KI-Agenten suchen Produkte in eigener Regie – und wickeln künftig auch die Zahlung selbständig ab. Doch sie könnten gezielt jene Angebote wählen, die dem Zahlungsanbieter die höchsten Provisionen einbringen.
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KI-Agenten suchen Produkte in eigener Regie – und wickeln künftig auch die Zahlung selbständig ab. Doch sie könnten gezielt jene Angebote wählen, die dem Zahlungsanbieter die höchsten Provisionen einbringen.
Valentina Rötheli16.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Illustration Ida Götz / NZZ
Jedem Konsumenten, der schon einmal online etwas bestellt hat, kommt diese Situation bekannt vor: Endlich hat man sich für ein Produkt entschieden. Die Nerven sind vom langen Suchen strapaziert. Und dann muss der Käufer für die Bezahlung die Kartendaten Nummer für Nummer eintippen und den Kauf auf der Kreditkarten-App bestätigen.
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Konsumenten können sich heute zwar das Online-Shoppen einfacher machen, indem sie KI-Assistenten selbständig nach Produkten suchen lassen. Den umständlichen Zahlungsprozess müssen sie aber bis heute selber erledigen. Darin wittert Visa eine Chance. Das Kreditkartenunternehmen schreibt in einer neuen Studie, dass 17 Prozent der Befragten offen dafür wären, dass ein KI-Assistent einen Kauf inklusive Zahlung vollständig autonom für sie erledigt. 33 Prozent würden die KI bis zu einem vorher festgelegten Betrag selber bezahlen lassen.
Wenig Transparenz für KonsumentenKlar ist: Visa will im KI-Geschäft mitmischen. Und die KI könnte weitreichende Kompetenzen im Zahlungsprozess erhalten. Konsumenten sollen beispielsweise Produkte über Chat-GPT suchen und direkt innerhalb der Unterhaltung kaufen können. Oder sie könnten KI-Assistenten bis zu einem festgelegten Preislimit Produkte bezahlen lassen, ohne dass sie den Kauf nochmals bestätigen müssen.
Das scheint für Konsumenten auf den ersten Blick praktisch. Doch wie fair und transparent ist dieses Geschäft? Suchmaschinen priorisierten Angebote basierend auf bezahlten Anzeigen, sagt Thomas Puschmann, Direktor des Swiss Fintech Innovation Lab an der Universität Zürich (UZH). Puschmann vermutet, dass auch Zahlungsanbieter wie Visa von der Bevorzugung bestimmter Produkte profitieren werden. Das bedeutet, dass die KI-Assistenten gezielt jene Produkte kaufen könnten, die dem Zahlungsanbieter am meisten Provisionen einbringen.
Der Umgang mit den Daten der Konsumenten wirft ebenfalls Fragen auf. Zwar werden kritische Kreditkartendaten durch verschlüsselte Token ersetzt, wenn die Zahlung über KI-Agenten abgewickelt wird: Anstelle der Kreditkartennummer werden für einen Kauf einmalige Zahlenkombinationen generiert. Kartendaten und Transaktionsdaten der Konsumenten sollen so unangetastet bleiben.
Bei den sogenannten Kontextdaten bei Onlineeinkäufen ist das anders, sie werden weniger geschützt. Mit ihnen können Onlinehändler beispielsweise nachvollziehen, ob eine Bestellung von einem Smartphone oder einem Desktop ausgeht, wo sich diese Geräte befinden und welches Wetter dort herrscht.
Diese Daten sind sehr wertvoll, die Onlinehändler können so den Konsumenten noch gezielter Produkte vorschlagen. Wenn sich ein Konsument beispielsweise in einer regnerischen Region befindet und einen Pullover bestellt, dann können Onlinehändler diesem Konsumenten auch gleich noch Gummistiefel vorschlagen. Wenn KI-Agenten die Zahlung tätigen, können Onlinehändler und KI-Unternehmen auf einem weiteren Kanal Daten sammeln.
