Вход на сайт

Просмотр новости

Найдите то, что Вас интересует

INTERVIEW - Yale-Philosophin L. A. Paul über ihre Mutterschaft: «Ich war in den Abgrund gestürzt – und es war total cool!»

Дата публикации: 18-10-2026 03:30:00

Die Philosophin erlebte im Stillraum eines Shoppingcenters eine Offenbarung. Krippen und Elternzeit seien nicht ausschlaggebend, dass Frauen schwanger werden wollten.

Основное содержимое страницы с новостью.

Interview

Yale-Philosophin L. A. Paul über ihre Mutterschaft: «Ich war in den Abgrund gestürzt – und es war total cool!»

Die Philosophin erlebte im Stillraum eines Shoppingcenters eine Offenbarung. Krippen und Elternzeit seien nicht ausschlaggebend, dass Frauen schwanger werden wollten.

18.10.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


«Eines der tiefgreifendsten Erlebnisse, die eine Frau im Leben haben kann»: Szene einer Geburt.

«Eines der tiefgreifendsten Erlebnisse, die eine Frau im Leben haben kann»: Szene einer Geburt.

Olivia Anne Snyder / Unsplash

Frage: Frau Paul, als Ihr erstes Kind drei Monate alt war, erlebten Sie eine philosophische Offenbarung. Was ist da genau passiert?

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Antwort: L. A. PAUL: Ich stillte meine Tochter. Dafür war ich in einen Stillraum in einem Shoppingcenter gegangen, einen ruhigen Ort. Nach der Geburt war mein Leben wie ein Film an mir vorbeigerast. Zum Nachdenken war mir keine Sekunde Zeit geblieben. In diesem ruhigen Moment jedoch merkte ich auf einmal, welche erstaunlichen Erlebnisse mir als Mutter bereits widerfahren waren. Zugleich realisierte ich, wie wenig mich mein bisheriges Ich auf all dies vorbereitet hatte. Reflexionen und Lektüren und Theorien: All das war mir um die Ohren geflogen. Was ich bisher getan und gedacht hatte, hatte mich nicht im Mindesten auf das Leben als Mutter vorbereitet. Ich war in den Abgrund gestürzt – und es war total cool! (Lacht.)

Frage: Es war der Anfang Ihrer Philosophie, die Sie bekannt werden liess: eine Philosophie transformativer Erlebnisse.

Antwort: Transformative Erlebnisse sind solche, von denen wir vorab nicht wissen können, wie sie sein werden, und die unsere Identität und unsere Werte grundlegend verändern. Eine Frau, die Mutter geworden ist, bleibt dieselbe Person, ist aber nicht mehr dasselbe Selbst, also nicht mehr dieselbe Art von Person. Es gibt viele andere Erlebnisse, die transformativ wirken können: eine intellektuelle Entdeckung etwa, oder Psychedelika. Im Negativen wirken schwere Unfälle, Krieg oder Scheidung ähnlich. Aber ein Kind zu gebären ist anders. Weil es hier nicht mehr nur um mich geht. Weil ich mein Leben und mein Wertesystem komplett neu ausrichten muss auf das Wesen, das ich zur Welt gebracht habe.

Frage: Letztlich beschreiben Sie eine mystische Erfahrung.

Antwort: Ich weiss nicht, ob ich es mystisch nennen würde . . . «Spirituell» ist vielleicht das bessere Wort. Man kann es auch nicht wirklich beschreiben oder imitieren. Es gibt ja diesen Forscher in Oxford, der sich als Fuchs verkleidet und in den Wald geht, um die Erlebnisse eines Fuchses nachzuleben (Charles A. Foster, Anm. d. R.). Funktioniert das? Kann er wirklich fühlen, was der Fuchs fühlt? Natürlich nicht. Genauso geht es Menschen, die versuchen, das Erlebnis einer Geburt über Erzählungen oder Erklärungen anderer nachzuvollziehen. Es ist eine wundervolle, zugleich sehr ursprüngliche und elementare Erfahrung, die sich unseren Worten entzieht.

Frage: Ist das Gebären der Clou des Lebens?

Antwort: Es ist definitiv eines der tiefgreifendsten Erlebnisse, die eine Frau im Leben haben kann. Ich empfand das als eine grosse Bereicherung. Ebenso wie ich das Stillen als eine Erfahrung erlebt habe, die mich näher zu einem Menschen gebracht hat, als ich es je zuvor gewesen bin.

Frage: Haben Sie schon vor Ihrer Mutterschaft übers Muttersein philosophiert?

