Die ultrarechte Regierung Kolumbiens nutzt die Frankfurter Buchmesse zur Selbstdarstellung. Ein kleiner Verlag prangert die Propaganda-Ästhetik an – und spricht damit vielen Kolumbianer:innen aus der Seele, schreibt Südamerika+Reporterin Katharina Wojczenko.
Die ultrarechte Regierung wirbt beim internationalen Literatur-Höhepunkt vor allem für sich selbst. In Kolumbien finden das viele oberpeinlich, schreibt Südamerika+Reporterin Katharina Wojczenko.
10.10.2026
5 Minuten

„Horror!“, „wie hässlich!“, „wie ein evangelikaler Stand“ – und vor allem „wie peinlich!“: Die Kommentare in sozialen Medien zu Kolumbiens Stand auf der Frankfurter Buchmesse sind großteils katastrophal.
Wenige Worte, ein simples Design – doch der Ärger ist groß: „Kolumbien“ und „Das Wundervaterland“. Alles in Großbuchstaben. An einer anderen Wand in einer Mischung aus Groß und Klein: „Kolumbianische Bücher und Verleger“. Beides auf dunkelblauem Grund, darunter eine kolumbianische Fahne im Wind.

„Wir fühlen Scham“ über dieses Bild von Kolumbien, schreibt Laguna Libros, so sehr man sich über die Teilnahme in Frankfurt freue. In früheren Jahren hätten exzellente, extra engagierte Grafikstudios in ihrer Bildsprache zum Beispiel an den kolumbianischen Dschungel-Klassiker La Vorágine erinnert oder an heimische Schriftstellerinnen. Der diesjährige Stand sei indes „eine Hommage an die Mittelmäßigkeit“, geschaffen mit künstlicher Intelligenz – mit dem Regierungs-Slogan im Zentrum.
Statt der in Sachen Literatur erfahrenen Nationalbibliothek hat heuer die Kommunikationsabteilung der Präsidentschaft die Gestaltung des Stands übernommen. Das Online-Medium Revista Cambio und die Zeitung El Espectador haben recherchiert: Schon vor Antritt der neuen ultrarechten Regierung von Abelardo de la Espriella war ein Design für den Stand fertig gewesen.
Doch die neue Regierung kloppte es in die Tonne, ließ die PR-Abteilung ran und besprach das Ergebnis auch nicht mit dem Nationalen Bücherrat, wie es hätte sein sollen. So verschwand die ursprüngliche Idee, das Design mit dem „Gemeinsamen Haus“ (Casa Común) — ein Konzept, das mit der Vielfalt der indigenen Sprachen verbunden ist — und dem „Land der Bücher“ aus dem Vorjahr wiederzuverwenden.
Vielleicht sogar illegalDas Ergebnis ist optisch nicht besonders attraktiv – und womöglich illegal, wie das Team von Lagunas Libros anmerkt. Schließlich verbietet das Antimarken-Gesetz von 2023, dem Staat das Image einer wechselnden Regierung zu verpassen.
Immerhin: Im Stand ist wie bisher eine Kostprobe der vielfältigen kolumbianischen Literaturlandschaft zu finden. Doch sein Design verhindere die Internationalisierung der kolumbianischen Literatur, schreibt Laguna Libros.
Die Schrift, die Farben, der Spruch, all das erinnert stark an den Wahlkampf des heutigen ultrarechten Präsidenten Abelardo de la Espriella. Es ist auch nicht auf Deutsch übersetzt in Frankfurt.
Normalerweise sind in Lateinamerika Bogotá, Buenos Aires und Guadalajara die großen Buchmessen. Es sind keine Fachmessen wie in Frankfurt, wo am Ende das Nicht-Fachpublikum noch kurz vorbeischauen kann, sondern Lesefeste für die, die Bücher lieben.
Dass man jetzt in Kolumbien darüber spricht, was im fernen Frankfurt passiert, ist einem kleinen unabhängigen Buchverlag Laguna Libros zu verdanken. Das sechsköpfige Team machte auf Instagram seinem Ärger Luft, als es am Vorabend der Buchmesse erstmals den Stand sah. Der Post wurde mittlerweile mehr als 4000 Mal geteilt und fast 2000 Mal kommentiert – fast ausschließlich negativ.
Jemand schreibt, dass Kolumbien das einzige Land auf der Buchmesse sei, das seinen Stand mit Propaganda versehen habe. (Falls Sie dort waren oder vorbeischauen, checken Sie das mal – ich kann das aus der Ferne nicht nachprüfen.)
Zum Glück sei heuer das Wetter in Frankfurt ungewohnt warm, sagt Felipe González mir. Da könne seine Verlegerin die Geschäftsgespräche draußen führen, sollten die Partner*innen keinen Platz an ihrem Stand haben. Felipe González hat den Verlag Laguna Libros vor fast 20 Jahren gegründet und führt heute das Geschäft.
Man begreife sich als Versuchslabor, sagt er, aktuell für Graphic Novels, Erzählliteratur und Dokumentarisches. In Frankfurt hat sein Verlag ein paar Schätze dabei, die hoffentlich dank der Deals dort in weiteren Sprachen erscheinen werden. Zum Beispiel den preisgekrönten Roman Altasangre von Claudia Amador, einer jungen Autorin von der Karibikküste. Es geht um einen Vampirclan, der die Karnevalsstadt Barranquilla beherrscht. Gothic, Karibik, ein bisschen Blut. Erscheint demnächst als Highblood auf Englisch.
Im verwinkelten, lichten Sitz im Bogotaner Stadtteil El Polo steht eine Kaffeetasse von der Buchmesse vor dem Verleger. Schon mehrere Male war sein Verlag in Frankfurt dabei. Dieses Mal mit einem Stipendium der Nationalbibliothek.

