In Boliviens Hochland gibt es Lithium - das Salz, das die EU dringend für ihren „Green Deal“ braucht. Doch wer wird vom Abbau profitieren? Die Doku „Materia Prima - New Energy, Old Powers?“ begleitet skeptische Einheimische, hoffnungsvolle Verhandler und widerständige Frauen.
Wer wird von den wertvollen Rohstoffen profitieren, die unter dem Salzsee von Uyuni liegen – und die die EU für ihren Green Deal so dringend braucht? Die Kino-Doku von Jens Schanze begleitet hoffnungsvolle Verhandler, skeptische Einheimische und indigene Frauen, die ihr Land und ihre Interessen verteidigen.
16.10.2026
5 Minuten

Die Kamera fliegt über den gleißend hellen, endlos flachen Salzsee von Uyuni im Hochland Boliviens. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich Himmel und Wolken, bis sie mit dem Boden zu verschmelzen scheinen. In der Ferne kreuzt eine Kolonne weißer Geländewagen die fast unwirkliche Landschaft – darin sitzen Gesandte aus Brüssel und europäische Unternehmer auf Explorationstour. Denn unter der fast unwirklich wirkenden Landschaft liegt der Stoff, auf den die EU ihren „Green Deal“ baut, auf den unsere Konsumwelt für die Zukunft setzt – und von dem sich Boliviens Regierung mehr Wohlstand für die eigene Bevölkerung verspricht: Lithium.

Kein einziges Bild der Dokumentation zeigt, was dieser Rohstoff, diese „Materia Prima“ weiter am Laufen halten soll: unsere Handyakkus, E-Autos, Datenzentren und Stromspeicher, kurz: unsere Lebensweise. Stattdessen entführt die Kamera von Börres Weiffenbach mit intensiven Bildern ins Zentrum des neuen Goldrauschs: die bolivianischen Anden. Eine karge, doch an Bodenschätzen reiche Landschaft zwischen 3.500 und 4.500 Metern Höhe, wo die Menschen seit Jahrhunderten ihre Erfahrungen gemacht haben mit europäischer Gier, die andere „Wirtschaftsinteressen“ nennen.
Der Kameramann klettert mit Minenarbeitern ins durchlöcherte Silberbergwerk der Stadt Potosí, das kurz vor dem buchstäblichen Zusammenbruch steht. Besucht indigene Familien, die um das Wasser für ihre Felder fürchten. Trifft junge Männer, die im Lithiumabbau eine Chance auf Arbeit und Einkommen sehen.

Wenn wir die Öffnung der Salzseen Boliviens verpassen, stehen wir als Idioten erster Klasse da.
Ein EU-Diplomat - im Film namenlos
Parallel begleitet der Film Verhandlungen zwischen europäischen Firmen, EU-Diplomatïnnen und bolivianischen Politikerïnnen auf nationaler wie lokalen Ebene. Letztere proklamieren voller Zuversicht Sätze wie „Die Zukunft unseres plurinationalen Staates Bolivien wird strahlen dank des Lithiums! Es ist nicht nur irgendein Rohstoff, es ist ein strategischer Rohstoff für die ganze Welt und eine Chance für das bolivianische Volk.“ Oder „Wir gehen voran, dass aus dieesem Salz eine Batterie wird, die von der ganzen Welt begehrt wird.“ Ein europäischer Unternehmer sieht die Sache eher pragmatisch: „Die Europäer möchten keine schmutzigen Industrien vor der Haustür. Der einzige praktikable Weg führt daher in den Globalen Süden.“ Und ein EU-Mann ergänzt: „Wenn wir die Öffnung der Salzseen Boliviens verpassen, stehen wir als Idioten erster Klasse da.“


Doch vor allem Frauen, viele davon Indígenas, glauben nicht an die schönen Versprechungen. Sie fürchten, ein erneutes Mal von den Mächtigen ausgebootet und ausgebeutet zu werden; wie es in der Kolonialzeit lief, davon erzählen im Film immer wieder Ausschnitte der Chronik des Inka Guaman Póma de Ayula aus dem 16. Jahrhundert – die einzige bekannte Quelle, die die damaligen Ereignisse aus der indigenen Perspektive schildert.
Warum sollten wir nicht lernen, unsere eigene Rohstoffindustrie aufzubauen?
Eine indigene Anwältin - im Film namenlos
Nun ist ihr Land erneut wertvoll geworden – und die Frauen wollen ihre Rechte an dem neuen Wert verteidigen. „Wir sind Guerilleras und kampferprobt“, ruft eine Marktverkäuferin und ihr Blick zeigt: Sie meint es ernst. Eine Juristin sagt: „Nie wieder werden wir jemandes Kolonie sein. Warum sollten wir nicht lernen, unsere eigene Rohstoffindustrie aufzubauen?“ Sie setzt auf „unsere eigentlich vollkommene Verfassung“, die 2009 unter dem mittlerweile abgetretenen indigenen Präsident Evo Morales verabschiedet wurde und die Kultur und Sprache von 36 indigenen Ethnien sowie die Rechte der Natur, der „Mutter Erde“ anerkennt. Eine Dritte ist weniger optimistisch: „Alles was die Regierung interessiert, sind die Bestechungsgelder der ausländischen Unternehmen.“

Der Film kommentiert all diese verschiedenen Sichtweisen nicht. Er hört nur zu und beobachtet. Schwenkt von der fast unwirklichen Weite der Wüste immer wieder in die beklemmende Enge der Minen und Wohnhütten. Und gibt so ganz unterschiedliche Hinweise auf die Frage, wer hier den Wohlstand ernten und wer den Preis bezahlen wird.
Diese Doku ist das Gegenteil eines SchnellschussesDass überhaupt so viele unterschiedliche Menschen im Film ihren Platz finden und offen sprechen, ist die große Stärke dieser Doku. Man spürt, dass Regisseur und Produzent Jens Schanze hier keinen Schnellschuss hingelegt hat. Er kennt Bolivien seit vielen Jahren, hat sich ein Netzwerk aufgebaut, genießt bei verschiedenen Gruppen Vertrauen. Gewöhnungsbedürftig bleibt sein dramaturgischer Kniff, weder Datum noch Ort noch Name oder Funktion seiner Protagonistïnnen zu nennen – statt sie, wie in Dokus normalerweise üblich, mit einer „Bauchbinde“ vorzustellen. So bleibt vieles vage. Spricht da ein Unternehmer oder ein EU-Mensch? Ein Mitglied der bolivianischen Regierung aus La Paz oder ein lokaler Politiker? Eine um das Wohl der Gemeinschaft besorgte Person oder eine korrupte, die nur so tut als ob?
Andererseits verwischen ohne diese Indizien die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß. Und das Grau dazwischen bietet eindeutig mehr Raum für eigene Gedanken.
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