Antwort: Keine Sekunde. Kinder haben mich nicht interessiert, und ich konnte nichts mit ihnen anfangen. Als Babysitterin war ich wirklich miserabel. Doch nun bereichert die Mutterschaft meine Philosophie, weil ich dank ihr auf einen grösseren Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.

Frage: Im Westen gibt es eine Debatte über die Nachteile, die eine Mutterschaft mit sich bringt, Stichwort #Regrettingmotherhood. Wie stehen Sie dazu?

Antwort: Es stimmt, dass Mutterschaft auch Schmerz, Leiden und Verzicht bedeutet. Auch Enttäuschung: Kinder werden nicht immer so, wie man sich das vorgestellt und erträumt hat. Das ist nun einmal so. Gerade, wenn die Kinder in die Pubertät kommen und man sie langsam loslassen muss, erleben Mütter nochmals herbe Enttäuschungen. All das stimmt. Und es ist sicher gut, wenn Frauen den Mut aufbringen, um über ihr Bedauern zu reden. Doch wenn diese Bewegung nun dazu führt, Frauen vom Kinderhaben abzubringen, fände ich das schlimm. Wobei ich zuversichtlich bin, dass das nicht passieren wird.

Frage: Wieso?

Antwort: Weil solche Trends nicht die Kraft haben, das Bauchgefühl von Frauen zu verdrängen. Letztlich ist und bleibt das Mutterwerden eine Sache der Intuition. Und was die Belastungen angeht: Ja, vielleicht macht Mutterschaft nicht jede Frau glücklich. Aber sie kann dem Leben jeder Frau einen neuen Sinn verleihen. Man leidet, aber es ist okay. Ich denke, so geht es den meisten Frauen.

Frage: Sie als Philosophin hatten als Mutter auf einmal viel weniger Zeit, um lesen, denken und schreiben zu können. Reden Sie sich die Realität schön?

Antwort: Natürlich habe ich das schmerzlich bemerkt. Allerdings hatte ich das Glück, meine Mutterschaft in meiner Philosophie auffangen und verarbeiten zu können. Mein Ehemann meinte einmal, die meisten Frauen erlitten wegen der Mutterschaft einen Karriereknick, ich dagegen habe dank ihr Karriere gemacht. Er meinte es zwar im Scherz, hat aber nicht unrecht.

Frage: Sie sagen, Mutterschaft sei letztlich eine Sache der Intuition. Aber viele Paare planen ihre Kinder heutzutage doch sehr genau, ganz bewusst.

Antwort: Natürlich ist es sinnvoll, im Leben Pläne zu machen. Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Kinderbekommen und, sagen wir, dem Kauf von Aktien oder der Auswahl eines Restaurants. Denn weil das Leben danach ein unvorhersehbar anderes sein wird, hilft auch die präziseste Planung nichts.

Frage: Ist Mutterschaft nicht auch ein sehr egoistisches Projekt? Danach kümmert man sich nur noch um das kleine Wesen, vernachlässigt die Freunde, die Nachbarn sowieso . . . Ziemlich asozial, nicht?

Antwort: Das ist okay. Es ist nur natürlich, dass man sich um seine Kinder mehr sorgt als um andere Mitmenschen. Und schliesslich sind Kinder der wichtigste Beitrag dazu, dass eine Gesellschaft überhaupt weiterexistieren kann. Insofern ist Kinderbekommen auch ein sehr sozialer Akt. Wenn man dafür das Geplauder mit dem Nachbarn etwas zurückfährt, erscheint mir das nicht allzu schlimm.

Frage: Unter progressiven Frauen ist es en vogue, Kinderlosigkeit offensiv zu propagieren. Weil die Männer zu nichts taugten, das Patriarchat sie danach unfair behandle . . .

Antwort: Das Bemerkenswerte ist, dass diese Frauen zwar politisch progressiv sein mögen, jedoch epistemisch konservativ handeln. Eben weil sie sich nicht auf das transformative Erlebnis der Mutterschaft einlassen wollen. Weil sie den Status quo bejahen, weil sie das Wagnis der Mutterschaft nicht eingehen wollen. Philosophisch gesehen ist das konservativ.

Frage: Wobei die Skepsis der Frauen ja leicht nachvollziehbar ist. Während Jahrhunderten wurden sie dazu gedrängt, Kinder zu bekommen – und möglichst viele davon. Verständlich, dass bei vielen der Verdacht aufkommt, man wolle sie mit Lobpreisungen der Mutterschaft in die alte Falle locken.

