In Frankreich entlädt sich die Wut auf die Regierung in gewaltsamen Protesten. Deutschland sollte vorsichtig sein, warnt ein Top-Ökonom.
In Frankreich entlädt sich die Wut auf die Regierung in gewaltsamen Protesten. Deutschland sollte vorsichtig sein, warnt ein Top-Ökonom.
Ausschreitungen, Plünderungen, ein Rathaus in Flammen – geschockt schaut die Welt auf die Unruhen in Frankreich. Die Bundesregierung befürchtet aber nicht, dass die teils gewaltsamen Proteste in Frankreich zu einer Welle in ganz Europa und auch in Deutschland führen werden, so ein Regierungssprecher in Berlin.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, warnt allerdings davor, in den Protesten allein ein Problem des Nachbarlandes zu sehen: „Deutschland sollte sich nicht zu sicher sein“, schreibt der Experte in einer Analyse. „Wir werden Frankreich immer ähnlicher, auch wenn das viele Politiker hierzulande nicht wahrhaben wollen.“
Der Experte stützt sein Urteil auf drei Beobachtungen. Die erste ist die steigende Gesamtverschuldung in Deutschland. Jahrelang wurde das durch die Schuldenbremse verhindert, weswegen Deutschland finanziell deutlich besser dasteht als Frankreich. Die Quote liegt hierzulande bei rund 66 Prozent des BIP, wohingegen sie im Nachbarland fast doppelt so hoch ist.
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Deutschland kann sich auch deswegen deutlich günstiger als Frankreich verschulden. Zehnjährige deutsche Staatsanleihen rentieren bei knapp 3,43 Prozent, beim französischen Pendant liegt die Rendite bei 4,96 Prozent. Das heißt, Frankreich muss einen immer größeren Anteil seiner Einnahmen aufwenden, um die Zinskosten zu bezahlen. Das wiederum verschärft die Finanzsituation weiter. Der Regierung bleibt immer weniger Geld für Investitionen. Die Demonstrationen hatten sich an Forderungen nach mehr Investitionen in Schulen entzündet.
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Aber die schwarz-rote Bundesregierung hat die Schuldenbremse inzwischen faktisch ausgehebelt. Krämer warnt: „Das deutsche Haushaltsdefizit droht in diesem Jahr auf vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigen. Es liegt damit nicht mehr weit unter der französischen Defizitquote von gut fünf Prozent.“
Als weitere Gefahr neben der steigenden Verschuldung sieht der Experte die Tendenz, Geld auf Krisen zu werfen. „In Deutschland setzt sich die Haltung durch, Krisen wie die Pandemie oder Energiepreisschübe mit massiv höheren Staatsausgaben zu begegnen“, schreibt Krämer in seiner Analyse. So habe die Bundesregierung anders als bei den Ölpreisschocks der 70er-Jahre zuletzt zweimal einen Tankrabatt beschlossen, obwohl dieser auch viele Wohlhabende begünstigt und Anreize zum Energiesparen senkt.
Sein dritter Punkt sind die schwindenden politischen Mehrheiten. Die französische Nationalversammlung ist in drei Lager zerstritten und kann sich nicht zu den wichtigen Reformen durchringen. Dabei wäre eine Haushaltskonsolidierung oder eine Rentenreform dringend notwendig, um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.
Premierminister Sébastien Lecornu versucht derzeit, den Haushalt für 2027 im Parlament zu verabschieden. Für die angestrebten Ausgabenkürzungen in Höhe von 43 Milliarden Euro fehlt ihm bislang aber die Mehrheit. Und auch diese Einsparungen würden das Staatsdefizit Frankreichs nur auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung senken - deutlich mehr als die für EU-Mitglieder geltende Obergrenze von drei Prozent.
In Deutschland verfüge die Koalition aus Union und Sozialdemokraten zwar noch über eine knappe Mehrheit, so Krämer. „Aber wirtschaftspolitisch ist sie zerstritten. Entsprechend schafft die Bundesregierung bei dringend notwendigen Reformen keinen Durchbruch.“
Krämer mahnt, es nicht so weit wie in Frankreich kommen zu lassen. Es sei dafür wichtig, Staatsausgaben zu priorisieren und zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums die geschundene Standortqualität zu verbessern.
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