Die Stadt sucht krampfhaft nach Ideen für klimabewusstes Leben – mit zweifelhaftem Erfolg.
Die Stadt sucht krampfhaft nach Ideen für klimabewusstes Leben – mit zweifelhaftem Erfolg.

Goran Basic / NZZ
Die Zürcherinnen und Zürcher der Zukunft sollen klimafreundlicher leben. So will es der rot-grüne Stadtrat. Und er weiss auch, wo dieser neue Typ Bürger entstehen soll: in Zürich Wiedikon, im sogenannten «Pilotquartier Netto-Null». Dort sollen Ideen für einen klimafreundlichen Alltag erfunden werden, die dann in der ganzen Stadt ausgerollt werden. Das 8-Millionen-Franken-Projekt läuft seit rund einem Jahr. Das Problem der Stadt: Es fehlt an zündenden Ideen.
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In Wiedikon betreibt sie deshalb einen beträchtlichen Aufwand, um diese zu finden. Unter anderem hat sie einen Ideenwettbewerb lanciert. Das Ziel: Projekte, bei denen die Leute beim Konsumieren CO2 einsparen können. Nun liegen die ersten Resultate dieses Wettbewerbs vor, und sie zeigen: Mitgemacht haben nicht in erster Linie Wiedikerinnen und Wiediker. Sondern Gruppen von ausserhalb.
Verboten sind solche Bewerbungen gemäss den «Spielregeln» des Wettbewerbs zwar nicht. Aber ihre Vielzahl ist doch erstaunlich. Denn die Stadt steckt viel Geld in einen aufwendigen, von einer privaten Agentur moderierten «Mitwirkungsprozess», mit dem man die Quartierbevölkerung animieren will. Inklusive eines «Netto-Null-Fests» im Quartier, das kürzlich stattgefunden hat.
Trotzdem stammen von den 23 Wettbewerbsideen, die eine erste Selektion überstanden haben, nicht weniger als 16 von Auswärtigen. Es dominieren aktivistische NGO mit politischem Einschlag, angelockt von der Aussicht auf städtische Gelder: Die besten Projekte werden am Ende von der Stadt mit total rund einer Million Franken gefördert.
Die einen wollen Reiseberatungen anbieten und Nachtzug-Gutscheine abgeben. Die anderen Balkon-Solaranlagen bauen. Ebenfalls beworben hat sich die Zürcher Hochschule ZHAW, die im Quartier Werbeeinschränkungen testen will, weil Werbung klimaschädlichen Konsum ankurble.
Viele der auswärtigen NGO haben eine klare politische Agenda. Besonders offensichtlich ist dies beim Verein Umverkehr, der schweizweit tätig ist. In Wiedikon schlägt der Geschäftsleiter Silas Hobi nun vor, was er stets fordert: öffentliche Strassenparkplätze weitgehend entfernen und dafür Hochbeete, Tischtennistische und Fitnessgeräte hinstellen.
Quartiervertreter ärgern sich über den Einfluss von aussen. Urs Rauber hat seinem Ärger kürzlich in einem Beitrag auf der Homepage des Quartiervereins Luft gemacht. Rauber ist ehemaliger Präsident des Quartiervereins Wiedikon und Mitglied der Pilotquartier-Jury. Er schreibt: «Sollen ‹Auswärtige› über Projekte bestimmen, die in Wiedikon realisiert werden und von denen sie gar nicht betroffen sind? Das kann es wohl nicht sein.»
Rauber stört sich besonders am öffentlichen Voting, das darüber entschieden hat, welche Projekte im Rennen bleiben. Dass NGO hier im Vorteil sind, liegt auf der Hand: Sie können ihre Mitglieder mit Massen-E-Mails und dergleichen aktivieren.
Rauber kritisiert, dass die Stadt kein Augenmerk darauf gelegt habe, wer beim Voting mitmachen dürfe: «Ob man aus Wiedikon ist, städtischer Angestellter, bezahlter Netto-Null-Projektmitarbeiter oder einfach Fake-Profile eröffnet: Anything goes.»
Tatsächlich hat die Stadt darauf verzichtet, das Voting in irgendeiner Form zu begrenzen, wie das Umweltdepartement von Stadtrat Andreas Hauri (GLP) auf Anfrage der NZZ bestätigt. Nicht einmal die Identität der Abstimmenden wurde verifiziert. «Für die zweite Abstimmungsrunde werden die Anforderungen erhöht», schreibt die Stadt. Bei dieser zweiten Runde im Herbst wird das endgültige Verdikt gefällt.
