Spaniens sozialistischer Regierungschef hat seine sozialen Versprechen nicht eingelöst. Nun inszeniert er sich als letztes Bollwerk Spaniens vor einem Rechtsruck. Das dürfte nicht funktionieren.

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Spaniens sozialistischer Regierungschef hat seine sozialen Versprechen nicht eingelöst. Nun inszeniert er sich als letztes Bollwerk Spaniens vor einem Rechtsruck. Das dürfte nicht funktionieren.
19.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Susana Vera / Reuters
Europas Linke hat nicht mehr viele Helden. Pedro Sánchez ist einer von ihnen. Während in vielen Ländern die Rechte erstarkt und die Sozialdemokratie an Bedeutung verliert, hält Spaniens Ministerpräsident unerschütterlich dagegen. Er legt sich mit Donald Trump und Elon Musk an, geisselt Israels Kriegsführung im Gazastreifen und verteidigt eine progressive Politik, von der sich andere längst verabschiedet haben. Er zeigt, dass die Linke noch Wahlen gewinnen und sich an der Macht halten kann.
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Und er hat den wirtschaftlichen Erfolg auf seiner Seite: Das Land boomt. Von Spaniens Wirtschaftswachstum können die Regierungen in Berlin, Paris und Rom derzeit nur träumen. Dennoch steckt Sánchez in einer schweren Krise. Ausgerechnet zu Hause droht er seine Macht zu verlieren. Am 29. November wählen die Spanier vorzeitig ein neues Parlament. Sánchez selbst hatte die Wahl angesetzt, nachdem seine Regierung mit zwei Dekreten zur Linderung der Wohnungsnot im Parlament gescheitert war. Die Umfragen sagen eine Mehrheit für die konservative PP und die rechtsnationale Vox voraus.
Ein linker Regierungschef, dessen Land wirtschaftlich boomt, gerät ausgerechnet bei einer sozialen Frage ins Wanken. Wie geht das zusammen?
Wachstum ist noch kein WohlstandDie Wohnungskrise ist mehr als ein Streit über Tausende fehlende Wohnungen und horrende Mieten. Sie trifft Sánchez im Kern seines politischen Versprechens: Wachstum soll Wohlstand und soziale Gerechtigkeit bringen. Zum Wahlkampfauftakt erklärte er, seine Regierung habe Spanien zu einem besseren Ort und «weltweit zum Vorbild für Frieden, Feminismus und Wohlstand» gemacht – trotz der «schlimmsten Opposition aller Zeiten» und im Kampf gegen «Tyrannen, Tech-Oligarchen und Spekulanten».
Was er aus den Augen verloren hat: Wachstum für das Land bedeutet eben nicht automatisch Wohlstand für alle.
Dabei ist der Wirtschaftsboom real. Im vergangenen Jahr wuchs Spaniens Bruttoinlandprodukt um 2,8 Prozent, fast doppelt so stark wie im EU-Durchschnitt. Knapp drei Millionen neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden, die Arbeitslosigkeit ist erstmals seit 2008 wieder unter zehn Prozent gefallen.
Kräftig unterstützt wurde Madrid dabei von der Europäischen Union. Rund 80 Milliarden Euro an Zuschüssen hat die EU Spanien aus ihrem Corona-Wiederaufbaufonds zugesagt. Das Geld half dem von der Pandemie arg gebeutelten Land aus der Krise und beschleunigte vor allem einen überfälligen Strukturwandel. Milliarden aus Brüssel flossen in die Digitalisierung und in erneuerbare Energien, bei denen Spanien inzwischen zu Europas Vorreitern gehört. Heute ist die Wirtschaft widerstandsfähiger, doch die alten Strukturen sind immer noch da – und bleiben stark.
Denn ein erheblicher Teil der spanischen Wirtschaft ist geprägt von traditionellen, arbeitsintensiven Branchen, in denen die Produktivität niedrig und die Löhne gering sind: dem Gastgewerbe, der Bauwirtschaft, der Landwirtschaft und vor allem dem Tourismus. Der eilt seit dem Ende der Pandemie von einem Rekord zum nächsten. Allein 2025 besuchten knapp 97 Millionen ausländische Touristen das Land. Fast drei Millionen Menschen arbeiten inzwischen in der Tourismusbranche.
