Attest ab Tag eins und das mögliche Aus für die telefonische Krankschreibung: Die Bundesregierung will Fehlzeiten senken. Was die Zahlen über Krankenstand und Missbrauch tatsächlich zeigen.
Attest ab Tag eins und das mögliche Aus für die telefonische Krankschreibung: Die Bundesregierung will Fehlzeiten senken. Was die Zahlen über Krankenstand und Missbrauch tatsächlich zeigen.
03.07.2026

Die Bundesregierung will Krankmeldungen strenger regeln: Künftig sollen Beschäftigte bereits ab dem ersten Fehltag ein Attest vorlegen müssen und die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden.
Die Reform wird mit hohen Fehlzeiten und möglichen Missbrauchsfällen begründet. Doch wie oft sind Beschäftigte in Deutschland tatsächlich krank? Nutzen Arbeitnehmer die bisherigen Regeln aus? Und würden die geplanten Änderungen das Problem überhaupt lösen?
Die verfügbaren Daten zeichnen kein Bild von einer außergewöhnlich hohen Zahl an Krankmeldungen in Deutschland. Nach Angaben der OECD lag die Bundesrepublik zuletzt mit durchschnittlich 3,6 Krankheitswochen pro Jahr im oberen Mittelfeld Europas. Höhere Werte verzeichneten unter anderem Norwegen, Finnland, Spanien und Slowenien.
Zwar liegt Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 2,6 Krankheitswochen. Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass Krankmeldungen in anderen EU-Ländern deutlich lückenhafter erfasst werden als hierzulande.
Auffällig ist zudem, dass ein großer Teil der Fehlzeiten auf wenige Beschäftigte zurückgeht. Nach Daten der AOK entfielen 2025 rund 40 Prozent aller Fehltage auf Langzeiterkrankte, die länger als sechs Wochen krankgeschrieben waren.
Zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen zählen Atemwegserkrankungen, psychische Belastungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Ein wichtiger Grund für den Anstieg der gemeldeten Fehltage in Deutschland ist die Einführung der elektronischen Krankschreibung im Jahr 2022. Seitdem werden Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen deutlich vollständiger erfasst.
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Zuvor gingen viele Tage nicht in die Statistik ein, weil Versicherte sie der Krankenkasse nicht gemeldet hatten. Der starke Anstieg seit 2022 bildet also teilweise einen statistischen Effekt ab - und bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Beschäftigten heute häufiger krank sind.
Bislang müssen Beschäftigte ihrem Arbeitgeber erst ab dem vierten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Allerdings können Arbeitgeber jetzt schon verlangen, dass ein Attest ab dem ersten Fehltag vorgelegt wird. Zudem haben Unternehmen die Möglichkeit, Krankschreibungen anzuzweifeln und in begründeten Verdachtsfällen die Entgeltfortzahlung zu verweigern. Arbeitgeber verfügen also bereits über Instrumente, um gegen möglichen Missbrauch vorzugehen.
Die oft kritisierte telefonische Krankschreibung gibt es bislang kaum Hinweise auf systematischen Missbrauch. Sie macht höchstens rund ein Prozent aller Krankschreibungen aus.
Die Reformpläne stoßen auf unterschiedliche Reaktionen. Unterstützung kommt unter anderem von ifo-Präsident Clemens Fuest. Er begrüßt die verschärften Regelungen. Denn teilweise würden die „Möglichkeiten, sich krankschreiben zu lassen, missbraucht“, was letztlich der Wirtschaft schade.
Viele Ärzte lehnen die Reformvorschläge dagegen ab. Sie befürchten noch vollere Praxen, längere Wartezeiten und kürzere Sprechstunden für die Patienten. Zudem sei es medizinisch wenig sinnvoll, wenn Menschen mit einem Infekt für ein Formular Stunden im Wartezimmer verbringen, anstatt sich zuhause auszukurieren.
Verdi-Chef Frank Werneke bezeichnete die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung als Ausdruck einer Misstrauenskultur gegenüber Beschäftigten.
Hörfunkautorin: Birgid Becker
Online-Text: Kristina Reymann-Schneider
Quellen: Deutschlandfunk, dpa, KNA
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