Die Stadt widerspricht zudem der Zahl von nur 7 Wiediker Projekten. Vielmehr hätten zwei Drittel der 23 Ideen «einen konkreten Quartierbezug». Diesen Begriff legt die Stadt grosszügig aus: Für einen «Quartierbezug» reicht es, wenn eine Organisation eine Schule anschreibt.
Doch weshalb fühlen sich national aktive NGO und Hochschulen überhaupt berufen, an einem Mitwirkungsprozess teilzunehmen, der sich an die lokale Bevölkerung richtet? Der Umverkehr-Geschäftsleiter Hobi sagt, wenn man Netto-Null erreichen wolle, sei Mobilität ein entscheidender Hebel. Die städtischen Stimmberechtigten hätten diesen Kurs mehrmals bestätigt. Da sei es legitim, dass er sich einbringe.
Hobi betont aber, dass er darauf verzichtet habe, das Netzwerk von Umverkehr zu nutzen, um im öffentlichen Voting Stimmen zu holen, dies «im Gegensatz zu anderen Privatpersonen und Organisationen», die er beobachtet habe.
Bei aller berechtigten Kritik am Einfluss von aussen kann man es freilich auch anders sehen: Ohne die fremden NGO wäre die Auswahl der Ideen nochmals dürftiger. Denn bei vielen der 23 Projekte, ob lokal oder nicht, ist kaum ein direkter Klimaeffekt erkennbar.
Das gilt etwa für das partizipative Chorprojekt Klangschmiede, das «Zukunftsvisionen und Ängste der Bevölkerung sammelt und in ein musikalisches Werk giesst». Die Stand-up-Comedy-Akademie, bei der Bewohner eigene Comedy-Acts zu Mobilitäts- und Klimathemen entwickeln sollen. Oder die vorgeschlagene «Quartierwährung», die sich «gegen die mangelnde Vielfalt des Zentralbankensystems» richtet.
Andere Projekte kann man unter dem Titel «Gibt es bereits» zusammenfassen – wie die lokale Altkleidersammlung oder die Verleihinfrastruktur für Alltagsgegenstände. Und dann gibt es auch Ideen, die den Ideengebern direkt zugutekommen würden. So schlägt ein Schreinerbetrieb Gutscheine für die Reparatur von Möbeln vor – für Arbeiten, die er selbst ausführen möchte.
Angesichts des offensichtlich verhaltenen Interesses im Quartier keimt leicht der Verdacht auf, dass es womöglich gar nicht so viele zusätzliche Möglichkeiten gibt, lokal CO2 einzusparen. Schliesslich können Wiedikerinnen und Wiediker heute schon ihren Müll trennen, im Brockenhaus einkaufen oder weniger mit dem Flugzeug verreisen.
Es gibt aber einige wenige Ideen, die wirklich lokal entstanden sind. So wollen Anwohner der Rotachstrasse, einer Quartierstrasse unweit der Kanti Wiedikon, ein Stück Strasse zwischen ihren Häusern aufpickeln und in eine Grünanlage verwandeln. Das soll das Quartier an Hitzetagen kühlen. Es geht um eine Strecke von vierzig Metern.
Nur: Eine Strasse umzugestalten, ist in der Stadt Zürich Sache der Profis vom Tiefbauamt. Die Ideengeber müssen ihre Idee aber selbst umsetzen – so seien die «Spielregeln», schreibt die Stadt. Die Idee ist deshalb so gut wie gestorben.
Die Stadt legt den Bewohnern stattdessen nahe, mit «temporären Formaten wie Strassenfesten erste Erfahrungen im öffentlichen Raum zu sammeln».
Die 23 Vorschläge werden nun an die Jury weitergereicht. Oder in den euphorischen Worten der Stadt: «Sie ziehen in die Projektschmieden ein!» Heisst: Die Jury, bestehend aus Stadtmitarbeitern und Freiwilligen, wird sich in den nächsten Monaten in langen Workshops daran abarbeiten. Mit dem Ziel, dass aus den Vorschlägen taugliche, umsetzbare Ideen entstehen.
Einfach dürfte diese Aufgabe nicht werden. Immerhin hat die Jury ausreichend Zeit: Das Projekt läuft noch weitere fünf Jahre.
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