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Bitten ist keine Schwäche: Steve Jobs bewies es mit zwölf

Дата публикации: 15-10-2026 07:48:00

Das innere Gericht verurteilt Bitten, bevor sie ausgesprochen sind. Steve Jobs’ Anruf bei HP zeigt, was Führungskräfte dadurch verlieren.

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Das innere Gericht verurteilt Bitten, bevor sie ausgesprochen sind. Steve Jobs’ Anruf bei HP zeigt, was Führungskräfte dadurch verlieren.

Palo Alto, Ende der Sechzigerjahre. Ein Zwölfjähriger schlägt das Telefonbuch auf, sucht den Namen Hewlett und wählt. Am anderen Ende: William Hewlett, Mitgründer von Hewlett-Packard, damals bereits eines der wichtigsten Technologieunternehmen des Landes.

Hewlett hebt ab. „Yes?“ Der Junge sagt: „Hallo, ich bin Steve Jobs. Ich bin zwölf Jahre alt. Ich gehe zur Highschool und möchte einen Frequenzzähler bauen. Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht irgendwelche Bauteile haben, die Sie mir geben könnten.“

Hewlett lacht. Dann gibt er ihm die Teile. Und einen Ferienjob am Fließband, in der Abteilung, die genau diese Frequenzzähler zusammenschraubt.

Michael Ehlers ist Rhetoriktrainer und coacht Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Medien. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Jobs hat die Geschichte 1994 in einem Interview für die Silicon Valley Historical Association erzählt, und der Satz, mit dem er sie beendet, ist der Grund, warum sie bis heute zitiert wird: „Die meisten Menschen greifen nie zum Telefon und rufen an, die meisten Menschen fragen nie. Und genau das unterscheidet manchmal diejenigen, die Dinge tatsächlich tun, von denjenigen, die nur davon träumen.“

Rhetorisch betrachtet ist dieser Anruf ein Sprechakt in drei Sätzen. Der Junge stellt sich vor, mit Namen und Alter. Er sagt, was er vorhat. Dann kommt die Bitte, im dritten Satz, ohne Entschuldigung, ohne den Vorlauf, mit dem Erwachsene ihre Anliegen so lange polstern, bis der Gefragte gar nicht mehr weiß, was eigentlich von ihm gewollt wird, und beim Auflegen höflich nickt, statt zu geben. Ein Zwölfjähriger kann das, weil er noch keinen Ruf zu verlieren glaubt.

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Sie haben eine Frage und stellen sie nicht

Jetzt in Ihr Büro. Sie sitzen in einer Besprechung, Sie haben eine Frage, und Sie stellen sie nicht. Weil Sie sie eigentlich selbst beantworten können müssten. Weil der Kollege neben Ihnen es offensichtlich weiß. Und Sie leiten seit vier Jahren die Abteilung; da könnte jemand mitzählen.

Also nicken Sie, notieren etwas und suchen nach der Sitzung allein weiter. Ich kenne Führungskräfte, die auf diese Weise Monate verbrannt haben. Vor den zehn Sekunden stehen manche ihr halbes Berufsleben.

Der österreichische Psychoanalytiker Markus Hummel, Psychotherapeut am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt, hat für diese Instanz kürzlich in der „Frankfurter Rundschau“ einen Namen gefunden, der mir gefällt, weil er die Szene in einen Gerichtssaal verlegt: das innere Gericht.

„Man fürchtet, unangenehm aufzufallen, und schämt sich“

„Dieses innere Gericht verhindert manchmal, dass wir um Unterstützung bitten. Stattdessen macht man sich plötzlich Sorgen, ob eine Bitte angebracht ist. Man fürchtet, unangenehm aufzufallen, und schämt sich.“

Verhandelt wird jede Bitte, bevor sie ausgesprochen ist. Der Ankläger ist streng, der Verteidiger kommt kaum zu Wort. Das Urteil lautet in aller Regel: lieber nicht.