Zu Hunderttausenden kommen die Arbeitskräfte aus dem Ausland. Mit seiner liberalen Migrationspolitik hat Sánchez vor allem Menschen aus Lateinamerika den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. Ohne sie – da sind sich Ökonomen im In- und Ausland einig – würde Spaniens Wirtschaft kaum so stark wachsen. Doch das Erfolgsmodell hat eine Schwäche: Allein viele neue Arbeitsplätze sagen wenig darüber aus, was sich die Beschäftigten von ihrem Lohn leisten können.
Laut der OECD gehört Spanien sogar zu jenen Industrieländern, in denen die Löhne im Verhältnis zu den Lebenskosten seit der Pandemie gesunken sind. Anfang 2026 lagen die inflationsbereinigten Reallöhne noch immer zwei Prozent unter dem Niveau von Anfang 2021. Und das, obwohl Sánchez den Mindestlohn kräftig erhöht und damit vor allem Geringverdiener vor der Inflation geschützt hat. Im Portemonnaie vieler anderer Beschäftigter kommt der Wirtschaftsboom jedoch kaum an.
Umso schwerer wiegen die Wohnkosten. Vielerorts steigen sie doppelt so schnell wie die Durchschnittslöhne. Die wachsende Bevölkerung und der florierende Tourismus treiben die Nachfrage nach Wohnraum, doch das Angebot hält nicht Schritt. Gerade einmal 92 000 Wohnungen wurden letztes Jahr fertiggestellt, der Bedarf wäre aber fast dreimal so hoch. Der Banco de España schätzt, dass inzwischen rund 750 000 Wohnungen fehlen. Längst beschränkt sich diese Krise nicht mehr auf die Mittelmeerküste und die grossen Metropolregionen.
Sánchez’ Regierung setzte vor allem auf Mietpreisbremsen und den Kündigungsschutz für die Schwächsten. Den Wohnungsbau brachte sie dagegen kaum voran. Pläne für mehr öffentlichen Wohnungsbau versandeten oder gingen im politischen Stellungskrieg mit konservativ regierten Kommunen und Regionen unter.
Sánchez trägt für die Wohnungsnot zwar nicht allein die Verantwortung. Doch wer seiner Regierung selbst historische Erfolge bescheinigt, muss sich auch an den ungelösten Problemen messen lassen.
Keine Regierung ist alternativlosBeim Ausrufen der Neuwahlen gab sich Pedro Sánchez dennoch selbstgewiss. Ja, es seien Probleme ungelöst geblieben. Seine Regierung aber habe «die besten wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Ergebnisse sämtlicher demokratischer Regierungen Spaniens erzielt», verkündete er. Das sei keine Meinung, sondern eine überprüfbare Tatsache.
Darin zeigt sich sein Irrtum: Sánchez’ Problem ist nicht der wirtschaftliche Erfolg, sondern dass er ihn für sich verbucht, während er die sozialen Folgen aus den Augen verloren hat. Gerade für einen Sozialisten ist das verheerend. Sein Eingeständnis ungelöster Probleme schrumpft neben so viel Eigenlob zur Fussnote.
Es ist die Hybris einer langen Regierungszeit. Sánchez präsentiert sich nicht mehr als Politiker, der um Zustimmung wirbt, sondern als alternativloser Retter. Seine Botschaft ist denkbar schlicht: Ja, es gibt Probleme. Aber die Lösung bin ich. Wer mich wählt, wählt den Fortschritt. Wer mich abwählt, liefert Spanien der Rechten aus.
Die Spanier müssten nun entscheiden, so Sánchez, ob sie Teil einer «ultrarechten Welle» würden oder ein «Bollwerk der Offenheit und sozialen Gerechtigkeit» bleiben wollten. So wird aus einem politischen Angebot ein moralischer Appell und ein Anspruch auf Gefolgschaft.