Dienstagmorgen, als seine Kollegin vor Ort den Stand zum ersten Mal gesehen und Fotos geschickt hatte, setzte sich González hin, setzte den Text auf und stimmte ihn mit dem Team ab. Der bärtige Mann mit dem runden Gesicht und dem bunten T-Shirt schwankt immer noch zwischen Überraschung und Empörung.
Immerhin: Bedroht wurde er bislang noch nicht für seinen Post von den Abelardistas, wie die überzeugten Anhänger:innen des Staatschefs genannt werden. Der neue Präsident und seine Anhängerschaft sind berüchtigt dafür, auf Kritik mit Aggressionen zu reagieren. Von anderen Verlagen hat er Unterstützung bekommen.
Bloß keine DiversitätDer Slogan vom „Wundervaterland“ berufe sich auf sektiererische religiöse Überzeugung, sagt González. Patria Milagro, dazu ein Präsident, der immer wieder davon spricht, einem göttlichen Auftrag zu folgen, von Gott geprüft zu werden und der mit Unterstützung evangelikaler und erzkonservativer christlicher Gruppen ins Amt kam.
Dabei habe das megabiodiverse Kolumbien mit seinen unterschiedlichen Ökosystemen und 65 indigenen Sprachen eine ungeheure kulturelle Vielfalt hervorgebracht. „Diese Diversität wird ausgelöscht.“ Alles bekomme jetzt den PR-Stempel der Präsidentschaft, alles dieselbe Ästhetik.
González kritisiert zudem, dass es bislang überhaupt keine offizielle Kulturpolitik der Regierung gibt, sondern nur Andeutungen und Gerüchte. Die Zeichen aber stehen auf Alarm: Die Kultur, die der kolumbianische Staat laut Verfassung fördern muss, wird es demnach schwer haben in den kommenden vier Jahren. Das Kulturministerium hat zum ersten Mal in 27 Jahren die Preise und Auszeichnungen des Nationalen Förderprogramms gestrichen. Angeblich aus Budgetproblemen.
Das nach den gleichnamigen Humanisten und Philologen Caro y Cuevo benannte staatliche Forschungsinstitut hat seit Kurzem einen Leiter, der den „kulturellen Marxismus“ wegfegen will und offen vom „Kulturkampf“ und dem Ende der „woken Agenda“ spricht. In Videos schrieb der Institutsleiter den Selbstmord des Dichter-Idols Andrés Caicedo dem „Mangel an Gott“ zu und verteufelte den Gründer des Nadaismus, einer in Kolumbien entstandenen Literaturströmung.
Personalien, die Bände sprechenUmstritten ist auch die neu ernannte Leiterin der Nationalbibliothek, die erst seit wenigen Tagen im Amt ist. PR-Frau und Journalistin Julia Cristina Daza hatte für Abelardo de la Espriella aus Miami Wahlkampf betrieben. Erfahrung im Buch- und Bibliothekssektor hat sie keine; ebenso wenig mit Erinnerungskultur und historischem Erbe.
Die Mindestberufsjahre für den Posten erreichte sie nur dank großzügigster Auslegung der Kriterien durch das Kulturministerium. Dafür beteuerte sie beim Antritt, was für eine Ehre es sei, am Projekt des „Wundervaterlands“ mitzuarbeiten. Sie werde die seit 1777 bestehende Institution „in Gottes Hände“ legen.
„Geschmacklose faschistische Propaganda“Juan David Correa war unter der linken Vorgänger-Regierung von Gustavo Petro der am längsten amtierende Kulturminister. Der eingefleischte Linke hatte zuvor als Kulturjournalist, Schriftsteller, Herausgeber und Organisator der Bogotaner Buchmesse gearbeitet. Den Kolumbien-Stand in Frankfurt hat er auch schon organisiert.
„Maximal geschmacklose faschistische Propaganda“ sei der kolumbianische Auftritt, nach dem Vorbild von Donald Trump, sagt Correa am Telefon. „Das hat nichts mit der Welt der Bücher zu tun.“ Es überrasche ihn allerdings nicht, bei einer „Regierung von Nicht-Lesern“.
Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien zuerst in der taz.
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