Manche halten den Gerichtssaal nicht aus und suchen einen Posten, in dem sie ihn nie mehr betreten müssen. Hummel beschreibt genau diesen Typ: Viele Machtmenschen strebten Spitzenpositionen gerade deshalb an, weil sie nie wieder um Hilfe bitten wollen. Oben angekommen, fordern sie sie ein.

Wer bittet, gibt für zehn Sekunden die Szene aus der Hand

Es gibt also zwei Wege nach oben, und beide führen ins Eckbüro. In einem sitzt jemand, der Schweigen im Raum für Zustimmung hält und seit Jahren niemanden mehr getroffen hat, der ihm widersprochen hätte.

Der Unterschied liegt in der Regie. Wer bittet, gibt für zehn Sekunden die Szene aus der Hand. Der andere darf antworten oder ablehnen. Oder lachen, wie Hewlett. Der Fordernde behält die Regie und bekommt dafür Ausführung, keine Antwort. Er erfährt nichts, was er nicht schon angeordnet hat.

Hummel sagt: „Wir lernen fast ausschließlich von anderen.“ Im Training sehe ich das Ergebnis. Der Fordernde kommt oben an und hat unterwegs mit niemandem gesprochen, der ihm etwas beibringen durfte. Macht und Status lassen sich erzwingen. Für Entwicklung braucht es jemanden, der antwortet.

Wer unzufrieden ist, muss es der richtigen Person sagen

Vor einiger Zeit saß eine Unternehmerin in meinem Seminar, fünf Standorte; im Vorgespräch hatte sie gesagt, sie fühle sich permanent gehetzt und mit allem allein. Am zweiten Tag war sie unzufrieden mit dem Verlauf. Sie sagte es mir nicht. Sie suchte in der Gruppe nach Verbündeten. Unter Stress ist das ein normales Muster, mein Kollege Frederik Hümmeke nennt es in „Handling SHIT“ Flock, den Anschluss an die Herde, die vierte Reaktion in einem Modell, das die meisten nur bis Kampf und Flucht kennen.

Die Herde wollte aber nicht. Die anderen arbeiteten an ihren Themen und waren zufrieden. Spätestens jetzt hätte der kürzeste Weg zu mir geführt, dem einen Menschen im Raum, der den Verlauf sofort hätte ändern können. Sie ging in der Pause zu ihrem mitgereisten Partner, der gar nicht teilnahm, und fand dort endlich jemanden, der zustimmte.

Ich habe daraufhin, an die ganze Gruppe gerichtet, das Thema unmittelbares Feedback gesetzt, mit Übungen. Sie machte mit. Sie sagte nichts. Dann bat ich sie zum Vieraugengespräch. Auch dort kam die Rückmeldung nicht über ihre Lippen, bis ich sie selbst auf den Tisch legte und ihr sagte, dass andere Teilnehmer mir von ihrer Unzufriedenheit berichtet hatten. Sie war erschrocken. Meine Frage danach, wir waren beim Du: Was hindert dich daran, mich zu bitten, stärker auf dein persönliches Seminarziel einzugehen? Das Ziel hatte ich vorher abgefragt. Sie hatte es auch da nicht genannt.

Eine ausgesprochene Bitte macht den Gefragten zum Gebenden

Bleibt Hewlett. Er hätte auflegen können; seine Nummer hätte gar nicht im Telefonbuch stehen müssen. Er hebt ab und lacht. Dann gibt er. Jobs hat später gesagt, er habe in seinem Leben niemanden gefunden, der ihm nicht helfen wollte, wenn er darum gebeten habe, und wenn ihn jemand bitte, versuche er, diese Schuld zurückzuzahlen. Silicon-Valley-Folklore, gewiss. Trotzdem beschreibt der Satz ziemlich genau, was eine ausgesprochene Bitte beim GefraTextgten auslöst: Sie macht ihn zum Gebenden, und Gebende haben es in der Regel eilig, großzügig zu sein. Die Schwäche, die der Bittende fürchtet, sieht außer ihm kaum jemand. Hewlett sah einen Zwölfjährigen mit einem Plan.

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