt er lachend. Radfahren und Laufen werden in den Bergen eine Herausforderung, Tauchen in einem Land ohne Meerzugang ebenso. Donner sieht das gelassen: „Dann werde ich halt was Neues entdecken.“
Was ihn erwartet, ist ein Alltag voller Gegensätze. Er wird Mathematik und Biologie unterrichten, auf Deutsch, an einer deutschen Schule. Gleichzeitig will er Spanisch lernen, zumindest so viel, dass er sich im Alltag verständigen kann. Er will nicht nur in der Blase bleiben, wie er sagt, sondern mit der Kultur wirklich in Kontakt kommen. Die Schule werde von Kindern aus gemischten Familien besucht. Gleichzeitig weiß Donner, dass eine deutsche Schule in Bolivien ein privilegierter Ort ist. Das Schulgeld übersteige das durchschnittliche Monatseinkommen deutlich, sagt er. Aus dem staatlichen deutschen Schuldienst kommend, wo Bildung kostenfrei ist und grundsätzlich allen offensteht, werde das auch eine Herausforderung für ihn.
Auch mit dem Gedanken, als privilegierter Europäer in ein Land zu kommen, in dem viele Menschen mit Armut, Unsicherheit und Versorgungsproblemen leben, hat er sich auseinandergesetzt. Er weiß auch, dass er im Zweifel ausreisen könnte.
Angst, sagt Donner, habe er eigentlich nicht. „Vielleicht so ein bisschen Heimweh“, sagt er, „dass man die Leute nicht mehr so direkt um sich hat. Die Menschen, die man kennt, die einem wichtig sind“, sagt Donner. Nicht die Möbel, nicht die Gegenstände. „Materielle Dinge kann man loslassen“, sagt er. „Aber Menschen nicht so leicht.“ Aber man findet ja eigentlich überall Leute, mit denen man klarkommt“, sagt er. Er ist schon oft gereist, mit dem Rucksack, mit dem Fahrrad, manchmal wochenlang mit dem Zelt durch Europa. Auch Asien hat er mehrfach erkundet.
Jetzt steigt er also wieder ins Flugzeug: Mit 40, mit zwei Koffern, seiner Partnerin, mit einem sicheren Beruf im Rücken und einer offenen Frage vor sich: Was kommt da noch?
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