Neue RKI-Daten zeigen den niedrigsten Adipositaswert seit 2006. Die eigentliche Herausforderung sind soziale Unterschiede – nicht eine Epidemie.
Neue RKI-Daten zeigen den niedrigsten Adipositaswert seit 2006. Die eigentliche Herausforderung sind soziale Unterschiede – nicht eine Epidemie.
Grundlage der aktuellen Auswertung sind die Schuleingangsuntersuchungen der Bundesländer. Dabei werden Kinder im Einschulungsalter ärztlich untersucht. Erfasst werden unter anderem Körpergröße und Körpergewicht, aus denen der Body-Mass-Index (BMI) berechnet wird.
Anders als viele andere Datensammlungen beruhen diese Ergebnisse also nicht auf Befragungen oder Abrechnungsdaten von Krankenkassen, sondern auf standardisierten körperlichen Messungen einer sehr großen Bevölkerungsgruppe. Damit gehören sie zu den belastbarsten epidemiologischen Datenquellen zur Entwicklung des Körpergewichts bei Kindern in Deutschland.
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Die aktuellen Daten für das Einschulungsjahr 2024 zeigen:
Von einer stetig wachsenden Adipositas-Epidemie im Kindesalter kann anhand dieser Entwicklung jedenfalls keine Rede sein. Die Zeitreihe zeigt vielmehr Schwankungen, einen vorübergehenden Anstieg während der Corona-Jahre und anschließend einen deutlichen Rückgang auf den bislang niedrigsten gemessenen Wert.
Die RKI-Daten zeigen jedoch einen anderen, gesundheitspolitisch deutlich relevanteren Zusammenhang. Die Häufigkeit von Adipositas unterscheidet sich deutlich zwischen wirtschaftlich benachteiligten und wohlhabenden Regionen:
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Damit ist Adipositas bei Kindern aus strukturschwachen Regionen mehr als doppelt so häufig wie bei Kindern aus wirtschaftlich besser gestellten Gegenden. Wichtig für die Einordnung: Diese Zahlen beschreiben die Wohnregion des Kindes, nicht direkt die soziale Stellung der einzelnen Familie. Auch ein Kind aus einem gut situierten Elternhaus in einer strukturschwachen Region wird dieser Region zugerechnet. Der Zusammenhang bleibt dennoch gesundheitspolitisch bedeutsam, weil er zeigt, in welchen Regionen Prävention und Unterstützung besonders notwendig sind.
Die eigentliche Herausforderung scheint daher weniger ein allgemeiner Anstieg der Adipositas zu sein als vielmehr die nach wie vor ausgeprägte soziale Ungleichheit. Diese Erkenntnis wurde bereits in zahlreichen Untersuchungen zuvor bestätigt, z.B. von der Uni Ulm (mehr im Artikel „Welche sozialen Faktoren häufiger mit Fettleibigkeit bei Kindern verbunden sind“)
Ein wesentlicher Grund liegt in der Art der öffentlichen Darstellung der Zahlen. Häufig wird nicht zwischen Adipositas und Übergewicht einschließlich Adipositas unterschieden. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene statistische Kennzahlen. Das aktuelle RKI-Beispiel verdeutlicht dies: Im Jahr 2024 waren in Deutschland 3,5 Prozent der Kinder im Einschulungsalter von Adipositas betroffen. Werden jedoch zusätzlich alle Kinder mit Übergewicht berücksichtigt, steigt die Kennzahl auf 8,4 Prozent.
Diese beschreibt ausdrücklich „Übergewicht einschließlich Adipositas“ und nicht die Häufigkeit von Adipositas allein - und nur diese Kategorie „Fettlebiigkeit“ ist gesundheitsrelevant. Somit unterscheiden sich beide Kategoriendeutlich. Adipositas ist eine eigenständige medizinische Diagnose mit einem deutlich erhöhten Gesundheitsrisiko. Die Kategorie „Übergewicht“ umfasst dagegen eine wesentlich heterogenere Gruppe und ist nicht mit einer Erkrankung gleichzusetzen - die Aussagekraft von „Übergewicht“ ist gesundheitlich ohne Nutzen.
Durch die Zusammenfassung beider Gruppen entstehen zwangsläufig deutlich höhere Prävalenzzahlen, die in der öffentlichen Kommunikation häufig undifferenziert als Beleg für eine „Übergewichtsepidemie“ herangezogen werden - das ist ein beliebter „Taschenspielertrick“ zur öffentlichen Meinungsmache. Bemerkenswert ist zudem: Selbst die kombinierte RKI-Kennzahl von 8,4 Prozent liegt noch deutlich unter den häufig zitierten Werten von 15 bis 20 Prozent, die regelmäßig als Beleg für eine angebliche Übergewichtsepidemie bei Kindern und Jugendlichen angeführt werden.
Diese höheren Zahlen beziehen sich jedoch auf andere Altersgruppen und verwenden ebenfalls die zusammengefasste Kategorie „Übergewicht einschließlich Adipositas“. Unterschiedliche Altersgruppen und unterschiedliche Risikokategorien werden dadurch häufig miteinander vermischt.
Immer wieder werden Berichte von Krankenkassen als Beleg für eine zunehmende Adipositas-Epidemie angeführt. Besonders häufig werden dabei Daten der Barmer zitiert. Hier lohnt sich jedoch ein genauer Blick auf die Datengrundlage. Während die RKI-Zahlen auf standardisierten körperlichen Messungen im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen beruhen, basieren die Barmer-Auswertungen auf ärztlich dokumentierten Diagnosen, die zu Abrechnungszwecken in den Krankenkassendaten gespeichert werden.
Es handelt sich also um unterschiedliche Datenquellen mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Krankenkassendaten bilden in erster Linie das Diagnose- und Abrechnungsgeschehen ab und sind daher nicht unmittelbar mit bevölkerungsbezogenen Messdaten vergleichbar. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung während der Corona-Pandemie. Damals wurde vielfach über einen zweistelligen relativen Anstieg der Adipositasdiagnosen berichtet.
Tatsächlich stieg der Anteil der dokumentierten Diagnosen in den Barmer-Daten von 3,19 auf 3,55 Prozent – also lediglich um 0,36 Prozentpunkte. Die relative Veränderung von 11,3 Prozent wirkt auf den ersten Blick dramatisch, die absolute Veränderung fällt dagegen deutlich geringer aus. Auch deshalb sollten unterschiedliche Datenquellen nicht ohne Weiteres miteinander gleichgesetzt werden.
Fazit: Die aktuellen RKI-Daten zeichnen ein deutlich anderes Bild, als es viele Schlagzeilen nahelegen. Eine allgemeine Adipositas-Epidemie bei Kindern im Einschulungsalter lässt sich anhand der aktuell verfügbaren Messdaten nicht belegen. Mit einer Häufigkeit von lediglich 3,5 Prozent wird vielmehr der niedrigste Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2006 erreicht. Gleichzeitig bestätigen auch die neue RKI-Daten deutlich, wo weiterhin die eigentliche Herausforderung liegt: Adipositas betrifft Kinder aus strukturschwachen Regionen mehr als doppelt so häufig wie Kinder aus wirtschaftlich besser gestellten Gegenden.
Wer über das Thema berichtet, sollte daher drei Dinge sauber voneinander trennen: erstens Adipositas und Übergewicht, zweitens gemessene epidemiologische Daten und diagnosebasierte Krankenkassendaten sowie drittens absolute und relative Veränderungen. Erst dann entsteht ein Bild, das den verfügbaren Daten tatsächlich gerecht wird.
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