16,6 Billionen Dollar müssen die USA und ihre Unternehmen 2027 finanzieren. Steigende Schulden und der KI-Boom könnten die Zinsen treiben.
Die USA und ihre Unternehmen müssen 2027 insgesamt 16,6 Billionen Dollar aufnehmen oder refinanzieren. Der gewaltige Kapitalbedarf könnte die Zinsen nach oben treiben – mit Folgen für die Börsen und den KI-Boom.
Was kann da schon schiefgehen? im kommenden Jahr müssen der amerikanische Staat und die US-Unternehmen insgesamt 16,6 Billionen US-Dollar aufnehmen oder refinanzieren, wie aus Berechnungen der Hedgefonds-Legende Ray Dalio hervorgeht. Allein auf den Staat entfallen 13,2 Billionen US-Dollar, weitere 3,4 Billionen US-Dollar auf die Unternehmen, die vor allem den KI-Boom finanzieren sollen. Doch wer soll diese gewaltigen Summen finanzieren? Und welche Renditen müssen Staat und Konzerne bieten, um ausreichend Käufer für ihre Schulden zu finden?
Es könnte zu einem gefährlichen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage am Anleihemarkt kommen und die Folgen würden potenziell weit über die USA hinausreichen: steigende Zinsen, teurere Kredite und möglicherweise erhebliche Kursverluste an den Aktienbörsen.
Auslöser ist der in jüngster Zeit immens gestiegene Kapitalbedarf der US-Regierung durch den teuren Krieg gegen den Iran, die riesigen Steuergeschenke vor allem für den vermögenden Teil der Bevölkerung und die explodierenden Refinanzierungskosten durch die gestiegenen Renditen. Musste das US-Finanzministerium 2025 noch Staatsanleihen und andere Schuldtitel im Volumen von 11,2 Billionen US-Dollar ausgeben, dürften es 2026 bereits 12,1 Billionen sein. Für 2027 prognostiziert Dalio 13,2 Billionen und für 2028 sogar 14,7 Billionen US-Dollar.
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Aber je mehr Schulden der Staat aufnimmt, umso höher fallen seine Zinsausgaben aus. Zum Ende des Fiskaljahres September 2026 summierte sich der Bestand marktfähiger US-Staatsschulden auf rund 32 Billionen Dollar. Steigt deren durchschnittlicher Zinssatz langfristig um einen Prozentpunkt, würde das die jährlichen Zinskosten letztlich um mehr als 300 Milliarden US-Dollar erhöhen.
Ausgerechnet jetzt entwickelt sich am Unternehmensanleihemarkt ein weiterer gewaltiger Kapitalbedarf. Denn Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und zahlreiche KI-Infrastrukturunternehmen stecken Hunderte Milliarden US-Dollar in Rechenzentren, Chips und Stromversorgung. Insgesamt dürften amerikanische Unternehmen 2027 rund 3,4 Billionen US-Dollar aufnehmen oder refinanzieren. Davon entfallen 1,4 Billionen US-Dollar auf zusätzliche Verschuldung und zwei Billionen auf die Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten, geht aus Zahlen von Dalio, Bloomberg und dem US-Wertpapierverbands SIFMA hervor.
Die Frage ist, ob Investoren sowohl die wachsenden Staatsschulden als auch die Rekordemissionen der Unternehmen überhaupt aufnehmen können und wollen. Und wenn ja, zu welchem Preis. Bei einem so großen Angebot miteinander konkurrierender Staats- und Unternehmensanleihen ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Renditen und damit die Finanzierungskosten neuer Schulden steigen.
Tatsächlich sind die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen zuletzt zeitweise auf mehr als fünf Prozent gestiegen. Verantwortlich sind dabei nicht allein die Schuldenberge. Auch Inflation, hohe Energiepreise und die Zinspolitik der Federal Reserve beeinflussen die Entwicklung. Im KI-Sektor werden Investoren gleichzeitig bereits vorsichtiger. Besonders stark fremdfinanzierte Infrastrukturunternehmen stehen unter Druck. Wenn die Kosten neuer Anleihen steigen, müssen die milliardenschweren KI-Investitionen künftig noch höhere Renditen erwirtschaften, um sich zu rechnen.
Andererseits locken die gestiegenen Anleiherenditen auch neue Käufer an. Nach Angaben der Financial Times flossen allein im dritten Quartal 59,3 Milliarden US-Dollar in US-Staatsanleihefonds. Zudem gelten amerikanische Staatsanleihen bei Börsenturbulenzen weiterhin als sicherer Hafen. Von einem Zusammenbruch der Nachfrage kann deshalb bislang keine Rede sein.
Sollten die Renditen dauerhaft weiter steigen, könnte das besonders zinsempfindliche Branchen treffen und Aktienbewertungen unter Druck setzen. Gleichzeitig könnten KI-Konzerne ihre Investitionsprogramme kürzen, wenn Finanzierungskosten steigen und erwartete Gewinne ausbleiben.
Noch funktionieren die Anleihemärkte, und höhere Renditen ziehen neue Investoren an. Doch die Zahlen zeigen, wie stark der Finanzierungsbedarf inzwischen wächst. Ob daraus eine Krise entsteht, hängt entscheidend davon ab, wie viel Kapital Anleger künftig zu welchen Konditionen bereitstellen wollen.
Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet der KI-Boom, der die Wall Street jahrelang angetrieben hat, mit seinem gigantischen Kapitalhunger zu einer Belastung für die gesamten Finanzmärkte werden könnte.
Von Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion
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