Der S&P 500 steht nahe seinem Rekord. Doch immer weniger Aktien tragen den Markt. Deutsche Anleger sollten aufhorchen – selbst mit breit gestreuten Welt-ETFs.
Der S&P 500 steht auf Rekordhoch. Doch viele Aktien hinken weit hinterher. KI-Schwergewichte verzerren das Bild – und das betrifft auch deutsche Anleger mit Welt-ETFs.
An der Wall Street liegen Rekord und Schwäche derzeit ungewöhnlich dicht beieinander. Der S&P 500 schloss am Dienstag auf einem neuen Rekordhoch. Gleichzeitig lag die Hälfte der Aktien im S&P 500 zuletzt mindestens rund 17 Prozent unter ihrem jeweiligen 252-Tage-Hoch. Der Leitindex vermittelt damit ein wesentlich freundlicheres Bild als die durchschnittliche US-Aktie.
Der Grund dafür liegt vor allem im enormen Einfluss einiger weniger Großkonzerne. Vor allem Technologie- und KI-Schwergewichte ziehen den kapitalisierungsgewichteten S&P 500 nach oben, während große Teile des Marktes deutlich hinterherhinken.
Was zunächst wie ein amerikanisches Börsenproblem wirkt, reicht weit darüber hinaus: Die USA stellen laut der Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA), dem Verband der US-Wertpapier- und Finanzmarktbranche, rund 44 Prozent der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung. Und auch in Depots deutscher ETF-Sparer dominieren US-Titel. Beim iShares MSCI World ETF etwa lag ihr Anteil Ende September bei rund 73 Prozent.
Der Grund für die ungewöhnliche Lage liegt zunächst in der Konstruktion des S&P 500. Im klassischen Index bekommen Unternehmen mit besonders hohem Börsenwert automatisch ein größeres Gewicht. Steigen einige wenige Giganten kräftig, können sie Schwäche bei Hunderten anderen Aktien überdecken.
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Wie groß dieser Effekt inzwischen ist, zeigt der Vergleich mit dem S&P 500 Equal Weight Index. Dort erhält jedes Unternehmen ungefähr dasselbe Gewicht von 0,2 Prozent. Dadurch lässt sich besser erkennen, wie sich die durchschnittliche Aktie im Index entwickelt, wie der Indexanbieter S&P Dow Jones Indices erläutert.
Inzwischen entfernen sich beide Varianten ungewöhnlich stark voneinander. Die gleitende Dreimonatskorrelation zwischen dem nach Börsenwert gewichteten S&P 500 und seinem gleichgewichteten Pendant bewegte sich zuletzt wieder in Richtung eines langjährigen Tiefstands. Anders gesagt: Der S&P 500 entwickelt sich zunehmend anders als seine eigene durchschnittliche Aktie.
Für Anleger sind das wichtige Signale. Ein steigender Leitindex bedeutet derzeit nicht automatisch, dass der gesamte Aktienmarkt gesund nach oben läuft.
Die ungewöhnliche Konzentration hat inzwischen eine neue Dimension erreicht. Julian Emanuel, Chefstratege für Aktien und quantitative Analysen bei Evercore ISI, beschreibt die Entwicklung gegenüber „MarketWatch“ als zunehmende Spaltung in „KI“ und „Nicht-KI“.
Besonders sichtbar wird das bei den „Magnificent Seven“: Microsoft, Apple, Nvidia, Alphabet, Meta, Amazon und Tesla kamen zuletzt gemeinsam auf eine Marktkapitalisierung von knapp 25 Billionen Dollar – laut Dow Jones Market Data ein neuer Rekord. Einige wenige Unternehmen haben damit einen immer größeren Einfluss darauf, wie der gesamte S&P 500 aussieht.
Auch andere Indikatoren zeigen die ungewöhnliche Lage. Die Zahl der Aktien, die sich gegenläufig zum S&P 500 entwickeln und damit ein negatives Beta aufweisen, ist nach Berechnungen von Evercore ISI zuletzt auf einen Rekordwert gestiegen. Der Markt bewegt sich also immer weniger geschlossen in dieselbe Richtung.