Dieses Rezept ist nicht neu. Schon vor den letzten Wahlen 2023 hielt Sánchez sein politisches Lager mit der Warnung vor einer Regierung aus der konservativen Volkspartei PP und der rechtsnationalen Vox zusammen. Dafür war er bereit, einen Preis zu zahlen, den er vor der Wahl noch selbst als «verfassungswidrig» bezeichnet und abgelehnt hatte: eine Amnestie für katalanische Separatisten, die im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitsreferendum von 2017 verurteilt worden waren. Auf ihre Stimmen war er für seine Wiederwahl als Regierungschef aber angewiesen. Sánchez verkaufte den Schritt als Beitrag zur Versöhnung Spaniens. Tatsächlich hat sich der Konflikt mit Katalonien danach entschärft. Das ist sein Verdienst.
Doch mit Carles Puigdemonts Rückkehr zum Wahlkampfauftakt kann auch der Katalonien-Konflikt rasch wieder aufbrechen. Und mit ihm die Erinnerung an Sánchez’ Kehrtwende bei der Amnestie. Ausserhalb Kataloniens haben ihm viele Spanier diese Milde nicht verziehen.
Die Warnung verhalltDie Warnung vor der Rechten verliert an Überzeugungskraft, wenn sie vor allem dazu dient, Machtkalkül zu überdecken. Zumal Sánchez inzwischen selbst Mühe hat, den moralischen Ansprüchen gerecht zu werden, mit denen er einst angetreten ist.
2018 stürzte er den konservativen Regierungschef Mariano Rajoy über einen Korruptionsskandal von dessen Volkspartei. Acht Jahre später erschüttern solche Affären sein eigenes Umfeld. Sein ehemaliger Verkehrsminister und enger Vertrauter José Luis Ábalos wurde im Juni wegen Korruption zu mehr als 24 Jahren Haft verurteilt. Sánchez selbst konnte keine Beteiligung nachgewiesen werden. Doch der Mann, der einst politische Sauberkeit versprach, muss sich heute für die Verfehlungen seiner engsten Mitstreiter rechtfertigen.
Das alles macht die politische Rechte nicht zur besseren Alternative. Vox ist im Aufwind und drängt die Konservativen nach rechts. Unter dem Schlagwort der «nationalen Priorität» sollen Spanier bei Sozialleistungen und öffentlichem Wohnraum bevorzugt werden. Migranten will die Partei «massenhaft remigrieren», Schutz- und Förderregeln für Frauen und Minderheiten abbauen und Katalonien sowie dem Baskenland Sonderrechte entziehen.
Die Gefahr einer Rückabwicklung seiner Politik, vor der Sánchez warnt, ist real. Aber sie taugt immer weniger als Rechtfertigung für seine eigene Politik.
Seine Selbstinszenierung birgt vielmehr ein Risiko. Wer eine Wahl vor allem zur Entscheidung über die eigene Person macht, macht es auch den Gegnern leichter, sich auf eine Sache zu konzentrieren: seine Ablösung. Der PP-Chef Alberto Núñez Feijóo erklärte dieser Tage, Vox sei nicht der Feind seiner Partei. Der Gegner sei Sánchez. Bei Vox applaudieren sie.
Das könnte die bittere Ironie seiner Regierungszeit sein: Sánchez hielt sich für die einzige Alternative zur Rechten. Nun bereitet er ihr den Weg.
10 Kommentare
Monika Diethelm-Knöpfel
vor 51 Minuten
1 Empfehlung
Die vielen Einwanderer aus Südamerika und auch Marokkaner, die Spanisch sprechen, kommen Madrid gerade recht. Es gibt für sie nämlich keine Verpflichtung, Katalanisch, Baskisch oder Galizisch zu lernen, wenn sie in den entsprechenden Regionen leben wollen. So helfen die Einwanderer, die Països Catalans, Galizien und die baskischen Lande zu kastellanisieren. Das wäre so, wie wenn jedermann, der in die Schweiz kommt, v.a. Deutsch lernen müsste, auch wenn er im Tessin oder in der Westschweiz lebte.
Josef Stadler
Heute
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„und verteidigt eine progressive Politik“. Was soll an linker Politik progressiv sein? Das ist ein alter Hut, der unbegreiflicher Weise immer wieder und immer noch hervorgekramt wird. Angesichts der weitgehend grauenhaften Historie linker Politik (Stalin, Mao, Pol Pot und und und …) sollte man nicht vorschnell positiv erscheinende Bewertungen zu Papier bringen.
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