Antwort: Mutterschaft ist ein sehr emotionales Thema, deshalb hat meine Philosophie auch so viele Kritikerinnen. Eine Kritikerin verglich zufriedene Mütter mal mit Menschen, die man einer Lobotomie unterzogen hat – denen man also ein Stück vom Hirn abgetrennt hat. Solche Menschen sind zwar glücklich, aber eben auch kognitiv beschränkt. Das Problem ist, dass die jungen, kinderlosen Frauen nur den Schmerz und die Mühsal der Mütter sehen, aber nicht nacherleben können, wie sich die damit verbundene Erfüllung von innen anfühlt. Eben weil man eine transformative Erfahrung nicht erklären kann. Letztlich können kinderlose Frauen nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie von Mutterschaft reden. Dasselbe gilt für Männer, natürlich.

Frage: Gerade in Europa bemühen sich Staaten, ihre Bürger zum Kinderbekommen zu ermuntern und der Überalterung entgegenzuwirken. Etwa, indem man die Elternzeit verlängert oder Kinderkrippen subventioniert.

Antwort: So richtig scheint das aber nicht zu klappen, nicht wahr? Verstehen Sie mich recht, ich begrüsse solche Initiativen. Mein Ehemann ist Deutscher und hat sich für ein Kind eine einjährige Elternzeit genommen. So konnte er in seine Vaterrolle hineinwachsen und sie gestalten. Auch wenn Männern die existenzielle Erfahrung des Gebärens verwehrt bleibt, ist es gut, sie möglichst stark in die Elternschaft einzubeziehen. Aber letztlich werden diese staatlichen Massnahmen nie den Ausschlag geben. Selbst wenn eine Frau für jedes Kind fünf Millionen Euro bekäme. Die Entscheidung für ein Kind bleibt eine emotionale, intuitive.

Frage: Können Sie es empfehlen, Kinder zu bekommen?

Antwort: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Aber kann man auch ohne Kinder ein gutes Leben führen? Klar kann man das. Aber ich empfehle allen, in ihrer Wahl offen zu sein. Offen für transformative Erlebnisse.

Laurie Ann Paul

PD

Laurie Ann Paul ist Professorin für Philosophie an der Yale University. Paul ist spezialisiert auf Metaphysik und Entscheidungstheorie. Die 59-Jährige hat zwei leibliche und zwei Stiefkinder.

Bekannt wurde Paul im Jahr 2014 mit dem Buch «Transformative Experience». Das Buch stiess auf grosse Resonanz, es habe Paul zu einer der wenigen zeitgenössischen Philosophinnen gemacht, deren Werk man auch ausserhalb der akademischen Welt kenne, stellte das Magazin «The New Yorker» in seinem Porträt der Denkerin fest. Diesen Dezember wird «Transformative Experience» auf Deutsch veröffentlicht. (lsö.)

L. A. Paul: Erfahrungen, die uns verändern. Eine Philosophie transformativer Erlebnisse. Übersetzt von Ute Kruse-Ebeling. Dezember 2026, Springer Berlin.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Mehr als die Hälfte der kinderlosen Personen zwischen 18 und 45 Jahren will keine Familie gründen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Es ist kein Manko, keine Kinder zu haben. Doch gerade Rechtskonservative arbeiten sich gerne an dem Thema ab. Das offenbart einen merkwürdigen Begriff von Freiheit.

Viele Hürden lassen sich heute zwar überwinden. Frau hat dann Spitzenjob und Familie - aber nichts mehr vom Leben.

Схожие новости

#Наименование новостиТональностьИнформативностьДата публикации
1В США девушка не заметила свою беременность и родила раньше срока0520-07-2026
2Врач раскрыла необычную причину, по которой мужчины идут на партнерские роды06.8809-08-2026
3Охранница родила ребенка в школьном туалете в окружении коллег07.920-10-2026
4Жительница Азербайджана родила ребенка в 63 года0529-06-2026
5Женщина не заметила беременность и неожиданно родила08.0520-07-2026
6Hirnforschung: Warum Frauen rund um die Geburt vergesslicher sind07.6623-09-2026
7Мать 15 детей из Москвы заявила, что с одним ребенком может быть тяжелее012.3112-08-2026
8Leihmutterschaft: Was Leihmütter über Schwangerschaft und Trennung vom Kind berichten07.1324-07-2026
9Baby kommt in McDonald's-Filiale in Österreich zur Welt – jetzt kehrt die Familie dorthin zurück013.215-08-2026

Классификация: Мнения. Схожих патентов: 0. Схожих новостей: 9. Тональность: 0. Информативность: 11.4. Источник: www.nzz.ch.