Allerdings hat sich die Marktbreite zuletzt zumindest kurzfristig verbessert. Am Montag schlossen zehn der elf Sektoren des S&P 500 bereits den zweiten Handelstag in Folge im Plus. Eine solche Serie hatte es zuletzt im April 2025 gegeben. Auch am Dienstag war die Rally breiter angelegt, als S&P 500 und Nasdaq neue Rekordstände erreichten.
Die Konzentration ist damit nicht verschwunden. Sie verschärft sich aber derzeit auch nicht an jedem Handelstag weiter.
Besonders problematisch ist das für kleinere Unternehmen, die häufig stärker auf Fremdfinanzierung angewiesen sind. Große Technologiekonzerne mit hohen Cashflows können steigende Finanzierungskosten dagegen leichter verkraften.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Die Euphorie um künstliche Intelligenz lenkt besonders viel Kapital in jene Konzerne, die ohnehin das größte Gewicht in den Indizes besitzen. Hohe Zinsen belasten damit einen Teil des Marktes, während der KI-Boom einen anderen Teil zusätzlich antreibt.
Damit stehen Anleger inzwischen vor drei denkbaren Entwicklungen:
Gerade der zweite Fall ist wichtig. Eine schmale Rally ist ein Warnsignal, aber historisch kein zuverlässiger Indikator dafür, dass ein Einbruch unmittelbar bevorsteht.
Das zeigt der Dotcom-Boom. Die sogenannte Advance-Decline-Linie der New Yorker Börse, die steigende und fallende Aktien gegenüberstellt, erreichte bereits 1998 ihren Höhepunkt. Trotzdem stiegen S&P 500 und Nasdaq noch rund zwei Jahre weiter, weil die Technologierally anhielt.
Auch die aktuellen Experteneinschätzungen fallen deshalb weniger eindeutig aus als noch vor wenigen Wochen.
Brian Garrett, Derivatestratege bei Goldman Sachs, sieht in der zunehmenden Entkopplung des S&P 500 vom übrigen Markt ein Risiko, das Anleger beobachten sollten. Interne Daten hätten zudem gezeigt, dass Hedgefonds ihre Netto-Positionierung reduziert hätten.
Ari Wald, Leiter der technischen Analyse bei Oppenheimer & Co., bezeichnet die Entwicklung als Anzeichen für ein „Spätzyklus“-Verhalten. Sinkende Korrelationen und sich ausweitende Kreditaufschläge passten zu einer fortgeschrittenen Phase des Börsenzyklus. Einen unmittelbaren Grund zur Panik sieht Wald darin allerdings nicht. Solange der KI-Handel funktioniere, könne er S&P 500 und Nasdaq weiter tragen.
Noch weiter geht Evercore-Stratege Julian Emanuel. Er sieht in der ungewöhnlichen Spaltung des Marktes auch einen möglichen Stabilisator. Aktien mit negativem Beta können sich besser entwickeln, wenn die bisherigen KI-Gewinner fallen. Kapital könnte dann in bislang vernachlässigte Marktsegmente fließen und Verluste der großen Indizes teilweise abfedern.
Für deutsche Anleger ist deshalb weniger die Frage entscheidend, ob die schwache Marktbreite einen unmittelbar bevorstehenden Crash ankündigt. Dafür gibt es derzeit keine verlässliche Grundlage. Entscheidend ist vielmehr, wie konzentriert das eigene Portfolio tatsächlich ist.
Wer einen Welt-ETF besitzt, investiert zwar über viele Länder und Unternehmen hinweg. Wegen des hohen Gewichts amerikanischer Aktien hängt die Entwicklung solcher Portfolios jedoch weiterhin stark vom US-Markt ab. Und innerhalb dieses Marktes wiederum haben wenige Mega-Konzerne einen ungewöhnlich großen Einfluss.
Die Rekordstände des S&P 500 sind deshalb weder ein Entwarnungssignal noch automatisch ein Vorbote eines Crashs. Sie zeigen vor allem, wie stark sich die Gewinner und Verlierer am US-Aktienmarkt derzeit auseinanderentwickeln. Für ETF-Anleger ist das ein Grund, das Konzentrationsrisiko ihres Portfolios zu kennen – aber für sich genommen noch kein Grund, einen breit gestreuten Welt-ETF infrage zu stellen.
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