Gatekeeper bauen ihre Macht ausVisa knüpft schon länger Kontakte in die Tech-Welt. Im April 2025 hat das Unternehmen das Visa-Intelligent-Commerce-Programm lanciert und eine Partnerschaft mit Open AI bekanntgegeben. Auch mit Google besteht seit Januar 2026 eine Zusammenarbeit.
Visa ist gemeinsam mit anderen Unternehmen Teil des Universal Commerce Protocol (UCP). Das UCP ist eine standardisierte Lösung, über welche KI-Agenten mit Online-Shops kommunizieren können. Die Projekte befinden sich erst im Aufbau, das Visa-Intelligent-Commerce-Programm ist in der Schweiz bis jetzt nur im Rahmen von Pilotprojekten getestet worden.
Visa hat als einer der weltgrössten Zahlungsanbieter einen Startvorteil im Onlinegeschäft: Das Unternehmen hat eine Gatekeeping-Funktion. Die meisten Onlinehändler sind darauf angewiesen, dass Konsumenten ihre Zahlung über Visa abwickeln können.
Das bisherige Geschäftsmodell werde nun in die Agentenwelt übertragen, auf jede Transaktion würden Aufschläge verlangt, sagt der UZH-Experte Thomas Puschmann. Visa erhebt seit April 2026 eine «Token Facilitation Fee» bei Onlineeinkäufen, die mit digitalen Geldbörsen getätigt werden. So stellt das Unternehmen sicher, dass es weiterhin an jedem Onlineeinkauf mitverdient. Auch für die Tech-Unternehmen sind die Deals mit Zahlungsanbietern attraktiv. Wie die Onlinehändler können auch sie ihre Datenbanken mit wertvollen Nutzerdaten zu Kauf- und Zahlungsverhalten ergänzen.
Letztlich profitieren Visa und KI-Unternehmen wie Open AI davon, dass sie vorerst noch auf einem Terrain mit wenigen rechtlichen Einschränkungen operieren. Das ist für den Schutz der Konsumenten problematisch. Was passiert, wenn KI-Assistenten selbständig Produkte kaufen, die der Konsument gar nicht will? Oder wenn sie trotz Sicherheitsstandards Kontodaten stehlen?
Grossbritannien hat kürzlich angekündigt, Haftungsregeln für Agententransaktionen einführen zu wollen. In der Schweiz ist es rechtlich unklar, wer für die KI-Agenten haften würde. Das Bundesamt für Justiz (BJ) erklärt auf Anfrage, es komme auf den Einzelfall an. Im Klartext heisst das: Es gibt keinen klaren Rechtsrahmen, der bei solchen Vorfällen greifen würde. Die Stiftung für Konsumentenschutz schreibt denn auch auf die Frage, ob das Schweizer System auf selbständig zahlende KI-Assistenten vorbereitet sei, ganz trocken: Nein.
Wie massentauglich ist Zahlen ohne Zustimmung?Bereits eine beachtliche Anzahl der Schweizer Konsumenten zeigt sich offen gegenüber KI-Agenten, die selbständig bezahlen. Trotzdem möchten 67 Prozent der Befragten in der Visa-Studie weiterhin jede Zahlung selbst abschliessen.
Auch wenn eine Mehrheit der Konsumenten ihre Käufe weiterhin selbst abschliessen will: Visa sieht im KI-Geschäft viel Potenzial. KI werde den Onlinehandel mehr verändern als die Erfindung des Internets, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Wie verbreitet selbständig zahlende KI-Agenten in Zukunft sein werden, bleibt ungewiss. Klar ist aber: In der neuen Einkaufswelt sind die Kräfte zwischen Konsumenten und Unternehmen ungleich verteilt. Etablierte Zahlungsanbieter und KI-Unternehmen festigen ihre Marktmacht. Für Konsumenten bleiben derzeit noch einige Fragezeichen zu Transparenz und Rechtssicherheit.
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