Mitternacht, ein zerfallenes Haus und ein unheimliches Gefolge. In Niederwürzbach erzählte man sich von Toten, die in der Teufelsburg blieben. Was steckt hinter der Sage?
Serie | Niederwürzbach · Mitternacht, ein zerfallenes Haus und ein unheimliches Gefolge. In Niederwürzbach erzählte man sich von Toten, die in der Teufelsburg blieben. Was steckt hinter der Sage?
01.10.2026 , 16:54 Uhr
Die Bauten der gräflich-leyischen Familie am Niederwürzbacher Weiher in einer Ansicht von 1837/38. Über dem Annahof (rechts) und dem „Maison Rouge“ sind auf einer Anhöhe die Ruinen von Schloss Philippsburg zu sehen. Die Teufelsburg soll sich hinter dem umfangreichen Gebäudekomplexes der Niederwürzbacher Schlösser verbergen.
Foto: Martin BausIn Niederwürzbach stand ein zerfallenes Haus, das die „Teufelsburg“ genannt wurde. Dort rief der Teufel nachts die Geister der Toten zu sich. Die Guten, für die der Himmel bestimmt war, musste er wieder gehen lassen. Die Bösen, die dem Teufel schon gehörten, mussten sich als Gespenster mit ihm in der Teufelsburg zeigen. Leute aus Niederwürzbach gingen immer wieder um Mitternacht zur Teufelsburg, um einen Blick auf die Toten zu erhaschen. Dabei sahen sie auch die ständigen Bewohner, die sich wegen ihres mangelnden Glaubens und ihres verkommenen Lebenswandels der Gegenwart des Teufels nicht mehr entziehen konnten. Einmal schlich sich ein Mann zur Teufelsburg, dessen Frau gerade verstorben war. Er hatte sie stets im Verdacht gehabt, eine Hexe zu sein. Nun wollte er sich Gewissheit verschaffen. Um Mitternacht erschien der Teufel mit seinem Gefolge aus Gespenstern. Darunter war auch die verstorbene Frau. Entsetzt lief der Mann davon.
Hinter der Teufelsburg mag sich ein Teil des umfangreichen Gebäudekomplexes der Niederwürzbacher Schlösser verbergen. Vielleicht ist nur der Name des Küchengebäudes des in der Französischen Revolution zerstörten Schlosses Philippsburg falsch verstanden worden: Es war als die „Eulenburg“ bekannt.
Hier wurde offenbar eine ältere Spukhausgeschichte um ein neues Motiv ergänzt, das Erscheinen des Teufels. Dieses Teufelsmotiv wurde nun ausgebaut: Die Geister besonders böser Menschen, die dem Teufel in ihrem Leben nahegekommen waren, mussten in seiner Gegenwart in der Teufelsburg verbleiben. Diese wurde damit in sehr direkter Weise eine Hölle auf Erden. Unter diesen schlechten Menschen befand sich nun auch die verstorbene Frau des Mannes, der sich in die Teufelsburg geschlichen hatte. Sie hatte sich aber nicht nur im übertragenen, sondern sogar im eigentlichen Sinn dem Teufel angeschlossen. Sie war eine Hexe. Im 15. bis 18. Jahrhundert war die ganze Gesellschaft fest davon überzeugt, dass es Hexen gab. Eine Hexe hatte einen Pakt mit dem Teufel. Hexen waren aber keine Einzeltäter: Sie bildeten immer eine Gruppe. Als Gruppe kamen sie bei geheimen Treffen zusammen. Auch der Teufel sollte bei diesen Treffen sein.
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In der grotesken Sage aus Niederwürzbach ging aber auch eine tote Hexe buchstäblich zum Teufel. Gab es diese Vorstellung auch zur Zeit der Hexenprozesse? Grundsätzlich sollte der Hexenprozess die Seele der Hexen retten. Der Beklagten sollte klar werden, dass sie Unrecht getan hatte, und bereuen. Gott vergab reuigen Sündern. Das Gericht bestrafte den Körper des geständigen Verbrechers mit dem Tod, doch die Seele konnte durch die Reue für den Himmel gerettet werden. Verurteilte, die aber ohne Reue zur Hinrichtung gingen, sollten als verstockte Sünder zur Hölle fahren. Das galt prinzipiell für alle Kriminalverfahren, nicht nur für Hexenprozesse.
Im Umfeld konkreter Hexenprozesse gab es die Vorstellung vom Hexengespenst. Es hieß schon im Spätmittelalter, dass Hexen, die einer Hinrichtung entgangen waren, im Grab nicht verwesten. Sie wurden zu Nachzehrern. Nachzehrer waren Untote, die ihre Gräber nicht verließen, sondern im Sarg nach und nach ihrer eigenen Gliedmaßen fraßen. So lange sie fraßen, starben ihre Familienangehörigen und Nachbarn. Die untoten Hexen mussten exhumiert und verbrannt werden. Der Nachzehrerglauben war eine magische Deutung von Seuchen. Angeblich konnten sich auch hingerichtete Hexen als Spuk zeigen. 1555 hieß es in Derenburg im Harz, zwei Hexen hätten nach ihrer Hinrichtung als Gespenster noch einen Mord begangen. Während der schweren Hexenverfolgungen von Ellwangen 1611-1618 wurde in den Geständnissen vermeintlicher Hexen der Teufelspalast erwähnt. Im Teufelspalast trafen sich die bereits hingerichteten und die lebenden Hexen mit dem Teufel. Der Teufelspalast war quasi ein Himmel für Hexen.
Sind diese seltsamen Auswüchse des Hexenglaubens aus dem 16. und 17. Jahrhundert in die Sagenüberlieferung des Saarlandes eingedrungen? Sehr wahrscheinlich nicht. Aber die Niederwürzbacher Sage und die Dokumente aus der Zeit der Hexenprozesse dachten über dasselbe Problem nach: Würde der Teufel Menschen, die so böse sein wollten wie er, in der Hölle wirklich bestrafen? Oder eher belohnen? Die in der Niederwürzbacher Sage ausgedrückte Vorstellung, dass der Teufel seine Dienerinnen im Jenseits belohnen würde, war theologisch naiv. Wenn man an den Teufel als das zur Person gewordene Böse glaubt, muss man auch akzeptieren, dass er positive Dinge wie Treue und Belohnung nicht kennt. Aber allein die Vorstellung, dass sogar der Teufel seine Anhänger belohnen könnte, zeigt, wie sehr man sich auf die Güte und Gnade Gottes für seine Gläubigen verließ. (lck)