Schach ist wieder richtig angesagt - vor allem im Netz. Doch in Stuttgart kommen junge Spieler gerade leibhaftig für das Spiel zusammen. Was steckt hinter dem Hype?
In Stuttgart treffen sich junge Menschen seit kurzem wieder, um ein altes Spiel zu spielen: Schach! Und zwar richtig analog, am Brett, dem Gegner gegenüber. Sie wurden allerdings über das Digitale zu ihrem Glück gezwungen. Eine in Deutschland relativ neue App bringt Schach-Fans im echten Leben zusammen.
Schach erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Etwa die US-Miniserie "Das Damengambit" (2020) hat dazu beigetragen. Im SWR MixTalk ging es im Juni darum, ob Schach nicht totzukriegen sei.
Auf Twitch schauen hunderttausende Fans live dabei zu, wie Schach gespielt wird.
App ChessBar bringt Menschen im Analogen zusammenMontagabend, kurz vor 19 Uhr in Stuttgart-West. Viele junge Menschen strömen in die mexikanisch angehauchte Bar La Embajada (zu deutsch: die Botschaft). Einer von ihnen ist Michael, 22 Jahre alt und Informatikstudent. Er hat kürzlich die App "ChessBar" entdeckt. Die zeigt an, wo man in der Nähe gegen echte Menschen Schach am Brett spielen kann. Die App kommt aus Frankreich und ist dort schon etabliert. In Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Events.
Als Michael zum ersten Mal ins La Embajada kam, waren bereits 20 Leute da, erzählt er. Er habe sich direkt mit vielen angefreundet. Inzwischen werde der Kreis immer größer. Für ihn ist der Termin ein echtes Highlight: "Ich komme jeden Montag hierher!"

Er selbst hat die Liebe zum Schach beinah in die Wiege gelegt bekommen. Sein Vater spielte und besaß Schachbücher. Jetzt kriegt Michael die Figuren nicht aus dem Kopf. Neu für ihn ist es aber, nicht mehr am Handy, sondern am Brett gegen echte Menschen zu spielen. Das hat seine Eigenheiten: "Wenn ein Spieler einen Zug mit extrem viel Selbstbewusstsein spielt", erzählt er, "denkt man, vielleicht habe ich etwas übersehen, obwohl der Gegner vielleicht nur bluffen wollte".
Auch die anderen, die in der Bar spielen, freuen sich über die regelmäßige Chance, sich zu messen. Es mache unfassbar viel Spaß, über das Brett Schach zu spielen", erzählt einer. Eine Spielerin wird fast schon philosophisch: "Beim Schach kannst du riskieren und gewinnen, es ist aber nicht so entscheidend wie im Leben. Wenn ich verliere, ist es aber ein wenig, als ob man tot ist."
Schachuhr: Kurze Bedenkzeit ermöglicht mehrere SpieleDie Partien werden mit einer vergleichsweise kurzen Bedenkzeit gespielt. Beide Spieler dürfen insgesamt zehn Minuten für all ihre Züge in der Partie brauchen, ansonsten verliert man das Spiel auf Zeit. Michael sagt, "im Schach wird man zum Perfektionist. Man möchte die besten Züge finden."
Bei der Suche nach dem perfekten Zug, verliert der ein oder andere regelmäßig auf Zeit. Daran arbeitet Michael gerade. Für ihn scheint das regelmäßige Spielen mit Freunden am Montagabend ein Startschuss gewesen zu sein. Inzwischen nimmt er auch an richtigen Turnieren, wie etwa der Backnanger Stadtmeisterschaft (Rems-Murr-Kreis) teil.

Dass Schach wieder in und gerade bei den jungen Menschen angesagt ist, lässt sich auch an harten Zahlen ablesen. Denn viele spielen auch wieder klassisch im Verein Schach. Der Deutsche Schachbund (DSB) hat aktuell 100.973 Mitglieder, heißt es auf SWR-Anfrage und damit erstmals die sechsstellige Marke überschritten. Der Zuwachs komme fast vollständig von den Jüngeren. 35,5 Prozent der Mitglieder sind demnach unter zwanzig Jahre alt.
Und: Baden-Württemberg ist ein echtes Schach-Land. Mit 173 Mitgliedern pro 100.000 Einwohner liegt es laut DSB auf Platz 1 im Vergleich aller Bundesländer. Dazu hat der Bezirk Stuttgart mit einem Nachwuchsanteil von 40 Prozent sogar den höchsten innerhalb von Baden-Württemberg.

Wie passend, dass bei den sogenannten Finals im kommenden Sommer in Stuttgart auch Schach mit dabei ist. Bei dem Multi-Sportevent werden dann auch die Deutsche Meisterin und der Deutsche Meister im Blitzschach ermittelt. Die Entscheidungen in Viertelfinale, Halbfinale und Finale am 1. August 2027 werden live in ARD und ZDF übertragen.
Carsten Karthaus, Präsident des Schachverbands Württemberg, sagt dazu: "Als ich vor 15 Jahren bei der Schachjugend anfing, träumte ich von Schach in ARD und ZDF. Mit den Finals wird das nun wahr." Er ist nicht der einzige Schach-Fan, der das euphorisch sieht. Mit Sicherheit werden auch Spielerinnen und Spieler aus der Montagabendrunde die Spiele mit großem Interesse verfolgen.
Stuttgart
Über 3.000 Athletinnen und Athleten werden im Jahr 2027 zu den Finals in Stuttgart erwartet. Am Donnerstag wurde die Planung für das Großevent im Stuttgarter Rathaus vorgestellt.
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