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Mehr Schein als Sein: Putins Pläne in der Arktis

Дата публикации: 15-10-2026 22:01:00

Putin feiert Russlands Vorstoß in die Arktis als großen Triumph. Doch hinter der glänzenden Fassade des Öl-Megaprojekts Wostok Oil lauern massive Probleme – und die Gefahr einer Umweltkatastrophe.

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Russlands Präsident Wladimir Puten vor dem Bildschirm sitzend bei einer Videoschalte zur Eröffnung des Projekts Wostok Oil

AUDIO: Russlands Arktisoffensive: Wostok Oil und die Grenzen der Unabhängigkeit (4 Min)

Neue Ölfelder

Russlands Erschließung der Arktis: zwischen PR und Realität

Stand: 16.10.2026 00:01 Uhr

Die Erschließung der Arktis spielt für den Kreml eine immer größere Rolle. Die Region soll Russlands geopolitische und wirtschaftliche Erfolge demonstrieren. Ab 2027 sind mehr als 300 Projekte mit einem Investitionsvolumen von 36 Billionen Rubel (rund 378 Milliarden Euro) geplant. Doch schon jetzt feiert Russland seine Erfolge jenseits des Polarkreises. Eines der Prestigeprojekte ist Wostok Oil, mit dem riesige Ölvorkommen in der russischen Arktis erschlossen und über die Nördliche Seeroute exportiert werden sollen. Die dort vermuteten Ölvorkommen entsprechen der 14-fachen aktuellen Jahresförderung Russlands. Doch wie viel davon ist Realität – und wie viel Propaganda?

von Evgenii Dulepinskii, Ostblogger Russland

Kurz nach Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine berichtete das Wall Street Journal über "erhebliche Rückschläge", die Wostok Oil "ohne westliches Kapital und importierte Technologie" drohten. Damals plante Rosneft, sein arktisches Megaprojekt schon 2024 in Betrieb zu nehmen. Wegen der westlichen Sanktionen gelang dies jedoch nicht. Erst Anfang September 2026 lief Wostok Oil an.

Wostok Oil: Russlands Prestigeprojekt

Der Produktionsstart wurde zum großen Medienereignis: Rosneft-Chef Igor Setschin besuchte dafür das neu errichtete Terminal Sever Bay, das als "nördlichster Hafen der Welt" gilt. Wladimir Putin nahm per Videoschalte an dem theatralisch inszenierten Festakt teil. Rosneft-Chef Setschin bat ihn dabei ausdrücklich um Erlaubnis, mit der ersten Verladung des Öls auf einen Tanker zu beginnen. Putin gab mit einem knappen "Gestattet" den Startschuss für den Transport über die Nördliche Seeroute.

Rosneft-Chef Igor Setschin bei der Eröffnungszeremonie des Ölprojekts Wostok Oil am 5. September 2026. Der russische Präsident Wladimir Putin gab per Videoschalte persönlich den Startschuss für die erste Ölverladung auf einen Tanker.

Wostok Oil ist ein riesiges Ölprojekt des russischen Staatskonzerns Rosneft auf der arktischen Halbinsel Taimyr. Es verbindet bereits erschlossene Ölfelder mit neuen Lagerstätten und umfasst den Bau von Pipelines und Hafenanlagen für den Ölexport über die Nördliche Seeroute.

Wostok Oil: Russlands Megaprojekt in der Arktis

Die Hauptpipeline, die die Ölfelder mit dem Terminal Sever Bay verbindet, ist 790 Kilometer lang und für den Transport von bis zu 100 Millionen Tonnen Öl pro Jahr ausgelegt. Das entspricht etwa einem Fünftel der gesamten jährlichen Ölförderung Russlands. Wostok Oil umfasst zudem umfangreiche Energie- und Infrastrukturanlagen, die unter extremen Wetterbedingungen errichtet wurden. Dem Unternehmen zufolge seien an der Umsetzung des Projekts mehr als 50.000 Menschen beteiligt, das Investitionsvolumen belaufe sich derzeit auf rund vier Billionen Rubel (etwa 42 Milliarden Euro).

Aus russischer Sicht werden sich diese Kosten offenbar auszahlen: Rosneft-Chef Igor Setschin beziffert die Ressourcenbasis von Wostok Oil auf sieben Milliarden Tonnen hochwertigen Öls. Diese Zahl ist jedoch umstritten. "Sie basiert auf geologischen Schätzungen. Die nachgewiesenen Reserven liegen derzeit bei rund zwei Milliarden Tonnen", erklärt Rima Abu Zaalan, Koordinatorin für investigative Projekte bei Arctida. Die Organisation wurde 2022 als Exilprojekt von Ilja Schumanow, dem ehemaligen Leiter von Transparency International Russland, gegründet.

Wostok Oil vereint Ölfelder der Wankor-Gruppe, deren kommerzielle Erschließung bereits 2009 begann, mit neuen Lagerstätten im Pajacha-Gebiet. Dort sei die Förderung noch in der Testphase, eine reguläre industrielle Produktion gebe es noch nicht, sagt die Expertin. Welcher Anteil der ersten Öllieferung aus den alten und welcher aus den neuen Fördergebieten stammte, blieb offen.

Bauarbeiten am Ölterminal Sever Bay an der Jenissei-Mündung in der russischen Arktis im August 2025. Der Hafen gehört zum Megaprojekt Wostok Oil, mit dem Russland seine Ölexporte über die Nördliche Seeroute massiv ausbauen will.

Sanktionen erschweren den Öltransport

Als weiteren Erfolg verbucht Russland die sogenannte Importsubstitution, also den Ersatz ausländischer Produkte und Technologien durch russische. "Die gesamte Ausrüstung und alle Anlagen, die beim Projekt Wostok Oil zum Einsatz kommen, werden in Russland hergestellt", betonte Igor Setschin. Arctida stellt das jedoch infrage: Auch wenn der Kreml oft von Importsubstitution bei seinen Projekten in der Arktis spreche, beobachte das Exilprojekt, dass die Ausrüstung nach wie vor über Zwischenhändler ins sanktionierte Land geliefert werde, beispielsweise über Unternehmen aus China oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Zu Wostok Oil sagt Abu Zaalan: "Bei der Pipeline oder der Stromleitung ist es durchaus möglich, dass diese aus eigener Kraft gebaut wurden. Gleichzeitig zeigen unsere Recherchen, dass Wostok Oil weiterhin auf Unterstützung westlicher Ölfeld-Dienstleister über deren russische Tochterunternehmen zurückgreift."

Vor allem auf See werde die Abhängigkeit von anderen Ländern dem russischen Megaprojekt zum Verhängnis. Für den Export des Öls über die Nördliche Seeroute benötigt Russland Schiffe der hohen Eisklassen Arc6 und Arc7. Sie haben verstärkte Rümpfe und können sich durch mehr als einen Meter dickes Eis bewegen. Derzeit verfüge Russland allerdings nur über einige Dutzend davon, sagt die Expertin. "Allein schon für die geplanten Fördermengen von Wostok Oil wären mehr davon erforderlich, und erst recht für die Gesamttransportmengen, die Russland über die Nordostpassage anstrebt."

Walrosse auf einer Eisscholle vor der russischen Wrangelinsel im Arktischen Ozean. Die empfindliche Natur der Arktis könnte durch mögliche Ölunfälle auf der Nördlichen Seeroute bedroht werden. (Archivbild von 1982)

Das Problem: Beim Bau solcher Schiffe ist Russland stark auf südkoreanische Werften und Technologien angewiesen. Wegen der Sanktionen wurde die Zusammenarbeit jedoch weitgehend auf Eis gelegt. Daher greift Russland auf Schiffe der sogenannten "Schattenflotte" zurück, die häufig unter fremder Flagge fahren und deren tatsächliche Eigentümer oft verschleiert werden. Nicht alle dieser Tanker sind für den Transport unter arktischen Bedingungen geeignet. Das könnte schwerwiegende Folgen haben.

Russlands Schattenflotte gefährdet die Arktis

Bei der Eröffnung von Wostok Oil betonte Wladimir Putin, dass das Projekt unter Einhaltung moderner Umweltstandards und mit Rücksicht auf die einzigartige Natur der Arktis umgesetzt werde. Ksenija Wachruschewa, Expertin des Arktis-Projekts der Umweltorganisation Bellona, sieht das anders. Die Organisation dokumentiert seit vielen Jahren die Umweltfolgen russischer Industrieprojekte und arbeitet seit 2023 aus dem litauischen Exil. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine und der Verhängung westlicher Sanktionen würden die russischen Behörden dem Umwelt- und Naturschutz weniger Aufmerksamkeit schenken, sagt Wachruschewa.

Das Monitoring von Bellona zeigt, dass die Zahl der Öltanker der russischen Schattenflotte auf dem Nördlichen Seeweg bereits das dritte Jahr in Folge wächst. Allein in zwei Monaten der diesjährigen Schifffahrtssaison wurden mehr dieser Schiffe registriert als im gesamten Vorjahr. Von den 50 erfassten Tankern verfügen 26 nur über eine niedrige Eisklasse oder gar keine. 33 sind zudem mindestens 15 Jahre alt. "Bei solchen Schiffen besteht ein hohes Risiko, dass sie bei einer Kollision mit Eis oder bei ungünstigen Wetterbedingungen in den anspruchsvollen Gewässern des hohen Nordens beschädigt werden. Das kann zu Ölverschmutzungen im Arktischen Ozean führen", sagt Wachruschewa.

Blick auf die Baustelle des Ölterminals Sever Bay an der Jenissei-Mündung im September 2021. Der Hafen soll den Öltransport über die Nördliche Seeroute ermöglichen. Umweltschützer warnen vor den Risiken durch zunehmend eingesetzte Tanker der russischen Schattenflotte.

Mehr noch: Eine Umweltkatastrophe in der Arktis könnte sogar von der Öffentlichkeit unbemerkt bleiben, warnt Wachruschewa. Denn die Verwaltung der Nördlichen Seeroute informiere inzwischen nicht mehr öffentlich über Zwischenfälle.

(baz)

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